Altersweiser Franz Müntefering: "Politik ist schon schön"

Politik kann so einfach sein, wenn der Meister kurzer Sätze die Wirklichkeit in wenige Worte packt: "Der Ball liegt im anderen Feld", sagt Franz Müntefering mit Blick auf das Fiasko der CDU. Nicht schadenfroh, einfach nur gelassen.

Franz Müntefering (links) im Redaktionsgespräch. Daneben der Flosser Bürgermeisterkandidat Robert Lindner (SPD).
von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Ich war schon mal hier", erinnert sich der 80-Jährige, der ohne ins Schnaufen zu kommen, die zwei Stockwerke zum Redaktionsgespräch bewältigt. "Da war Ludwig Stiegler noch Parteivorsitzender." Die SPD lag bei 40 Prozent und die Auflage unserer Zeitung bei 90 000. Die Welt hat sich weitergedreht in den rund 20 Jahren.

Vor der Wahl der neuen SPD-Chefs Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans stellte er mit Blick auf die Große Koalition fest: "Wir haben kein Zentralkomitee, sondern eine Fraktion mit gewählten Abgeordneten, die ihrem Gewissen verpflichtet sind." Es sei nicht Aufgabe von Parteien, Politik zu kommandieren. Stattdessen rät er zum Gestalten: "Man soll die Dinge, die man sich vorgenommen hat, auch tun." Die Konzertierte Aktion Pflege etwa solle vollendet werden. "Und die Politik muss für gleichwertige Lebensbedingungen in allen Landesteilen sorgen", sagt der zweifache ehemalige SPD-Vorsitzende. "Die sollen das jetzt mal machen."

Jenseits demokratischer Regeln

Handeln statt Reden ist seine Empfehlung, wenn es darum geht, mit dem Gespenst des rechten Populismus, das umgeht in Europa, fertigzuwerden: "Die AfD agiert jenseits aller demokratischen Spielregeln", hat er keine Illusionen über die Absichten von Gauland, Höcke und Co. "Wir tun ihnen manchmal zu viel der Ehre an." Vieles, was sie aufführten, sei Theater für die Schlagzeilen. "Ich würde mehr darüber sprechen, was wir verbessern wollen."

Klar sei es nicht mehr so leicht wie früher, dass die Botschaften die Empfänger auch erreichten: "Trump ist für die Demokratie lebensgefährlich", weiß Müntefering. "Leute wie er brauchen keine Parlamente, keinen Kompromiss, sie umgehen alle Meinungsbildungsprozesse." Wer heute Bescheid wissen wolle, könne sich bei den Medien immer noch auf die Fakten verlassen. "Aber es gibt mit den neuen Medien eine veränderte Geschwindigkeit, die alles komplexer macht."

Müntefering sprach und las in Floß

Floss

Wenn ihn früher ein Journalist nach seiner Meinung zu einem komplexen Thema gefragt hätte, habe er geantwortet: "Ich muss mich da erst informieren, ich rufe Sie morgen früh um 10 Uhr an." Heute sei das undenkbar. "Also antwortet man so, dass man nicht ins Gefängnis kommt und es nicht völlig falsch ist." Aber die Leute würden sich wundern: "Was meint denn der?" Keine einfache Situation: "Das führt zu einer unglaublichen Oberflächlichkeit." Bei seiner Zugfahrt habe er "FAZ", "SZ" und "Bild" zerlegt: "Die Leute schauen mich verwundert an, wenn ich da so die Zeitung auseinanderreiße", sagt er süffisant, "hat er einen Wutanfall?" Nein, der Herr Müntefering brauche halt Gewissheit über die Fakten.

Sprichwörtliche Bescheidenheit

Klar, dass Gerhard Schröders rechte und manchmal auch linke Hand die Erfolge der rot-grünen Koalition, aber auch der drei Runden Groko hervorhebt: "Die SPD muss sich, was Inhalte angeht, nicht verstecken." Dass die Fortschritte, die die SPD auf vielen Feldern durchgesetzt habe, nicht honoriert würden, liege auch an der sprichwörtlichen Bescheidenheit der Sozialdemokraten: "Man muss den Mut haben, zu sagen, wenn etwas gelingt." 1965 habe ein Familienminister Franz-Josef Wuermeling (CDU) die Berufstätigkeit von Frauen noch als gemeinschaftszersetzend bezeichnet. "Das ist tief in den Werten der Union verwurzelt." Unter Rot-Grün habe man das verändert, und Merkel habe es fortgesetzt."

Um das Mandat, die nächste Regierung zu führen, müsse sich die SPD trotz ihrer Formschwäche auch bei der nächsten Bundestagswahl bewerben: "Unsere Chancen entscheiden sich nicht daran, ob Friedrich Merz kandidiert, sondern wie wir uns aufstellen." Angst brauche man vor keinem haben. "Politik ist schon schön", sagt er seufzend, auch wenn er glaubhaft macht, dass sein Leben voll ausgefüllt ist: "Eine Stunde länger schlafen, Sport, Spazierengehen."

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