(exb) Wie kann es sein, dass die Nationalsozialisten einerseits feinsinnige Kunst- und Kulturliebhaber waren, andererseits ohne Zögern Todesurteile vollstreckten und skrupellos mordeten? Bei seiner Lesung bei den 33. Weidener Literaturtagen in der Buchhandlung Rupprecht beantwortete Hans Pleschinski diese Frage folgendermaßen: "Die beste humanistische Bildung reicht nicht, wenn nicht Herzensbildung dazu kommt." Pleschinski stellte seinen Roman "Wiesenstein" vor.
"Wiesenstein" erzählt vom letzten Lebensjahr des Dichters Gerhart Hauptmann. Der Literaturnobelpreisträger reiste mit Ehefrau Margarete und seiner Entourage vom bombardierten Dresden aus nach Osten ins Riesengebirge in seine prächtige Villa Wiesenstein. Während Flucht und Elend das Kriegsende in Schlesien begleiteten, versuchten die Hauptmanns die herrschaftliche Daseinsform eines reichen Bildungsbürgertums aus dem 19. Jahrhundert aufrechtzuhalten - bei Kerzenlicht und Flügelklang, mit erlesenen Weinen und Frackzwang bei Tisch. Mit beinahe kindlicher Naivität hofften sie auf ein Ende der Entbehrungen.
Hans Pleschinski hat für seinen Roman intensiv recherchiert und macht darin Tagebuchpassagen Gerhart Hauptmanns zugänglich, die vorher nicht veröffentlicht wurden. Zwischen den Passagen, die Pleschinski vorliest, erzählt er auf großartige Weise vom Leben der Künstlerfamilie Hauptmann im Anwesen Wiesenstein.
Dort begegneten sich bedeutendste Schriftsteller und Schauspieler seiner Zeit, zu Gast waren aber auch Nazigrößen wie Hans Frank und Johannes R. Becher, der später DDR-Kulturminister wurde. Auch zieht Pleschinski zieht Vergleiche zwischen Hauptmann und dem zehn Jahre jüngeren Thomas Mann, der den Weg ins Exil wählte, während Hauptmann in Deutschland blieb.













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