Die letzten Flocken des nächtlichen Schneetreibens fallen zu Boden. Ein weißer Schleier liegt über Bäumen, Feldern und Straßen. Doch die Ruhe hält nicht lange an. Anwohner in dicken Wintermänteln stürmen, bewaffnet mit Schaufel und schlechtem Gewissen, aus ihren Häusern – noch bevor der erste Kaffee durchgelaufen ist. Mit verbissener Entschlossenheit räumen sie die Gehwege frei, als lauere unter jeder Flocke ein potenzieller Haftungsfall. Wer jetzt noch schläft, so scheint es, gefährdet den gesellschaftlichen Frieden.
Ich wohne in einem kleinen Ort hinter der Amberger Stadtgrenze. Das Haus liegt an der letzten Straße des Dorfes, danach kommt nur noch Feld. Durchgangsverkehr? Fehlanzeige. Das Schneeräumen dient laut der Verordnung der Gemeinde „der Verhütung von Gefahren für Leben, Gesundheit, Eigentum oder Besitz“. Deshalb springen alle Anwohner frühmorgens wie ferngesteuert aus ihren warmen Betten, um dem Neuschnee den Kampf anzusagen. Punkt 7 Uhr muss schließlich alles frei sein. Glätte? Unzumutbar. Ein nicht geräumter Gehweg? Moralisches Versagen.
International ist das deutsche Modell übrigens eher die Ausnahme als die Regel. In Südeuropa besteht in den meisten Regionen keine Räumpflicht– Schnee ist dort ohnehin selten. Wenn es doch schneit, stoppt der Verkehr und die Schule fällt aus. In Skandinavien wird es besonders absurd für deutsche Ohren: Dort räumen überwiegend die Kommunen die Gehwege. Anwohner sind höchstens für die Zugänge zu ihrem Grundstück verantwortlich. Japan geht sogar noch einen Schritt weiter: Gehwege sind teilweise mit Heizsystemen ausgestattet, sodass der Schnee direkt schmilzt.
Während andere gemütlich am Frühstückstisch sitzen, stehen wir bereits mit der Schaufel an der Grundstücksgrenze. Der Winter wird nicht einfach erlebt, sondern bewältigt. Jeder für sich auf seinem zugewiesenen Abschnitt. Das frühe Schneeschippen hat aber auch etwas Verbindendes. Für einen kurzen Moment sind alle gleich: der Rentner mit viel Zeit, die berufstätige Mutter mit Blick auf die Uhr und der Student im Schlafanzug unter der Jacke. Was bleibt, ist der geräumte Gehweg – und das gute Gefühl, seine Pflicht erfüllt zu haben. Auch wenn niemand jemals darübergeht.
OTon
Wir sind junge Mitarbeiter von Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne "OTon" schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.











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