10.01.2021 - 18:22 Uhr
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Geologie-Professor Dill über Endlager-Suche: Auch keine Sonderrolle für Wackersdorf

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Dass das einstige WAA-Gelände günstig für ein Atommüll-Endlager sei, stieß auf scharfe Kritik. Nun verteidigt Geologie-Professor Harald Dill seine Aussagen - und stellt klar, warum er von einem Endlager in Wackersdorf wenig hält.

Keiner will den Atommüll: Während weite Teile der Oberpfalz weiter als Standort für ein Endlager infrage kommen, feiert eine Bürgerinitiative das Ausscheiden Gorlebens aus dem Suchverfahren für ein Endlager.
von Julian Trager Kontakt Profil

Sein Interview mit Oberpfalz-Medien über die Endlager-Suche hat im November für viel Aufmerksamkeit und auch Ärger gesorgt in der Region, vor allem im Landkreis Schwandorf – speziell in Wackersdorf. Der in Oberfranken geborene Geologie-Professor Harald Dill hatte eine WAA-Bohrung in Wackersdorf als Beispiel erwähnt. In Schwandorf und in Wackersdorf reagierte man auf diese Aussagen sehr verärgert. Landrat Thomas Ebeling und Wackersdorfs Bürgermeister Thomas Falter (beide CSU) kritisierten den Professor scharf. Nun kontert Dill, verteidigt seine Aussagen - und stellt klar, dass er von einem Endlager in Wackersdorf wenig hält und das andere Regionen geeigneter seien.

ONETZ: Sie haben mit Wackersdorf eine Möglichkeit von vielen aufgezeigt, werden aber ja nichts entscheiden. Waren Sie von den Reaktionen auf das Interview überrascht?

Prof. Harald Dill: Überrascht haben mich in erster Linie die Reaktionen der Regionalpolitiker von Wackersdorf und dem Landkreis Schwandorf, die mir allein auf die bloße Erwähnung des Namens Wackersdorf hin ein "unsensibles und absolut taktloses" Verhalten vorwerfen. Für sie mag das ein Reizwort sein, nachgerade ein Tabu, für mich als Wissenschaftler gibt es jedoch weder ein Denkverbot noch das Verbot, Ergebnisse meiner Arbeit darzulegen. Insofern kann kein Ort von vornherein für sich eine Sonderregelung, aus welchen Gründen auch immer, in Anspruch nehmen. Als Geowissenschaftler habe ich meine fachliche Meinung zur Endlagerung ausschließlich auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und der Datenlage geäußert, die ich bei der Untersuchung der WAA-Bohrung erarbeitet habe. Auch als Bürger einer Demokratie lasse ich mir nicht den Mund verbieten, nur weil es für Politiker selbst gesetzte Tabuthemen gibt, die ihnen offensichtlich Unannehmlichkeiten ersparen sollen. Der bayerische Ministerpräsident, Dr. Söder, verweist beispielsweise auf Gorleben und kritisiert die Herausnahme des Salzstockes aus der Endlagersuche.

ONETZ: Der Bericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) hatte Gorleben als ungeeignet eingestuft ...

Prof. Harald Dill: Söder hat damit einen Standort ins Spiel gebracht, wo es genauso wie in Wackersdorf jahrelang zu bürgerkriegsähnlichen Szenen kam. Ich frage mich, ob Herr Landrat Ebeling und Herr Bürgermeister Falter den CSU-Parteivorsitzenden Söder, der Gorleben ohne jeden wissenschaftlichen Bezug, sondern aus rein parteipolitischen Gründen ins Spiel brachte, auch als "absolut taktlos" und "unsensibel" abkanzeln würden? Umweltminister Glauber hob für die bayerische Staatsregierung hervor, dass für sie Geologie vor Ideologie gehe. Ich kann dieser Aussage inhaltlich nur voll zustimmen. Politiker in Bayern, auf welcher Ebene sie auch immer tätig sein mögen, sollten das beherzigen und nicht mit unqualifizierten persönlichen Angriffen auf eine faktenbasierte wissenschaftliche Aussage reagieren. Im Übrigen wird kein Wissenschaftler einen konkreten Standort für ein Endlager in Bayern auswählen, schon gar nicht ich als ein Exil-Franke.

Das erste Interview: Wackerdsorfer Boden günstig für Atommüll

Wackersdorf

ONETZ: Wurden Sie beleidigt oder gar bedroht?

Prof. Harald Dill: Nein. Ich habe bei früheren Interviews, bei denen ich zur Endlagerung und anderen Themen Stellung bezogen habe, kritische Leserbriefe bekommen, deren Inhalt ich zwar in keiner Weise teile, aber deren Veröffentlichung ich begrüße. Es gab auch anonyme E-Mails. Man warf mir vor ich würde gesponsert. Ich bin parteilos und vollkommen unabhängig und nur meinem wissenschaftlichen Ethos verpflichtet.

Auch als Bürger einer Demokratie lasse ich mir nicht den Mund verbieten, nur weil es für Politiker selbst gesetzte Tabuthemen gibt, die ihnen offensichtlich Unannehmlichkeiten ersparen sollen.

Geologie-Professor Harald Dill

Geologie-Professor Harald Dill

ONETZ: Stehen Sie noch dazu, dass der Wackersdorfer Boden günstig ist?

