Altenpfleger quälen Senioren: Reue und Geständnis bringen Bewährung

Zwei Altenpfleger sitzen wegen Misshandlung Schutzbefohlener und gefährlicher Körperverletzung vor dem Jugendschöffengericht Weiden. Sie sollen Bewohner gequält haben und werden zu Bewährungsstrafen verurteilt. Der Richter ringt um Fassung.

Eine Szene aus einem Seniroenheim.
von Manfred Hartung Kontakt Profil

Das Geschehen nahm an einem Samstagabend Ende August 2019 seinen Lauf. Laut Anklageschrift kamen ein 21-jähriger Altenpfleger und eine etwa gleichaltrige Bekannte in ein Seniorenheim im Landkreis Tirschenreuth, um einen 20-jährigen Kumpel zu besuchen, der gerade Nachtschicht hatte. Bei einem Rundgang durch das Haus nahm das Trio eine 90-jährige demente Dame ins Visier.

Der 21-Jährige beschmierte sie dick mit Gesichtscreme, sprühte ihr Haarspray in den Mund und unterdrückte den Hustenreiz der Seniorin mit einem Kissen. Sein Kollege soll die ganze Zeit daneben gestanden haben. Die Stimmung war ausgelassen, nur nicht bei der jungen Dame, die nur teilnahmslos danebengesessen haben will. Das Opfer überstand die Tortur unbeschadet. Dass sie vor wenigen Wochen verstorben ist, hat mit der Tat nichts zu tun.

Rasante Rollstuhl-Rallye

Im Nachbarzimmer ließ der 21-jährige eine verwirrte Seniorin an ihrer vollgemachten Windel riechen und beleidigte sie. Eine rasante Rollstuhlrallye auf dem Gang gehörte ebenso zu dem "spaßigen Abend" des Trios wie eine Runde Kuchen essen im Aufenthaltsraum.

Dem 20-jährigen Diensthabenden warf Staatsanwalt Matthias Biehler darüber hinaus "Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs" vor. Er hatte das Smartphone der Begleiterin gehackt, um deren Whatsapp-Korrespondenz zu überwachen. Außerdem habe er mehrfach ohne Einwilligung der Bewohner Fotos gemacht und diese auf digitalem Weg verschickt. Auch ein heimliches Liebesspiel eines betagten Pärchens war dabei.

Mehrere Kolleginnen der beiden Angeklagten sagten aus, dass sie an der Arbeit, am Verhalten und an der Kollegialität der beiden männlichen Auszubildenden nichts auszusetzen hatten. Das Kreisjugendamt attestierte dem 20-Jährigen, der nach dem jüngsten von mehreren Suizidversuchen krankgeschrieben ist, einen schweren Stand im Leben. Die familiären Verhältnisse seien schwierig, der Schuldenberg habe sich inzwischen auf 20 000 Euro aufgetürmt. Der 21-jährige Haupttäter hingegen sei sozial eingeordnet und familiär gut integriert.

Der Anklagevertreter sah nach der Beweisaufnahme die Vorwürfe bestätigt. Der 21-Jährige habe gestanden und Reue gezeigt. Dennoch sei eine Jugendstrafe von einem Jahr und neun Monaten sowie eine Geldauflage von 3000 Euro angesagt. Er trage eine schwere Schuld. Wegen der gezeigten Einsicht könne die Haftstrafe auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Das gleiche Strafmaß forderte der Staatsanwalt für den zweiten Angeklagten. Weil er sich mit Reue und Einsicht wesentlich schwerer getan habe, könne es hier aber keine Bewährung geben.

Geld an Stiftland-Werkstätte

Marc Steinsdörfer, Verteidiger des 20-Jährigen, sah eine Geldauflage für das Smartphone-Hacking und das illegale Versenden privater Bilder für ausreichend. Rechtsanwalt Richard Duchek beantragte eine Jugendstrafe von unter einem Jahr und eine Geldauflage. Sein Mandant sei geständig gewesen und habe sich entschuldigt. Das Jugendschöffengericht beließ es für beide Angeklagte jeweils bei einem Jahr Jugendhaft und legte die Bewährungszeit auf drei Jahre fest - zwei davon unter Aufsicht eines Bewährungshelfers. Jeweils 3000 Euro fließen an die Stiftland-Werkstätte in Mitterteich.

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Hintergrund:

Urteilsbegründung: "War eine echte Sauerei"

In der Urteilsbegründung von Richter Wolfgang Höreth schwang trotz des milden Strafmaßes spürbare Empörung mit. „Ein Altenheim ist kein Zoo, um Menschen zu bestaunen. Das was Sie getan haben, war eine echte Sauerei.“ Der Vorsitzende gab zu, dass ihn nach langjähriger Berufserfahrung nichts mehr wundere. „Die Leute sind eben wie sie sind. Es geht nur noch um kurzfristige Bedürfnisbefriedigung.“ Ein Jahr Haft auf Bewährung sei ausreichend, zumal beiden Angeklagten eine mehrwöchige Untersuchungshaft als Warnung gedient habe. Wären die beiden jungen Männer als Erwachsene verurteilt worden, hätte ein Berufsverbot im Raum gestanden, das Jugendstrafrecht sehe eine solche Sanktion nicht vor. „Aber aus meiner Sicht sind Sie beide in der Altenpflege fehl am Platz.“ Rechtsanwalt Ducheck nahm für den 21-jährigen Haupttäter das Urteil an. Rechtsanwalt Steinsdörfer und der Staatsanwalt denken noch über eine Revision nach.

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