Daten-Krimi: Tesla rettet seinen Fahrer

Die Speicherdaten seines Tesla haben Werner Dechant den Hals gerettet. Ursprünglich war ihm versuchter Mord an einem Polizisten vorgeworfen worden. Jetzt bleibt der 55-Jährige ein freier Mann.

Werner Dechant (rechts) und sein Anwalt Prof. Dr. Jan Bockemühl.
von Christine Ascherl Kontakt Profil
Die B470, Abzweigung Pichlberg: Das rote Auto stellt den Tesla dar, der gerade den blauen Wagen überholt. Der Polizist stand mittig (blauer Kreis) auf einer Sperrfläche und winkte Autos heraus. 1,6 Sekunden vor ihm war der Tesla wieder nach rechts eingeschert.

Er verlässt das Amtsgericht Weiden mit einer Verwarnung wegen fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung. Nicht einmal die Geldstrafe von 9000 Euro muss er zahlen: Diese wird zur Bewährung ausgesetzt. Seinen Führerschein bekommt er sofort wieder. Seinen Tesla Model S hat er schon zurück.

Zur Erinnerung: Im Juni 2017 war der Weidener mit knapp 140 km/h durch eine Polizeikontrolle auf der B 470 zwischen Pressath und Eschenbach (Abzweigung Pichlberg) gefahren. Der Polizist (35) sagt, der Wagen sei direkt auf ihn zugekommen; er habe sich mit einem Sprung zur Seite retten müssen. Den gleichen Eindruck hatte ein Ehepaar im Folgefahrzeug, das der Tesla überholt hatte. Das brachte Dechant eine Mordanklage ein.

Sekundensache

Die Fahrzeugdaten sprechen eine andere Sprache: Die Fahrlinie zeigt, dass der Wagen nach dem Überholvorgang knapp, aber rechtzeitig einscherte. Der Tesla war 60 Meter (1,6 Sekunden) vor dem Polizisten wieder auf der rechten Spur. Das Auto hätte den Beamten, der mit seiner Kelle mittig auf einer Sperrfläche stand, nicht touchiert. Der Tesla fuhr mit 139 km/h in einem Abstand zwischen 15 und maximal 110 Zentimetern am Standort des Polizisten vorbei. Verteidiger Dr. Jan Bockemühl: "Wenn er stehen geblieben wäre, wäre er nicht gefährdet gewesen."

Was jetzt so glasklar klingt, lag lange im Dunkeln. Schon die Kriminalpolizei Weiden hätte 2017 gern die Tesla-Daten gehabt. "Wir haben bei Tesla angefragt", berichtet der Kriminalhauptkommissar. "Es hieß: Wir geben keine Auskunft gegenüber der Polizei." Auf Antrag erwirkte die Kripo zumindest die Herausgabe der Geschwindigkeit. Aber ohne Lenkradstellung konnte der erste Gutachter nicht feststellen, ob das Auto auf den Beamten zufuhr.

Erst auf verzweifeltes Bemühen des Fahrers gab Tesla 2019 nach. Dechant: "Ich habe an Musk geschrieben, sogar an Trump." Vom Server aus den USA wurden Daten zu Blinker, Lenkung, Gas- und Bremspedalstellung übermittelt. Diese Daten entlasten den Weidener entscheidend. Zwei Gutachter - einer privat, einer vom Gericht bestellt - rekonstruierten die Fahrt. Bei einem Ortstermin im Juli 2019 wurde die Tat nachgefahren. Ein Referendar aus der Kanzlei Bockemühl stand auf der B 470, während Staatsanwalt Dr. Marco Heß am Steuer des Original-Tesla Gas gab.

Aus der Mordanklage wurde eine Gefährdung des Straßenverkehrs. Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Hubert Windisch verhandelt die Angelegenheit am Donnerstag zügig in drei Stunden. "Gott sei Dank gab es die Daten von Tesla, und Gott sei Dank wurden sie herausgegeben", resümiert Windisch am Ende, zufällig selbst Tesla-Fahrer. Nur so habe ein mögliches Fehlurteil vermieden werden können.

Nichtsdestotrotz liege eine Gefährdung des Straßenverkehrs vor: "Das Leben des Polizeibeamten war konkret gefährdet." Dieser habe in Sekundenbruchteilen reagiert und hätte genauso gut in die andere Richtung springen können. Dann wäre er tot. Laut Gutachter habe der Polizist subjektiv den Eindruck haben können, das Auto halte auf ihn zu. Zu Bockemühls Argument, der Polizist hätte doch stehen bleiben können, sagte der Richter: "Da möchte ich irgendjemanden finden, der sich auf die Straße stellt, wenn ein Auto mit 140 km/h in 15 Zentimeter Abstand an ihm vorbeifährt."

Das Gericht berücksichtigt die "schweren wirtschaftlichen Schäden" des Angeklagten. Dechants Firma kam während der sechswöchigen U-Haft zum Erliegen. "Mit Mordanklage bekommt man kein Darlehen mehr", sagt der 55-Jährige bitter. Er sitze auf 800 000 Euro Schulden. "Das hat mich ein Vermögen gekostet." 300 000 Euro habe er Gutachter- und Anwaltskosten investiert. Ob für das Gutachten die Staatskasse einspringt, muss ein Rechtspfleger entscheiden.

"Hätten Sie die Hosen von Anfang an runtergelassen, hätte man die unendliche Verfahrensschleife vermeiden können", hält Richter Windisch dagegen. Was wurde nicht alles unternommen, um zu verschleiern, wer am Steuer saß. Als Dechant im Vorbeifahren die Kontrollstelle wahrnahm, beschleunigte er auf 196 km/h und bog in einen Waldweg ein. Dort stand das Auto bis Mitternacht. Der Angeklagte hatte fünf Punkte in Flensburg, dazu kamen zwei offene Bewährungsstrafen. Ein Kumpel bezichtigte sich noch in der Nacht an seiner statt, gefahren zu sein. Die Kripo vermutet zudem, dass sich der Angeklagte blond färben ließ, um Zeugen zu irritieren. Als er schließlich festgenommen wurde, verweigerte er die Aussage.

Kontrolle schwer zu sehen

Strittig bleibt bis zuletzt, ob der Polizist eine Warnweste trug oder nur ein senfgelbes Hemd vor grünem Wald. Auch das Ehepaar im Folgefahrzeug sah die Kontrolle in der Dämmerung (kurz nach 21 Uhr) erst im letzten Moment. Der Ehemann war Beifahrer: "Ich habe noch zu meiner Frau gesagt: Mensch, was steht denn da für einer mitten auf der Fahrbahn."

Staatsanwalt Dr. Marco Heß bricht am Ende eine Lanze für Datenspeicherung: "Es mag jeder selbst überdenken, ob das immer alles so misslich ist." Anwalt Bocke-mühl fordert ein kritisches Hinterfragen von Zeugenaussagen ("redlich, aber falsch"). "Es ist um jeden Preis zu vermeiden, dass ein Beschuldigter, der sich keinen Tesla leisten kann, für dasselbe Überholmanöver im schlimmsten Fall eine mehrjährige Haftstrafe erhält."

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