22.07.2020 - 16:28 Uhr
WaldsassenDeutschland & Welt

Shitstorm nach Auftritt einer Paneuropa-Delegation in Cheb

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Ganz dünnes Eis: Ein Foto mit einer Delegation der Pan-Europa-Union vor dem Rathaus in Cheb/Eger löst eine Facebook-Kontroverse mit über 900 Posts aus. Manche übersehen: Bernd Posselt und Konsorten sind alles andere als sudetendeutsche Revanchisten.

Das umstrittene Bild mit Paneuropa-Fahne vor dem Rathaus in Cheb mit dem Vorsitzenden Bernd Posselt (dritter von links) und dem Waldsassener Unternehmer Luis-Andreas Hart (rechts).
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die Europa-Freunde hatten sich für ihre 46. Paneuropa-Tage in der Euregoio Egrensis viel vorgenommen: Die 1922 gegründete Bürgerbewegung für die politische Einheit Europas wollte mit Kundgebungen und Gottesdiensten in Hof, Waldsassen, Cheb (Eger) und Františkovy Lázně (Franzensbad) einen Zeichen setzen. Ein Zeichen für offene Grenzen, gute Nachbarschaft, Freiheit und Demokratie in ganz Europa. Der Auftritt der Paneuropäer vor dem Rathaus in Cheb wurde von manchen gründlich missverstanden.

Bürgermeister Jalovec wehrt sich

Kommentar zum Paneuropa-Eklat in Cheb/Eger.

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Ein Shitstorm ergoss sich vor allem über Bürgermeister Antonín Jalovec, den einige als Kollaborateur verunglimpften. Ein Petr Horynda Horak etwa postete darunter das historische Bild eines Nazi-Aufmarsches in der Stadt: „In Cheb hat sich im Laufe der Jahre nicht viel geändert ... das ist immer noch willkommen.“

Der weltoffene Politiker der Liste „Volba pro Město Cheb“ (Wahl für die Stadt Cheb) reagierte mit Aufklärung und Humor: „Ich habe hier kürzlich über meine positiven Eindrücke vom Besuch von Herrn Posselt, einem Vertreter der Paneuropäischen Union, einer Organisation geschrieben, die die Rolle der Nationalstaaten und ihre gegenseitige Zusammenarbeit auf der Grundlage traditioneller europäischer Werte verteidigt“, stellt der Mathematiker richtig. „Die meisten Reaktionen unter dem Artikel waren überraschend positiv.“

Scharfe Jungs mit wenig Wissen

Allerdings hätten sich einige „scharfe Jungs“, welche die Gäste der Stadt als sudetendeutsche Nazis verunglimpften, „nicht die Mühe gemacht, Informationen über die gesamteuropäische Union“ zu recherchieren. Er werde sich davon nicht einschüchtern lassen: „Zusammenarbeit mit Deutschland, gegenseitige Toleranz, Freiheit (nicht zu vergessen) von den Nöten der Geschichte, das sind Werte, die mir am Herzen liegen, und ich werde dafür einstehen, auch wenn es mich meinen Job kosten sollte.“

Der Groll all dieser angeblichen „Patrioten“ verwundere Javolec: „Wir alle haben in den letzten Monaten erlebt, welche Nachteile uns geschlossene Grenzen und die Torpedierung der gegenseitigen Zusammenarbeit mit Deutschland einbringen.“ Einige der Fake-News, die hier verbreitet wurden, hätten ihn dennoch amüsiert: „Manche sagen, wir wurden für das Treffen gut bezahlt. Wenn Sie also noch jemanden kennen, der die Stadtverwaltung dafür bezahlt, uns zu treffen, lassen Sie es mich bitte wissen“, schreibt er mit augenzwinkerndem Smiley.

Ganz im Sinne von Vater Anton Hart

Nicht amüsiert war dagegen Luis-Andreas Hart, Sohn des verstorbenen Keramik-Unternehmers und Ehrenbürgers der Stadt Cheb, Anton Hart. „Mich hat der Kommentar des ehemaligen Egerer Bürgermeisters Václav Jakl sehr betroffen gemacht“, sagt der überzeugte Christ. Als Mitglied der Paneuropa-Union war er mit auf dem Foto vor dem Rathaus zu sehen, was Jakl zu der Bemerkung veranlasst habe, sein Vater hätte das missbilligt. „Dabei hat der Stadtrat unter seiner Ägide der Verleihung der Ehrenbürgerwürde einstimmung zugestimmt, weil er sich nicht nur als Gründer des Vereins zur Erhaltung und Förderung der Wallfahrtsstätte Maria Loreto zeitlebens für die deutsch-tschechische Freundschaft eingesetzt hatte.“

Genau diese Ziele würden auch die Paneuropa-Union verfolgen. „Wir haben uns vor dem EU-Gipfel immer wieder dafür eingesetzt, dass ein Rechtsstaatsmechanismus Politiker wie Orban und Babiš daran hindert, die Bürger- und Freiheitsrechte für ihre eigenen Interessen zu beschneiden.“ Hart vermutet, dass die meisten der negativen Kommentare schlicht auf Unkenntnis zurückzuführen seien: „Viele scheren alle Sudentendeutsche über einen Kamm, glauben, dass die nur ihren Besitz zurückfordern und wissen gar nicht, dass wir entschieden gegen jeglichen Nationalismus eintreten.“

