21.06.2019 - 23:38 Uhr
WaldsassenDeutschland & Welt

Fried wird zur Nummer 121 199

Alexander Fried hat drei KZ und den Todesmarsch an die Ostsee überlebt. Im dritten Teil unserer Serie erzählt der 94-jährige Professor über das Grauen der Lager.

Hoffnungsvolle Gesichter junger Menschen: Noch werden sie in Čadca auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitet. Im nächsten Moment bereiten die faschistischen Hlinka-Garden ihrem Traum ein jähes Ende. Sie werden in Lager abtransportiert.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Los! Aufstellen! Abmarschiert!“, brüllen die Wachleute im zentralen Polizeiamt von Žilina. Schani Fried sieht womöglich ein letztes Mal seine Stadt, die kleine Synagoge, die Dlabačová 22. Wieder sitzt er er in einem Lastwagen. Die lange Fahrt führt zum KZ Sered’ in der Nähe von Topoľčany. „Raus!“ Der Ton, wenn möglich, noch gnadenloser. Was den Wächtern nicht gefällt, wird mit Prügeln bis zum Umfallen bestraft. Eiseskälte, keine Winterkleidung. Jeder Häftling muss sich seine Nummer merken. Frauen und Kinder sind verschwunden.

Ein Schuss, leiser als gedacht

Eines Tages ist ein Häftling verschwunden. Die KZ-Wärter verladen eine Gruppe Gefangener auf einen Lkw. Icu ist darunter. Am Bahnhof stellen die Schergen alle, die sich nicht ausweisen können, an die Wand. Die Häftlinge sollen den Geflohenen identifizieren. Die Jäger kommen mit ihrer Beute zurück. Alle Häftlinge müssen sich aufstellen. „Geh zum Tor!“ Der schmale 20-Jährige geht. Ein Schuss, leiser als gedacht. Der Mann sackt zusammen. „Wegtreten!“ Die Häftlinge, zur Kollaboration gezwungen, seelisch zerstört. Lagerleiter Ferenc liebt das Quälen. Ein jüdischer Aufseher, Robert Porges aus der Tischlerei Bricta in Žilina sagt ihm: „Im großen Stil getötet werden wir hier nicht.“

Am 15. Dezember heißt es: „Raus! Aufstellen! Fertig machen zum Abmarsch!“ Schnell mit dünnen Kleidern durch den eiskalten Winter, die Unterschenkel taub, Hunderte, die sich weiterschleppen. Dampfgeräusche, der Alptraum beginnt von vorne. Ein Zug am Gleis, Schweinwerfer, zu wenige Viehwaggons für viel zu viele Menschen. Die Rampe, ein Holzbrett, das gähnende Schwarz hinter der Öffnung, die Erinnerung an die Gesichter der Freunde, das Aufheulen der Lok, die Abfahrt in den Tod. Vereinzelte Rufe um Hilfe, nach Verwandten: „Tibor!“ – „Resel!“ Tränen, Schluchzen. Etwa 90 Seelen in einem Waggon gequetscht. „Ruhe! Wenn es nicht augenblicklich still wird, schießen wir!“

Lied vom pintele Jid

Der Frost kriecht durch die Fenster und Ritzen der Bretter, Glieder werden steif, ein Epileptiker hat Anfälle, ein junger Akademiker ist am Durchdrehen. Einige sterben still, wachen einfach nicht mehr auf. Der Zug hält nach etwa einem Tag, ein SS-Mann reißt die Tür auf, blickt stumm hinein, ein Rabbi will nach Wasser fragen, da ist sie schon wieder zu. Schani schläft ein. Als er wach wird, spürt er seinen Rücken nicht mehr. Er droht zu erfrieren. Den Gefallen will er den Nazis nicht tun. Er singt leise sein Lied vom pintele Jid: „Jidele dayn kroyn iz dos pintele Jid, fil gelitn shoyn far dem pintele Jid, gemartert dayne gliderlekh, gepaynigt dayne briderlekh, gebodn hat zigh yeder in dayn blit – Jude, deine Krone ist das Fünkchen Jud. Viel hast du gelitten für das Fünkchen Jud, gemartert deine Glieder, gepeinigt deine Brüder, gebadet hat sich jeder in deinem Blut.“ Icu singt mit. Schani will sich aufrichten, ist mit der Jacke an der Waggonwand festgefroren.

