23.12.2019 - 16:58 Uhr
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30 Jahre nach dem Durchschneiden des Eisernen Vorhangs: Tschechen und Deutsche gedenken

Am 23. Dezember 1989 fiel der Eiserne Vorhang. Oberpfalz, Pilsen sowie die beiden Grenzorte Waidhaus und Rozvadov laden einen Tag vor Heilig Abend zum Erinnerungstreffen. Sie feiern - und sie mahnen.

Am 23. Dezember 1989 durchschnitten Genscher und Dienstbier den Eisernen Vorhang. Nun nahmen der tschechische Außenminister Tomáš Petrícek (vorne rechts) und Finanzminister Albert Füracker den Bolzenschneider in die Hände.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Das Wetter in diesem Waldstück bei Nové Domky (Neuhäusl) lässt Nostalgie aufkommen - ähnlich wie vor 30 Jahren weht ein eisiger Wind durch die Bäume. Die beiden Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Jirí Dienstbier durchschnitten an dieser Stelle einen Zaun, der zum Eisernen Vorhang gehörte. Wo vor 30 Jahren die eine oder andere Schneeflocke vom Himmel fiel, fallen heute dicke Regentropfen auf die Teilnehmer dieses Erinnerungstreffens.

Tschechen und Deutsche gedenken dem Durchschneiden des Eisernen Vorhangs

Mit dem Hubschrauber ist diesmal niemand angereist. Der tschechische Außenminister ist mit dem Auto da, der deutsche gar nicht erst gekommen. Stattdessen geben sich Bezirkstagspräsident Franz Löffler, der Oberpfälzer Regierungspräsident Axel Bartelt, Finanzminister Albert Füracker sowie von tschechischer Seite Pilsens Bezirkshauptmann Josef Bernard und Jirí Dienstbier, Senator im tschechischen Parlament und Sohn des damaligen Außenministers die Ehre. Das Erinnerungstreffen ist - so scheint es - ein Treffen für Presse und Politiker. Grenzanwohner sind nur eine Handvoll da, die einen den Hund an der Leine, die anderen den Nachwuchs an der Hand. Es wirkt wie ein Klassentreffen nach dreißig Jahren; aber der einzige, der von offizieller Seite tatsächlich zum zweiten Mal beim Durchschneiden des Zaunes dabei ist, ist Jindrich Cervený, ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Rozvadov.

Blick durch das Denkmal zum Fall des Eisernen Vorhangs auf das Erinnerungstreffen in Nové Domky.

Flaggen und ein Stein

Dieser erinnert sich besonders an eines der kleinen organisatorischen Probleme vor jenem historischen Moment in Nové Domky: "In Rozvadov gab es keine deutsche Fahne, Waidhaus hatte keine tschechische." Er lacht. Die Gedenkstätte aus Stein, die heute an jenen Augenblick erinnert, an dem Genscher und Dienstbier den Zaun durchtrennten, sei eine Idee seines damaligen Kollegen aus Waidhaus gewesen: "Er war Steinmetz."

Drei Meter Zaun

Geschätzt drei Meter Zaun wurden hinter jenem Gedenkstein aufgebaut, um zerschnitten zu werden. Der Bolzenschneider wird herumgereicht, bald ist der Zaun durchtrennt. Wo an dieser Stelle vor 30 Jahren Freudentaumel das beherrschende Gefühl war, ist es heute die Mahnung. "Das ganze 20. Jahrhundert hatten wir nicht die Möglichkeit, so lange freundschaftlich nebeneinander zu leben", sagt Pilsens Bezirkshauptmann Josef Bernard. "Und nun gibt es wieder Scheinheilige, die sagen, dass Zäune an der Grenze gut wären - aber von denen lassen wir uns die gute Laune nicht vermiesen." Statt - wie vor 30 Jahren - zwei Flaggen, wehen jetzt drei im Wind von Nové Domky - die europäische ist dazugekommen. Man müsse sich weiterhin für ein freies und geeintes Europa einsetzen, mahnt Regierungspräsident Bartelt. "Aus Gegnern am ehemaligen Zonenrand sind heute Freunde im Herzen Europas geworden. Und obwohl wir nicht die gleiche Sprache sprechen, verstehen wir uns." Die Sprache, so Finanzminister Füracker, sei das einzige, was "wir in den letzten Jahren noch nicht so gut gelernt haben, wie es notwendig gewesen wäre." Und weiter: "Am 23. Dezember 1989 begannen die glücklichsten Jahre Europas." Jirí Dienstbier erzählt, sein Vater habe Europa stets als Selbstverständlichkeit empfunden - und den damaligen Zustand an der Grenze als Anomalie. "Das Durchschneiden des Zaunes hat er als Verpflichtung betrachtet." Tomás Petrícek, tschechischer Außenminister, bezeichnete die Mauer als "tragischtes Ereignis in unserer Geschichte". Er selbst sei in Westböhmen aufgewachsen und kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit seiner Mutter nach Bayerisch Eisenstein gefahren: "Das war wie eine Reise zwischen den Kontinenten."

30 Jahre Durchschneiden des Eisernen Vorhangs: Das muss gefeiert werden.

Drähte, die verbinden

Vor 30 Jahren wurde Hans-Dietrich Genscher auch von einer Gruppe Demonstranten empfangen, die gegen den Ausbau der A6 (Amberg - Prag) protestierten. Gegen jene Autobahn, auf der die meisten geladenen Gäste am Montag höchstwahrscheinlich angereist sind.

Mit dem Appell "Genschman ran - Europa auf die Eisenbahn" demonstrierten die Umweltschützer damals - und auch 2019 spielt die Eisenbahn wieder eine Rolle. Josef Bernard, Bezirkshauptmann der Region Pilsen betont, Drähte an der Grenze könne er nur befürworten, wenn es sich um Eisenbahn-Drähte handele: "Eine Bahnstrecke Prag - München würde unsere Verbindung noch stärken.

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