Prof. Harald Dill: Wenn man ein Fachinterview, das der Aufklärung dienen soll, wirklich verstehen will, dann genügt es nicht, nur die Überschrift oder gar einen tendenziösen Kommentar zu lesen, der vornherein die Leser beeinflussen soll. Im Interview verwies ich auf die Bohrung Wackersdorf 1, die mir für wissenschaftliche Zwecke vom damaligen BGLA (Bayerisches Geologisches Landesamt, Anm. d. Red.) überlassen wurde. Ich habe die Gesteine frei von jedem Bezug zur Endlager-Problematik geowissenschaftlich untersucht. Granitisches Gestein tritt bei circa 350 Meter unter einem Deckgebirge aus Sand und Ton auf. Dieses Szenario bot sich für die Entwicklung geowissenschaftlicher Modelle an. Diese Modelle können auch für Endlager-Überlegungen herangezogen werden. Gegen Ende des Interviews erwähnte ich noch, dass ich wenig von einer 350-Meter-Tiefe halte, sondern ein Endlager in 1000 Meter Tiefe favorisiere. Mit dieser Aussage hätte jeder die Entscheidung "gegen den Standort Wackersdorf" treffen können. Meine Modelle, die ich an der WAA-Bohrung erarbeitet habe, halte ich nach wie vor aufrecht.

Schwandorfer Kritik an Prof. Dill

Wackersdorf

ONETZ: In Relation zu anderen Regionen und Gebieten: Wie günstig ist der Wackersdorfer (und auch der Oberpfälzer) Boden? Und gibt es aus Ihrer Sicht nicht geeignetere Regionen anderswo?

Prof. Harald Dill: Wenn Sie sich die Karte der potenziellen Endlagergebiete der BGE ansehen, werden Sie in Süddeutschland eine zusammenhängende rote Zone zwischen Schwarzwald und dem nordostbayerischen Grundgebirge erkennen. Diese rote Zone weist auf Granite und Metamorphite im Untergrund hin. Es ist gewissermaßen eine große Schüssel, gefüllt mit Ton, Sand und Kalkstein und einem welligen "Schüsselboden" aus Granit und Metamorphiten. Die Ränder der Schüssel liegen im Schwarzwald und im nordostbayerischen Grundgebirge. Wackersdorf ist mit seinen 350 Meter am äußersten Ost-Rand der Schüssel. In dieser Schüssel wurden vom BGLA zahlreiche Tief-Bohrungen durchgeführt, etwa in Berching, Dinkelsbühl, Eschertshofen, Kallmünz oder Nördlingen.

ONETZ: Was kam dabei heraus?

Prof. Harald Dill: Die Bohrungen förderten interessante Ergebnisse zutage. Zum Beispiel tritt in der Bohrung Kallmünz 1982, die circa 25 Kilometer südwestlich von Wackersdorf abgeteuft wurde, der "kristalline Schüsselboden" erst in 430 Meter Tiefe auf. In Unterfranken liegt der Schüsselboden in mehr als 1000 Meter Tiefe, in Wackersdorf dagegen nur bei 350 Meter.

ONETZ: Wie schwer ist es überhaupt, festzustellen, ob eine Region günstig für ein Endlager ist?

Prof. Harald Dill: Es ist nicht einfach und es müssen noch viele Daten erhoben werden. Bohrungen allein reichen nicht aus, sondern man muss das potenzielle Gebiet noch mit Tiefengeophysik sondieren, um Kenntnisse über die Verbreitung der endlagerfähigen Gesteine und ihre tektonische Beeinflussung zu erhalten. Finnland, Schweden oder Tschechien, die alle granitische Wirtsgesteine favorisieren, sind in ihren Untersuchungen hierbei schon weiter fortgeschritten.

ONETZ: Welchen Boden favorisieren Sie?

Prof. Harald Dill: Noch mal zurück auf mein "Schüssel-Modell". Alle drei Endlagergesteine Salz, Ton und Granit haben Vor- und Nachteile. Tongesteine sind unlöslich und nahezu undurchlässig für Lösungen. Sie sind jedoch thermisch und gebirgsmechanisch weit weniger stabil als Granit. Deshalb bevorzuge ich modellartig einen Granit in großer Tiefe, wo die Natur bereits seit 300 Millionen Jahren ihre radioaktiven Materialien (Uran) in Bayern endgelagert hat, und darüber eine mächtige Sedimentserie mit undurchlässigen Tonschichten als Abdichtung. Diesen Gesteinsaufbau von Granit und Sediment findet man in Deutschland auch noch an anderen Orten. Mächtige homogene Tonschichten gibt es auch in der Unterkreide von Niedersachsen, direkt vor meiner Haustüre. Ich habe dort selbst an Bohrungen für eine Sondermülldeponie in diesen Gesteinen mitgearbeitet. Ich würde mich fachlich genauso dazu äußern wie in der Oberpfalz. Das "Prinzip des Heiligen Sankt Florians" darf in der Endlagerfrage nicht zum Glaubensbekenntnis erhoben werden.

Tatsächlich kommen weite Teile der Oberpfalz in Frage

Parkstein

Homepage von Prof. Harald Dill

Weitere Informationen über Dill

Zur Person:

Professor Harald Dill

  • Herkunft: 1949 in Marlesreuth bei Naila (Kreis Hof) geboren, Wehrdienst in Weiden, heute wohnhaft in Hannover
  • Studium: Studium der Geologie, Mineralogie, Lagerstätten und Geografie in Würzburg, Aachen und Erlangen
  • Beruf: Professor an der Uni Mainz sowie im Ausland; von 1979 bis 2014 Wissenschaftler der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover; noch heute Dozent an der Uni Hannover; rund 370 Publikationen

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