Chopin, Brahms und Goethes "Harzreise"

Samstagabend, voller Saal im Alten Rathaus: Es musizieren und referieren Vorstandsmitglieder der Internationalen Max-Reger-Gesellschaft, mit von der Partie ist die Kantorei Weiden.

Beim Vorstandskonzert der Internationalen Max-Reger-Gesellschaft musizieren und referieren (von links): Alexander Becker, Yaara Tal, Rudolf Meister, Frauke May und Hanns-Friedrich Kaiser.
von Peter K. DonhauserProfil

Bei Clara Schumanns Romanzen op. 11 lässt die Pianistin Yaara Tal gleich den Funken überspringen. Der intime Raum im Alten Rathaus weckt am Samstagabend intensive Musikerlebnisse. Es musizieren und referieren Vorstandsmitglieder der Internationalen Max-Reger-Gesellschaft, mit von der Partie ist die Kantorei Weiden.

Schlüsselwerke für Reger sind angesagt, die drei feinsinnigen Kleinformen spiegeln die mitteldeutsche Kompositionstradition mit ihren "sprechenden" Melodien. Sie zeigen aber auch das neue kulturelle Selbstbewusstsein der Bürger im 19. Jahrhundert, in diesem Falle das von Clara Schumann. Als eine der ersten Frauen machte sie Karriere als Komponistin, mehr noch als Pianistin. So konnte sie nach dem Tod ihres Mannes die Familie ernähren.

Rudolf Meister hat Chopin im Gepäck, vier paarweise im Quintabstand gruppierte Etüden (Opera 25/2, 10/12, 25/7 und 6) rahmt er mit den Balladen As-Dur op. 47 und F-Dur op. 38. Chopin erhebt seine individuelle, hoch entwickelte Virtuosität zum Ausdrucksträger. Es ist frappierend, wie schnell die Stimmungslage wechseln kann, wie mehrdimensional diese Musik auch in der vertikalen Schichtung angelegt ist. Beides findet man - harmonisch noch weiter getrieben - auch bei Reger. Alexander Becker vom Max-Reger-Institut stellt den 9. Band der Reger-Werk-Ausgabe vor. Dieser enthält 101 "piquefeine" A-capella-Chorsätze, für Männer- und für gemischten Chor, weltlich und geistlich. Sie entstanden in Weiden von 1899 bis 1902 und das, obwohl Reger eine Abneigung gegen die "landläufige Liedertafelei" hatte. Becker ordnet sie in das gesellschaftliche und kulturelle Umfeld ein. Mit der kohlrabenschwarzen Rhapsodie op. 53 von Brahms für Alt, Männerchor und Klavier werden die Zuhörer in die Herbstnacht entlassen. Eine ähnliche Besetzung wird Reger in op. 119 ("Die Weihe der Nacht") und op. 144a ("Der Einsiedler") aufgreifen. Den depressiven Text liefert ein Fragment aus Goethes "Harzreise im Winter": "Ach wer heilet die Schmerzen dess, dem Balsam zu Gift ward, der sich Menschenhass aus der Fülle der Liebe trank? Erst verachtet, nun ein Verächter zehrt er auf seinen eigenen Werth in ungenügender Selbstsucht." Da heißt es stark sein, labile Gemüter seien vorgewarnt. Yaara Tal zaubert orchestrale Farben aus dem ein wenig zum vorlauten Lärmen tendierenden Flügel, Frauke May lässt die Zuhörer mit ihrer außerordentlich fülligen Altstimme erschaudern, der Männerchor St. Michael mit Hanns-Friedrich Kaiser sucht erquickenden Trost beim Vater der Liebe.

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