14.03.2019 - 13:25 Uhr
WaidhausDeutschland & Welt

Kurz vor Brexit: Hintermann von Schleusungen in London festgenommen

Ermittlern der Bundespolizei Waidhaus und der Staatsanwaltschaft Weiden ist ein Coup gegen Schleuserkriminalität gelungen. Am Mittwoch konnte bei London ein Hintermann festgenommen werden: Rayan S. (39), ein Brite aus dem Nordirak.

Ein Bild vom Smartphone eines Beschuldigten.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Eile war geboten. Der Brexit saß den Ermittlern im Nacken. Man hatte einen europäischen Haftbefehl. Niemand weiß, was der nach dem EU-Austritt noch wert ist. Der Zugriff erfolgte daher so schnell wie möglich im Rahmen eines groß angelegten, europaweiten „Common Action Days“ am Mittwoch. Zwei Ermittler der Bundespolizeiinspektion Bärnau und ein Oberstaatsanwalt aus Weiden waren am Dienstag nach Großbritannien aufgebrochen, um die Festnahme durch die Metropolitan Police um 6 Uhr morgens zu verfolgen. Am späten Mittwoch meldete das Bundespolizeipräsidium Potsdam den Vollzug.

Deutschland führte seit November eine Internationale Ermittlungsgruppe mit den Staaten Großbritannien, Rumänien und Ungarn. Gemeinsames Ziel ist die Bekämpfung von Schleusernetzwerken, die gefährliche „Behältnisschleusungen“ entlang der Balkanroute sowie Bootschleusungen durchführen. Am Mittwoch schlugen Einsatzkräfte in mehreren Ländern parallel zu. Neben der Festnahme und Hausdurchsuchung in England kam es zu vorläufigen Festnahmen in der Türkei und Österreich

Rayan S. soll voraussichtlich am Landgericht Weiden der Prozess gemacht werden. Das Auslieferungsverfahren wird bereits betrieben. Der britische Staatsangehörige ist Beschuldigter in einem Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Weiden. Ausgangspunkt waren sechs Einschleusungen von insgesamt 160 Migranten mit Trucks einer rumänischen Spedition. Der Spediteur Ioasaf B. (26) und seine Fahrer Mirel G. (29) und Daniel D. (37) sind dafür im Januar 2019 vor dem Landgericht Weiden bereits verurteilt worden (3 Jahre 3 Monate bis 5 Jahre 3 Monate).

Die A 6 ist Seitenarm der Balkanroute. Seit 2015 reißen Schleusungen nicht ab. Im Verfahren gegen drei rumänische Fahrer, die auf ihren Trucks bis zu 40 Migranten illegal ins Land brachten, ist jetzt ein mutmaßlicher Organisator in Großbritannien festgenommen worden.

Staatsanwaltschaft und Bundespolizei wollen aber mehr, als „nur“ die Fahrer vor Gericht sitzen sehen. In diesem Fall gelang es, einen der Organisatoren – Rayan S. – zu ermitteln. Der gebürtige Iraker soll von London aus Regie geführt haben. Die rumänischen Fernfahrer wurden per Whatsapp dirigiert. Sie bekamen Koordinaten der Treffpunkte in Timisoara (Rumänien), wo aufgeladen wurden. Die Passagiere kletterten auf die Fracht. In einem Fall waren Sofas für Großbritannien geladen. Das mag bequem klingen – aber zur Decke des Trucks blieben nur 40 Zentimeter. Rund 17 Stunden kauerten bis zu 40 Geschleuste, darunter Kinder, auf engstem Raum auf wackeliger Ladung. Stopps wurden nicht gemacht.

Die Einreisen erfolgten im Januar und Februar 2018 über die E 5/A 6 bei Waidhaus. Die Geschleusten wurden in den Landkreisen Neustadt/WN und Schwandorf sowie im Stadtgebiet Weiden an der Straße abgesetzt. Dann fuhren die Lkw weiter über Calais nach England, wo die reguläre Fracht abgeladen wurde. Auf einem Truckerparkplatz bei London sollen sich die Rumänen dann mit Rayan S. getroffen haben, der sie auszahlte, pro Tour zwischen 15 000 und 33 750 britische Pfund.

Der Schleuserlohn war ebenfalls per Whatsapp vorab vereinbart worden: 900 Pfund pro Person, Kinder die Hälfte. Rege ausgetauscht wurden Bilder von Plastiktüten mit Geldbündeln mit britischen, deutschen und amerikanischen Banknoten. Teilweise wurden die Schnappschüsse im Führerhaus der Lkw aufgenommen. Ein Handyfoto zeigt ein Zimmer mit Koffern voller Geld. Geschleuste gaben an, für die Etappe Bulgarien-Deutschland etwa 5400 Euro bezahlt zu haben. Für die gesamte Schleusung ab dem Nahen Osten wurden bis zu 12 000 Euro. Allein für die 161 Geschleusten dieser sechs Fahrten ergibt sich schnell ein Betrag von über einer Million.

Die Geschleusten stammten zum Teil aus dem Irak. Die Schleusung erfolgte in Etappen. Die rumänischen Fahrer übernahmen den Abschnitt ab Timisoara nach Deutschland. Dann fuhren sie weiter nach Großbritannien, wo sie Rayan S. ausbezahlt haben soll.
Behörden schlagen in vier Staaten zu :

"Action Day"

Die Festnahme von Rayan S. bei London war Teil eines „Common Action Days“. Am 13. März schlugen die Behörden zeitgleich in Großbritannien, Österreich und in der Türkei zu. In der Türkei wurden zehn Personen vorläufig festgenommen und 53 Migranten festgestellt. In Österreich kam es zu vier vorläufigen Festnahmen. Die österreichischen Behörden führten zudem bereits seit Dienstag Schwerpunktkontrollen im Bereich der ehemaligen Grenzkontrollstellen sowie im Bahnverkehr durch. Bei einer Hausdurchsuchung des britischen Verdächtigen wurde umfangreiches Beweismaterial sichergestellt.

Ausgangspunkt der Maßnahmen waren Ermittlungen vorwiegend in Österreich, der Türkei und Deutschland gegen verschiedene internationale Schleusernetzwerke. Sie sollen insbesonders iranische, irakische, afghanische, syrische und chinesische Staatsangehörige nach Westeuropa gebracht haben.

Seit November 2018 besteht die Internationale Gemeinsame Ermittlungsgruppe (Joint Investigation Team JIT) unter deutscher Leitung mit Großbritannien, Rumänien und Ungarn sowie der Unterstützung von Europol.

Waidhaus

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