Weiden in der Oberpfalz
02.02.2026 - 14:19 Uhr

OTon: Abfotografiert – ein Archiv in Handybildern

Das Handyfotoalbum von Redakteurin Maria Oberleitner ist kein Album – es ist ein Archiv. Vom Parkplatz in der Tiefgarage bis zum Rezept für das perfekte Tiramisu: Ihr Handy erinnert an alles, was sie längst vergessen hat.

Vom Kennwort für den Hundeplatz bis zur Lieblingsseife – oder dem besten Bagel der Stadt: Was erinnert werden soll, wird abfotografiert. Symbolbild: Sara Neidhardt
Vom Kennwort für den Hundeplatz bis zur Lieblingsseife – oder dem besten Bagel der Stadt: Was erinnert werden soll, wird abfotografiert.

Manchmal fühle ich mich wie der Archivar meines eigenen Lebens. Ein müder, unorganisierter Archivar, der Dinge stapelt, weil man sie ja vielleicht irgendwann mal braucht. Mein Handyfotoalbum macht das besser als mein Gehirn – es erinnert sich an den Parkplatz in der verwinkelten Tiefgarage, das eine Kennwort, das ich zu oft geändert habe, Stände von Strom-, Gas- und Wasserzählern aus sämtlichen Jahren, Nebenkostenabrechnungen, die richtig gute Weihnachtsgeschenk-Idee, allerdings nie gekauft, abfotografierte Seiten aus Bibliotheksbüchern, von denen ich mir sicher war: Diese Infos werde ich irgendwann brauchen. Notizen aus einer Fortbildung, für den „Notfall“ gesichert, seitdem nie wieder geöffnet. Passieren ja selten, diese journalistischen Notfälle.

Mein Handy-Fotoalbum ist kein Album. Es ist ein Archiv – ein Sammelsurium aus Dingen, die ich nicht vergessen will, aber weiß: Ich werde sie vergessen.

Ich archiviere Verpackungen von Dingen, die funktioniert haben: Scheibenwischer, die aufs Auto gepasst haben, die Marke vom Schutzglas fürs Handy, das besonders stabile, die tolle Seife der Freundin, die ich nachkaufen wollte.

Zwischen all der dokumentierten Vergesslichkeit liegen aber auch Schätze: Das Foto von der riesigen Popcorntüte vom letzten Kinobesuch, ein Einkaufszettel mit ausgefallenen Raclette-Ideen für Silvester (nie ausprobiert, weil am Ende doch zu ausgefallen), ein Blumenstrauß mit Margeriten und Kamillenblüten, das Foto von einer Wolke, die besonders schön aussah. Dazwischen liegen einige Urlaubsbilder, viele Hundebilder – sehr, sehr viele – und Rezepte, abfotografiert aus den Captions von Instagram-Reels: Kichererbsen-Curry, Camembert-Kranz, Dessert-Schoko-„Tannenzapfen“. Außerdem das beste Rezept für Tiramisu: Die Suche nach dem Rezept gehört mittlerweile schon zum Arbeitsprozess dazu – aber einmal abschreiben wäre wohl zu mühsam.

Manchmal scrolle ich durch dieses Archiv und denke: Gut, dass wenigstens einer von uns den Überblick behält. Mein Handy weiß, welchen Cider ich mochte, was das Kennwort für das Zahlenschloss am Hundeplatz ist und wann genau mein VHS-Sprachkurs stattfindet.

Mein Fotoalbum weiß jedenfalls mehr über mein Leben als ich selbst. Und es ist erstaunlich gnädig damit – zumindest bis zum nächsten Speicherplatz-Problem.

Info:

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter von Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne "OTon" schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

Weiden in der Oberpfalz08.01.2026
 
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