Absturz über den Alpen: "Ein tiefer Schmerz, der bleibt"

Renate Trammers Stimme bricht. Wie ihrem Bruder Ulrich Pietsch fällt es ihr auch nach 50 Jahren schwer, vom 12. Juni 1969 zu erzählen. An diesem Tag wollte ihr Bruder Ingo Vater Hans eine Freude machen. Am Abend sind beide Männer tot.

Ingo Pietsch ist Pilot mit Leib und Seele. Am 12. Juni 1969 will er seinen Vater Hans Pietsch mit einem Flug nahe Zell am See überraschen. Eine Entscheidung, die beide Männer mit dem Leben bezahlen.
von Julia Hammer Kontakt Profil

„Juni – in diesem Monat ist der Schmerz am schlimmsten“, sagt Renate Trammer leise, während sie auf ein Bild ihres Vaters Hans blickt. Der Monat, in dem sie und ihr Bruder vor 50 Jahren zwei der wichtigsten Menschen in ihrem Leben bei einem tragischen Unglück nahe Zell am See verloren.

12. Juni 1969: Ingo Pietsch startet mit seiner weißen „Piper JC 3“ von München in Richtung Zell am See. Erst zwei Monate zuvor hat er sich das Flugzeug mit dem 65-PS-Motor für 5500 Mark gekauft. Der 26-Jährige ist voll Vorfreude. Er will seinen Vater Hans, Jurist und damaliger dritter Bürgermeister von Weiden, mit einem Flug über die Alpen überraschen. Sieben Tage zuvor feierte der Politiker seinen 57. Geburtstag. Der Pilot, der seine Liebe zum Fliegen beim Aeroclub in Latsch entdeckte, lässt seinem Vater die Route wählen.

Suchtrupp findet Flugzeugwrack

Doch der 26-Jährige ist nicht für Flüge im Gebirge ausgebildet. Als die Piper auch nach Stunden nicht wieder am Flugplatz Zell am See landet, bricht ein Suchtrupp auf. Erst am folgenden Tag findet er gegen 11 Uhr das Wrack. Die Piper zerschellte am 12. Juni um 17.48 Uhr an einem Berghang, die Männer waren sofort tot. „Die genaue Uhrzeit wissen wir, weil die Armbanduhr von beiden im selben Moment stehengeblieben ist.“

„Die Ursache ist bis heute nicht genau geklärt. Wir glauben, dass Ingo in ein Luftloch geraten ist. In dem 60-seitigen Bericht der Luftfahrtbehörde Wien heißt es: ,Unerfahrenheit des Piloten‘“, erzählt Ulrich Pietsch, während er eine Schwarz-Weiß-Aufnahme in den Händen hält, die Ingo hinter der weißen Piper zeigt. Er stockt, dann sagt er: „Er hätte das unserem Vater niemals schenken dürfen. Es herrschte Föhn, der Druck auf das Flugzeug war gefährlich. Aber er wollte ihm eine Freunde machen.“ Der ehemalige NT-Chefredakteur Horst Homberg, der am Tag des Fundes zur Unglücksstelle geeilt war, beschrieb das Bild, das sich ihm bot, wie folgt: „Die Piper lag weiß in dem Grün der steinigen Almmatte wie ein Schmetterling, den der Hagel zu Boden gedrückt hatte …“ Eine Tragödie, die die Geschwister bis heute prägt. Tränen laufen Renate Trammer über die Wangen, als sie erzählt, wie sie vom Tod ihres Vaters und Bruders erfahren hat. „Ich sah Polizei vor unserem Haus stehen. Bürgermeister Hans Schelter stand bei meiner Mutter Ingeburg. Ich habe gewusst: Es ist etwas Schlimmes passiert.“ Als er ihr sagt, ihr Vater sei tot, ist ihre erste Reaktion: „Wir müssen Ingo informieren.“ Sie bricht zusammen, als Schelter sagt, dass auch er in der Piper saß. „Ich war an der Uni in München, wurde aus der Vorlesung geholt. Ich solle nach Hause. Warum hat mir keiner gesagt“, erinnert sich Ulrich Pietsch. Erst am Bahnhof in Weiden erfährt er von der Tragödie. Die Geschwister suchen den Blick des anderen, schweigen.

Ein halbes Jahr nach dem Unglück erhält Familie Pietsch die beschlagnahmten Gegenstände aus dem Flugzeugwrack: Die Schuhe der Männer, den Flugschreiber und eine Kamera, mit der Hans Pietsch die malerische Landschaft um den Großglockner kurz vor seinem Tod fotografiert hatte. „Daran war noch Blut“, erinnert sich Pietsch. Neben all dem Schmerz über den Verlust, der auch 50 Jahre nach der Tragödie nicht verblassen will, bleiben den Geschwistern unvergessliche Erinnerungen an „ganz besondere Menschen, die sich so ähnelten“. „Echte Macher“, sagt Pietsch. „Mein Vater hatte den treffendsten Humor, den man sich vorstellen kann. Schlagfertig, intelligent. Aber gleichzeitig immer gutmütig.“

Es ist 17.48 Uhr am Donnerstag, den 12. Juni 1969, als das Unglück geschieht. Ingo Pietsch verliert die Kontrolle über sein Flugzeug. Die weiße Piper zerschellt an einem Berghang.

