17.08.2018 - 14:30 Uhr
WaidhausDeutschland & Welt

"Sie fahren mit an die Grenze nach Waidhaus"

In Waidhaus, Furth und Schirnding war unsere Welt nach 1945 zu Ende. Und dann diese Aufbruchsstimmung. Prager Frühling!

Der 22 Jahre alte Pavel Fidermák aus Pilsen flüchtet über die Grenze.
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Von German Vogelsang

Geographie kann Schicksal bedeuten: Eiserner Vorhang! Winston Churchill hat diesen Begriff geprägt. Wir in der Oberpfalz spürten besonders intensiv, dass dies ein Begriff von schicksalhafter Größe ist. In Waidhaus, Furth und Schirnding war unsere Welt nach 1945 zu Ende. Und dann diese Aufbruchsstimmung. Prager Frühling!

Ludvík Svoboda, Josef Smrkovský, Oldrich Cerník, Alexander Dubcek und ihre Gefolgsleute. Das menschliche Antlitz, der dritte Weg, von dem auch der Westen lernen konnte? Wie viel Hoffnung hatte man auf unserer Seite investiert, gerade auch in der Oberpfalz. Und dann diese brutale Entscheidung im Kreml: Okkupation in der Nacht des 21. August 1968. Seither zählt dieser Tag zu den großen tragischen Daten der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Und unsere Zeitung brachte damals ein Extrablatt heraus. Wir waren eine der ersten Zeitungen in Deutschland, möglicherweise sogar die erste, die mit einer Sonderinformation herausgekommen ist. Wenn nicht heute, wann dann soll man diese Geschichte erzählen?

Es war ein heißer, heiterer Sommerabend. In der Weidner Keplerstraße wohnten in einem tolerant geführten Haus in den Obergeschossen drei junge Redakteure: Manfred Gleißner, Rainer Schauer und German Vogelsang. Zu Gast waren außerdem Redakteur Hans-Jürgen Krehl und eine überschaubare Anzahl hübscher Mädchen. Irgendwann wollte der Gastgeber German Vogelsang nicht mehr nur Schallplatten auflegen und schaltete auf den Bayerischen Rundfunk um.

Es muss gegen 23 Uhr gewesen sein, als die Nachricht wie eine Bombe einschlug: "Meine Damen und Herren. Die Sowjetunion ist soeben an der Spitze der Warschauer Paktstaaten in Prag einmarschiert." "The party is over!" Als damals verantwortlicher Redakteur für Bayern und Oberpfalz rief ich sofort Chefredakteur Felix Hartlieb an. "Entschuldigen Sie, Herr Hartlieb, aber die Russen sind in Prag einmarschiert!" Am anderen Ende antwortete der Chef in impulsivster Offenheit mit dem Götz von Berlichingen. Um dann blitzschnell Entscheidungen zu treffen: "German, rufen Sie den Fleischmann (technischer Geschäftsführer) und sagen Sie ihm, er soll seine Leute mobilisieren. Wir machen ein Extrablatt, und Sie fahren mit dem Hoffmannbeck an die Grenze nach Waidhaus." So geschah es dann auch.

US-Camp hält still

Ich klopfte Heinz Hoffmannbeck aus dem Bett, an dessen Grab ich später als Verleger die Totenrede halten und sagen sollte: Er war von den Polizeibeamten mit so großer Hochachtung behandelt worden, so als ob es sich bei ihm um den bayerischen Innenminister handeln würde.

"hf" wie sein Kürzel hieß und ich fuhren zur Grenze. Kurz vor Waidhaus ein US-Camp in friedlicher Ruhe. Für mich war das intuitiv ein Beweis, dass die Russen Washington von ihrem Vorhaben informiert hatten, sonst wäre hier eine Konfliktsituation entstanden, die niemand unter Kontrolle hätte bringen können.

Hektik und Unruhe am Grenzübergang Waidhaus/Roßhaupt am frühen Morgen um sechs Uhr. In meinem Artikel mit der Überschrift "Aber nur einer war glücklich - ihm gelang die Flucht - schrieb ich damals: "Eben kommen Vertreter der Grenzpolizei von einem Gespräch mit ihren tschechischen Kollegen zurück. Ihr Minenspiel sagt mehr als der karge Kommentar: ,Das ist das Ende!'"

Unter den aufwühlenden Ereignissen diesen Tages kurz nach neun Uhr die dramatische Szene: "Von der Anhöhe des tschechischen Grenzübergangs kommt ein junger Mann heruntergeschlendert. Wir stehen zu diesem Zeitpunkt etwa 50 Meter vom Schlagbaum entfernt. Urplötzlich beginnt der Junge zu laufen. Jeder spürt: Hier rennt einer um sein Leben. Er schlägt einen Haken, entkommt dem ersten Posten, springt in den Graben links der Brücke. Vier oder fünf tschechische Grenzer jagen ihm nach, einer reißt die Pistole heraus. Zollobersekretär Martin Fischer, der an diesem Tag eigentlich dienstfrei hat, brüllt: "Lasst ihn doch laufen!" Es fällt kein Schuss. Der 22-jährige Pavel Fidermák aus Pilsen umarmt den ersten deutschen Grenzbeamten. Geschafft!

Gegen Mittag fahren wir zurück in den Verlag, der noch in der Ringstraße 5 residierte und der in den folgenden Tagen zur Anlaufstelle für manche Flüchtlinge, vor allem aber für international arbeitende Journalisten wurde. Darunter war auch jener britische Fotograf, der das wohl dramatischste und zugleich symbolhafteste Bild der Intervention fotografiert hatte. Es zeigt einen tschechischen Bürger mit aufgerissener KZ-Sträflingsjacke in blanker Brust vor dem Rohr eines Sowjetpanzers.

Medien unter Kontrolle

Drei, vier NT-Journalisten fuhren am Abend mit dem ersten Andruck unserer Ausgabe vom nächsten Tag an die Grenze und besuchten die CSSR-Grenzer, die von jeder Information aus Prag abgeschnitten waren. Von unseren Andrucken informierten sie sich über die Geschehnisse in Prag, denn dort waren Presse und Rundfunk bereits unter sowjetischer Kontrolle.

Als wir am dritten Abend erneut an die Grenze kamen, informierten uns unsere Grenzbeamten: Die Russen sind da, da könnt Ihr nicht mehr hinüber. Damit war einer der denkwürdigsten politischen Ereignisse zur Zeitgeschichte geworden. Es hat uns stärker erfasst als etwa die erste Mondlandung (1969), die Ermordung John F. Kennedys (1962). Nur der Fall der Berliner Mauer hat noch einmal eine vergleichsweise Erschütterung ausgelöst.

Für mich persönlich gab es verspätet noch eine erwähnenswerte Episode. Als ich im Mai 1971 heiratete und meine Frau und ich ein Visum für die Tschechoslowakei beantragten, erhielt nur meine Frau eines. Das war für ein Brautpaar etwas zu wenig. Wir fuhren stattdessen ins Alpenvorland.

Erschüttert schauen Hunderte von Menschen nach drüben. Wann werden die Russen kommen?

Original Zeitungsseiten vom August 1968

Original Zeitungsseiten vom August 1968

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