"Der Rettungsdienst in Bayern ist nicht auf Kante genäht", erklärte der Vorsitzende des bayerischen Rettungsdienstausschusses, Stephan Nickl, bei einer Expertenanhörung im Innenausschuss des Landtags.
Michael Bayeff-Filloff, Ärztlicher Rettungsdienst-Landesbeauftragter, ergänzte, die höheren Fallzahlen und neue Herausforderungen wie die älter werdende Gesellschaft seien noch gut zu bewältigen. Dagegen klagte Lorenz Ganterer von der Gewerkschaft Verdi über wachsende Belastung der Mitarbeiter. Mit ehrenamtlichen Helfern ließen sich diese Lücken nicht schließen, warnte er.
Als Hauptproblem sehen die Experten: Die Einsätze sind in den vergangenen zehn Jahren um knapp 50 Prozent gestiegen. In etwa 70 Prozent der Einsätze werde aber gar kein Notarzt gebraucht, berichtete Michael Schroth, Sprecher der in Bayern tätigen Notärzte. Die Experten begründeten dies mit der zunehmenden Zahl an Single-Haushalten, in denen Hilfsleistungen entfielen, die sonst von Familienmitgliedern abgedeckt würden. Auch falsch interpretierte Informationen aus dem Internet seien ein Problem. Vor allem abends und am Wochenende würden sich viele Bürger nicht mehr an den kassenärztlichen Notdienst wenden, sondern selbst wegen Kleinigkeiten den Rettungsdienst oder die Notfallambulanzen bemühen. Hier forderten die Experten klare gesetzliche Regelungen. Als zunehmend problematisch erweise sich das Fehlen von Ärzten auf dem Land. Auch, dass es immer weniger wohnortnahe Krankenhäuser gebe, führe zu mehr Einsätzen - und weiteren Entfernungen zum Einsatzort.
Harry Scheuenstuhl (SPD) sah bestätigt, dass beim Rettungsdienst in Bayern "nicht alles in Ordnung ist". Die hauptamtlichen Mitarbeiter seien überlastet, aufgrund neuer Herausforderungen fehle es an Personal und Einsatzfahrzeugen. Jürgen Mistol (Grüne) verwies auf die strukturellen Verschiebungen im Gesundheitsbereich. Hier müsse die Politik steuernd eingreifen. "Es darf nicht sein, dass alles beim Rettungsdienst abgeladen wird, was andere nicht mehr leisten können", sagte er. Zufrieden zeigte sich dagegen Norbert Dünkel (CSU). Die Anhörung habe gezeigt, dass der Rettungsdienst in Bayern "hervorragend aufgestellt" und ein "Vorbild für ganz Deutschland" sei.
Drei Fragen an Herbert Putzer
Herr Putzer, sind die regionalen Rettungsdienste überlastet?
Herbert Putzer, Leiter der Integrierten Leitstelle Nordoberpfalz: Diesen Eindruck habe ich nicht. Allerdings wird der Rettungsdienst immer häufiger wegen Bagatellen gerufen. Das liegt meist daran, dass auf dem Land immer weniger Hausärzte praktizieren.
Haben Sie oft mit aggressiven Anrufern zu tun?
Das Anspruchsdenken der hilfesuchenden Anrufer hat sich geändert. Da wird der Tonfall schnell schärfer. Probleme mit aggressiven Anrufern haben wir aber schon immer. Wir sind einiges gewohnt.
Wie würden Sie die Notrufzentralen verbessern?
Für die Bürger wäre es einfacher, wenn sie Notruf und Ärztlichen Bereitschaftsdienst wieder unter einer einheitlichen Nummer erreichen könnten. Viele sind im Moment des Schocks mit der Unterscheidung der 112 (Notruf) und der 116117 (Ärztliche Bereitschaft) überfordert. (olr)












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