20.11.2020 - 13:47 Uhr
Deutschland & Welt

Tori Amos über ihr Buch "Widerstand": "Demokratie ist nicht selbstverständlich"

Tori Amos singst nicht nur, sondern schreibt auch. Aber nicht nur die Texte zu ihren Liedern, sondern eine Biografie. Darin erzählt die sensible (und ab und an vulgäre) Diva mit der herben Schale anhand von mehr als 30 ihrer Songs über wichtige Lebensstationen, die Werk wie Privatleben entscheidend geprägt haben.

In ihrem aktuellen Buch erzählt die starke Frau und Künstlerin Tori Amos anhand von über 30 Songs von ihren wichtigsten Lebensstationen mal lyrisch, mal provozierend, aber immer offen und ehrlich.
von Autor MFGProfil

Seit Tori Amos zu Beginn der 90er auf ihren geliebten High Heels ins Licht der musikalischen Öffentlichkeit stöckelte, um sich auf der Bühne galant hinter dem nicht minder geliebten "Bösendorfer"-Flügel zu verschanzen, ist diese One-Woman-Revue eine Schau, im besten Sinne des Wortes. Musikalisch verortet zwischen Kate Bush und Joni Mitchell, steht die Mittfünfzigerin aus dem US-Bundesstaat North Carolina nicht nur für exzellenten Sound zwischen Folk, Rock und Klassik, sondern auch für geistreiche, einfühlsame, gerne mal provozierende Texte.

In dem Buch "Widerstand - Hoffnung, Wandlung und Mut. Die Geschichte einer Songwriterin (240 Seiten, 20 Euro, Hannibal-Verlag) geht es um den Tod der Mutter, um die eigene Vergewaltigung, um den permanenten Kampf gegen Unterdrückung und für die weibliche Emanzipation, um die Schönheit der Natur und einiges mehr. Intensiv, nachdenklich, immer wieder provozierend. Nicht umsonst ist diese "Geschichte einer Songwriterin" mit "Widerstand: Hoffnung, Wandlung und Mut" folgerichtig betitelt.

ONETZ: Wann hatten Sie zum ersten Mal die Idee für dieses Buch?

Tori Amos: Sie ist etwa vor drei Jahren auf dem Mist meines Verlegers gewachsen, der schon mein erstes Werk publiziert hat. Er hat mich geradezu genötigt, dieses - nun ja - "Statement" zu verfassen. Er wollte zum einen, dass ich etwas über mein recht ungewöhnliches Leben sowie meine spezielle Gedankenwelt verfasse. Gleichzeitig erwartete er eine politische Aussage gegen das aktuelle US-Regime, das wir beide zutiefst verachten. Unter diesem Umstand konnte ich einfach nicht "nein" sagen. Ich ließ mein Herz bluten.

ONETZ: „Widerstand“ ist demnach eine Art Autobiografie wie ein philosophisches Extrakt wie eine Kampfansage gegen Donald Trump und Konsorten?

Tori Amos: So könnte man es ausdrücken. Was den persönlichen Aspekt betrifft: Etwa meine Jugend unterscheidet sich stark von der Jugend der meisten weiblichen amerikanischen Teenager. Da gibt es einerseits diese grässliche Vergewaltigung, die ich bis heute nicht komplett verarbeitet habe. Gleichzeitig hat diese schlimme Tat dazu geführt, dass ich so richtig aufgewacht bin, neugierig wurde, positiv, mich auf alles eingelassen habe, was Abenteuer und Spannung versprach.
Ich war schon als junge Frau Teil der politischen US-Gegenbewegung. Woran sich bis heute nichts geändert hat. Wenn man all diese Erfahrungen und Entwicklungen unter einem Kaleidoskop betrachtet - dann bekommt der Außenstehende einen Eindruck davon, was "Widerstand" mitzuteilen hat.

ONETZ: War es nicht anstrengend, sich tief in der eigenen Innenwelt zu verlieren?

Tori Amos: Das Schreiben mancher Kapitel fiel mir erstaunlich leicht. Merkwürdiger Weise die radikal persönlichen wie das über den Tod meiner Mutter oder meine Vergewaltigung. Ich habe diese Erlebnisse, wenn auch mit brennendem Herzen, schlicht abgearbeitet. Doch speziell die politischen oder mythologischen Betrachtungen haben mich, je tiefer ich mich eingrub, an manchen Tagen beinahe geisteskrank werden lassen. Jedenfalls bin ich froh, dass dieses Ding jetzt im Handel steht, ich damit abgeschlossen habe.

ONETZ: Gerne werden Sie als „moderne Frauen-Ikone“ bezeichnet. Schmeichelt Ihnen das?

Tori Amos: Darüber denke ich lieber nicht nach. Was ich definitiv über mich weiß: Ich bin der Exzentrik verfallen. Habe teilweise sehr merkwürdige Ansichten über das Dasein per se. Findet übrigens auch mein Gatte, der mich seit rund 25 Jahren mal mehr, mal weniger erträgt. (lacht) Als er die Manuskriptseiten las, in denen es um ihn und unsere inzwischen 20-jährige Tochter geht, war er dermaßen schockiert, dass er mich als "Hexe" bezeichnete und mir sogar Hausarrest erteilte. Tja, so ist das ab und an in einer chaotischen und dennoch wundervollen Ehe.

Tori Amos: "Widerstand".

ONETZ: Warum haben Sie das Wort „Widerstand“ als Titel für Ihr aktuelles Buch gewählt?

Tori Amos: Das ist ein sehr altmodischer Begriff. Und er ist aktuell wie selten zuvor. Ich sehe die Demokratie, nicht nur in meinem Heimatland, in höchster Gefahr. Also müssen wir uns, als Ur-Liberale, mit allem in unserer Kraft Stehenden wehren, damit uns die Freiheit nicht weggenommen wird. Demokratie ist nicht selbstverständlich. Wir müssen dafür einstehen. Und sie ist schon gar nicht verhandelbar. Niemals.

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