Irgendwann der nächste Halt. Endstation? Oranienburg. Bitterkalte Kommandos auf Deutsch. „Aufstellen, los!“ Eine Elendsschlange reiht sich auf, andere bleiben tot liegen. An Ort und Stelle wird sortiert. Ein SS-Mann schlägt mit dem Gewehrkolben nach Schanis Kopf. „Abmarsch!“ Der Kopf schmerzt, nur nicht umfallen, die Beine heben und senken sich automatisch. „Dreckige Schweine! Saujuden! Weiter, los!“ Vorbei am Bahnhof auf Kopfsteinpflaster, vorbei an den geschlossenen Fenstern der Mehrfamilienhäuser, die Bewohner unsichtbar, dann ein langer betonierter Weg, ein Tor mit turmartigen Aufbau, auf dem schmiedeeisernen Gitter das unvermeidliche Schild „Arbeit macht frei“. Hinter dem Tor ein großer Platz von vorne gleißend ausgeleuchtet.

Alexander Fried erzählt seine schreckliche Lebensgeschichte.

Stille Nacht im KZ

Ein Weihnachtsbaum, eine Melodie, „Stille Nacht“, bleiche Musiker mit übergroßen Instrumenten. Sie müssen sich auf den eiskalten Boden setzen, die Arme hinterm Kopf verschränkt. Ein deutscher Text aus Lautsprechern, monoton, „Oranienburg-Sachsenhausen, den Befehlen der Aufseher ist unbedingt Folge zu leisten.“ Die Brüder schleppen sich weiter, müssen sich komplett ausziehen, die Stricksocken der Maria Belaník, das Hemd hatte Julischka im Kaufhaus Preiss in Žilina gekauft. Nur die Brille bleibt, ohne sie wäre er verloren. Alle Körperhaare werden geschoren. Er wird zur Nummer 121 199, Icu 121 200. Sie bekommen raue, blau-weiß gestreifte Häftlingskleidung und klobige Holzschuhe. Verladen auf einen Anhänger, gegen Mitternacht in der Quarantänebaracke. Die ewige eiskalte Nacht auf wenig altem Stroh. Er muss den gelben Stern, den Winkel annähen. Eine Schale für Flüssigkeit, ein Löffel für das, was die Nazis den Juden als Essen zudenken. Ist es der 24. Dezember? Alles verschwimmt.

Die Brüder werden getrennt, Icu kommt ins Revier, die Krankenstation. Seit der Quarantäne schütteln Schani Krämpfe, er hat Schweißausbrüche, Durchfall. Er bekommt vom Aufseher einen Schein fürs Revier. Auf dem Weg sieht er Häuser und Baracken, die Einzäunung, eine hohe Mauer, Wachtürme. „Weg vom Draht! 30 mtr. Sperrzone für Häftlinge im Waldgelände. Der Lagerführer.“ Der Draht steht unter tödlicher Hochspannung. Schani kommt in die Jugendbarracke, die den Heinkelwerken zugeordnet ist. Er muss an der Flugzeugproduktion mitschuften. Er feilt Metall unter Aufsicht. Der Vorarbeiter ist ein freundlicher Pole. Wie durch ein Wunder trifft er dort auf Freddy Glasel aus Žilina, der unter Asthma leidet.