Junge Tschechinnen sehen es positiv

Mut macht Hart, dass er von seinen tschechischen Freunden und der tschechischen Politik überwiegend positive Signale erhalten habe: „Die Stadt Cheb steht 100 Prozent hinter der Einladung“, freut sich der geschäftsführende Gesellschafter der Ziegel- und Tonwerk Schirnding GmbH. „Meine Geschäftspartner sagen mir, dass die Kampagne von den Rechtspopulisten der Partei Freiheit und direkte Demokratie des politischen Wirrkopfs Tomio Okamura gelenkt sei. Deren Anhänger sind mehrheitlich ältere verbitterte Männer. Junge Tschechinnen sehen die Aktion in Cheb nämlich ganz anders: „Sehr schön, schließlich haben die Deutschen ja auch den größten Teil des historischen Zentrums von Cheb gebaut“, schreibt

Eva Jirásková auf Facebook. „Es ist gut, dass wir heute die besten Beziehungen zu Deutschland in der Geschichte haben und die Frustrierten, die sich aufregen, dass sie nicht einmal das Gehalt einer deutschen Putzfrau bekommen, werden daran nichts ändern.“

Gedenken an einen böhmischen Europäer:

Anton Hart war Ehrenbürger der Stadt Cheb

Anton Hart, geboren 1914 im Neukinsberg/Hrozňatov gestorben 2004 in Waldsassen, war ein Egerländer Unternehmer und Ingenieur. Er erwarb sich herausragende Verdienste um den Erhalt und die Pflege deutschen Kulturgutes in Böhmen und um die deutsch-tschechische Verständigung und Versöhnung nach dem Zusammenbruch der 40-jährigen kommunistischen Herrschaft. Getauft in der Wallfahrtsstätte Maria Loreto initiierte er nach 1989 deren Wiederaufbau. Seine tschechischen Sprachkenntnisse erleichterten die Zusammenarbeit mit den tschechischen Medienvertretern und kirchlichen Behörden, wie dem damaligen Pilsener Bischof František Radkovský,.

Der frühere tschechische Staatspräsident Václav Havel zeigte sich bei seinem Besuch in Eger am 3. Mai 1996 beeindruckt von der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit in Maria Loreto. Am 20. Juni 2002 ernannte die Stadt Eger den Waldsassener Unternehmer aufgrund seiner hervorragenden Verdienste um den Wiederaufbau der Wallfahrtsstätte Maria Loreto zu ihrem Ehrenbürger. Das grenzüberschreitende gesamtgesellschaftliche Engagement und die Kulturförderung spielen für die Unternehmerfamilie Hart nach wie vor eine wichtige Rolle. Auch Sponsoring-Aktionen zur Finanzierung des Erhalts kulturell wertvoller Kirchenbauten sind ein weiterer Aspekt.

Der heutige Verwaltungsstandort der Firma „Hart Keramik“ in der „Klosterstadt“ Waldsassen wurde 1928 als „Ziegelwerk Waldsassen AG“ gegründet. Das beginnende Wirtschaftswunder in der Nachkriegszeit sorgte für kräftiges Wachstum und Aufschwung. Das Ziegel- und Tonwerk in Schirnding wurde in das Unternehmen von Anton Hart eingegliedert und bald schon nahm in Waldsassen der erste moderne Tunnelofen seinen Betrieb auf. Das Streben nach Technologieführerschaft und der Fokus auf die Entwicklung von neuen Produkten und Vertriebsaktivitäten kennzeichnen das Unternehmen. 1977 trat der heutige Firmenchef Anton Wolfgang Hart, der älteste Sohn von Anton Hart, als Prokurist in die Firma ein und wurde einige Jahre später zum Vorstand ernannt.

Das Waldsassener Werk gilt als Keimzelle für den wirtschaftlichen Aufstieg des Unternehmens nach dem Zweiten Weltkrieg. Ursprünglich wurde dort die gesamte „HART Keramik“-Produktpalette gefertigt. Durch den Hinzukauf des Ziegelwerkes Schirnding und die Errichtung der neuen Produktionsanlage für Poroton-Ziegel zu Beginn der 1990er Jahre verlagerte sich die Ziegelherstellung nach Schirnding. Das ursprüngliche Werk I in Schirnding wurde seit Mitte der 1980er Jahre auf eine rationelle Keramikrohrproduktion ausgelegt. Das Werk Waldsassen wurde neben der Herstellung von Keramikrohren auf Zubehörteile, Hafnerschamotte, Klinker, Radialklinker für Industrie-Schornsteine und keramische Spezialanfertigungen ausgerichtet. Aus Umwelt- und energiepolitischen Gründen entschied man sich im Jahr 2010 für den Bau eines neuen Werkes III mit Verlagerung der Produktion aus Waldsassen nach Schirnding. Seither sind alle Produktionsstätten dort vereint.

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