Zehn Minuten Mittagsschlaf

Das Haus von Renate Trammer in Mantel ist voll mit Gemälden, Gedichten und alten Bildern ihres Vaters – einem talentierten Künstler. „Das war der Ausgleich zu seinem doch sehr trockenem Beruf als Jurist“, erzählt Pietsch. Das Malen, ein Talent, das Hans Pietsch während des Zweiten Weltkriegs für sich entdeckte. Der gebürtige Niederschlesier kämpfte im Westen, lernte dort einen Maler kennen, der ihm das Handwerk lehrte. „Eine kleine Ablenkung während der Kriegsgrauen, die ihm geblieben ist.“ 1948 ließ sich der studierte Jurist mit seiner Familie in Weiden nieder. „Es war eine schöne Kindheit. Meine Eltern kauften eine ehemalige Wehrmachtsbaracke in der Mooslohe. Mein Vater war fasziniert von Architektur. Er ließ das Haus nach seinen Vorstellungen umbauen“, erinnert sich Trammer. Hans Pietsch schreibt Gedichte, Theaterstücke für das Hofer Städtebundtheater und Bücher. „Er war immer unterwegs. Aber eine Sache hat er sich nicht nehmen lassen: Seine zehn Minuten Mittagsschlaf“, erzählt Pietsch und lacht. „Er hat uns viel über Literatur und Kunst beigebracht. Davon hatte er genaue Vorstellungen. Einmal war er im Kino – und ist nach ein paar Minuten wieder gegangen. Das war nicht seins.“

Bei all der Arbeit vergisst Hans Pietsch nie seine Mitmenschen. Er wird Kreisvorsitzender der BHE (Bund der Heimatvertriebenen), zieht 1952 in den Stadtrat ein und wird 1956 dritter Bürgermeister. Eine Zeit, in der viele Menschen nach Weiden flüchten. Pietschs Aufgabe ist es, sich um Wohnraum zu kümmern – „das hat er mit Leib und Seele gemacht“, sagt Pietsch. Wenn sie an Hans Pietsch denken, sind es vor allem die Erinnerungen an einen liebenden Vater, die ein Lächeln auf die Gesichter der Geschwister zaubern. „Er liebte das Riesengebirge. Die Oberpfalz hat ihn daran erinnert.“ Jedes Wochenende fährt der Kommunalpolitiker mit seiner Familie in seinem VW-Käfer zum Skifahren. „Er hat die Ski auf das Dach geschnallt. Das kannten die Leute nicht, haben uns komisch angeschaut. Aber das hat ihn nicht gestört“, sagt sein Sohn.

Renate Trammer und Ulrich Pietsch denken oft an ihren Bruder Ingo und ihren Vater Hans. Vor allem im Juni - dem Monat, in dem das Unglück vor 50 Jahren geschah - schmerzen die Erinnerungen besonders.

„Er hat die Natur geliebt. Oft ist er alleine eine Woche nach Zell am See gefahren. Er hat sich mit den schweren Fällen seiner Kanzlei beschäftigt, ist wandern gegangen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Seine Gedanken hat er auf Tonband aufgenommen. Die Aufnahmen habe ich noch. Auf manchen rauscht im Hintergrund ein Wasserfall.“ Für einen Moment schweigen die Geschwister. Dann sagt Trammer: „Die Liebe zur Natur ist uns geblieben, dank ihm.“

Auch Ingo liebte das Leben, das Abenteuer, die Freiheit. „Er hat seine Hobbys zum Beruf gemacht: Fliegen und Fotografieren. Er war technischer Fotograf in München“, erzählt Pietsch. Er lächelt, streicht sich über die Stirn, als er an das erste und einzige Mal denkt, an dem er bei seinem Bruder mitgeflogen ist. „Er hat das Rücken geübt. Beim Landeanflug hat er die Maschine zur Seite gerissen. Das hat mich fertig gemacht, ich bin nie wieder eingestiegen.“ Angst ist für Ingo ein Fremdwort – in der Luft und auf dem Motorrad. Privat hat der Pilot, der die ganze Welt bereist hatte, sein Glück gefunden. Silvie. „Sie wollten heiraten. Er war so glücklich“, sagt Trammer und kramt aus einem Ordner ein Bild der Verlobten. „Weißt du noch, wie schwer es war, ihr die Nachricht zu überbringen?“, fragt sie Ulrich. Er nickt. „Ich hätte gerne gewusst, was aus ihm noch wird.“

Juni. Der Monat, in dem die Gesichter ihres Vaters und ihres Bruders noch präsenter sind als sonst. Der Monat, in dem der Schmerz am stärksten nagt. Aber auch der Monat, der voll schöner Erinnerungen an zwei geliebte Menschen ist.

Wahrsagerin prophezeit Tod:

Weiden/Breslau. Breslau, 1932: Der damals 20-jährige Hans Pietsch studiert Jura in der Stadt. Aus Neugier besucht er eine Wahrsagerin, die ihm prophezeiht, er werde mit 57 Jahren sterben. „Er war nicht abergläubisch, hat nicht daran geglaubt. Gesprochen hat er aber oft davon“, erinnert sich sein Sohn Ulrich Pietsch. „Er sagte, ihm könne vorher nichts passieren, da er mit 57 stirbt. Dann hat er gelacht“, erzählt Tochter Renate Trammer. Am 5. Juni 1969 feiert Pietsch seinen 57. Geburtstag. Sieben Tage später stürzt er mit seinem Sohn in den Tod. „Ein Zufall. Aber ein merkwürdiger Zufall“, sagt Trammer.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.