„Mütze ab, Mütze auf“

Der Alltag in dem zugigen Holzbaracken mit nur einem dünnen Fetzen als Decke: Frieren in der Nacht, Wecken kurz nach 5 Uhr, Frühstück mit lauwarmem Abwaschwasser namens Kaffee und Wassersuppe, 6 Uhr Appell mit unaufhörlichem Durchzählen und unsinnigen Schikanen wie „Mütze ab, Mütze auf“ oder Kniebeugen, was Stunden dauern kann. Anschließend werden sie zur Arbeit gejagt, 30 Minuten Mittagspause bei Wassersuppe mit Kartoffelresten, Steckrübenstücke aber auch Steinen. Zählappell, zurück in die Fabrik, zurück zum Abendappell, der Stunden dauern kann. Jeder Aussetzer eines der geschwächten Opfer hat neue Zählorgien zur Folge.

Die Hackordnung nach Abzeichen: Ganz unten die Juden mit gelbem Dreieck, rosa für Homosexuelle, rot für Politische, braun für Sinti und Roma. Schani entdeckt einen Leichenberg, meist nackte Tote, gestapelt wie Brennholz. Die Knochen der Toten von dünner Haut bespannt, wie Holz mit zäher Rinde.

Deportation slowakischer Juden am 23. Mai 1942 in Stropkov.

Schani trifft Hansi Hersch, den Hotelierssohn aus dem Remi, nur drei Jahre älter sieht er wie ein Greis aus, kaum wiederzuerkennen. „Noch einer aus Žilina“, sagt er, „bis gestern war noch Dr. Weiss hier – jetzt gibt es ihn nicht mehr!“ Bei der Versorgungslage und den Strapazen kann jemand im besten Fall einige Monate hier überleben. Schani schmilzt, aber will nicht verrückt werden, trainiert sein Gehirn, sagt sich die Psalmen vor, die er bei Rabbi Klein gelernt hat. In der Nacht schreien Uniformierte mit transportablen Lautsprechern lange Kolonnen von Nummern: „120573!“ – „Hier!“ – „120671!“ – „Hier!“ ... Die Aufgerufenen verschwinden spurlos. Die Appelle häufen sich, auch tagsüber stundenlanges Stillstehen. Hansi Hersch stirbt. Schani will nicht so einfach verlöschen, er will am Leben bleiben, er will als Zeuge berichten, was hier geschieht. Frieds Löffel ist verschwunden, ein lebensgefährlicher Verlust. Er könnte nicht zur Essensausgabe. Panik. Da entdeckt er ihn unter der Pritsche.

Er will nicht verlöschen

Elektriker, die in der Baracke arbeiten, erzählen ihm, dass das Revier mit seinem Bruder heute Nacht geräumt werden soll. Er schleicht sich zum Revier, sieht einen Zug abfahren, das Revier ausgeräumt und leer. Er kommt gerade noch rechtzeitig zum Appell. Am Galgen auf dem Platz baumelt ein Häftling: „Dieser Brotdieb hat seine gerechte Strafe erhalten“, brüllt ein Wächter.

Es ist April, die Sonne wird wärmer. Eine Sirene. Warnung für die Aufseher, für Häftlinge gibt es keine Schutzräume. Motorengeräusche in der Luft: „Amerikaner, das sind Amerikaner“, ruft Freddy aufgeregt. Detonationen von Bomben. Das Ziel: die Flugzeugstartbahn der Heinkelwerke. Es geht ihnen nicht um die Häftlinge. Enttäuschung. Schani soll ein Paket zum Verwaltungsbüro bringen. Der SS-Mann liest mit den Füßen am Schreibtisch eine Zeitung, Roosevelt auf dem Titelblatt. Er gibt das Paket ab, kommt mit der Neuigkeit zu Freddy zurück. Es ist der 21. April.

Gebrüll. Die Häftlinge müssen sich wie zum Appell in großen Gruppen, vielleicht 500 Personen, mit Decken und Essgeschirr aufstellen. „Durchzählen!“ Schani und Freddy bleiben zusammen. Keiner weiß, wohin es gehen soll. Sie sind schwach, krank, schleppen sich auf Holzschuhen, mit denen man nicht laufen kann, vorwärts. Der Todesmarsch beginnt.

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