Kommentar: Die Unvernunft führt in der Coronakrise wieder Regie

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Maske? Wenn's sein muss. Abstandhalten? Schon wieder vergessen. Mit den ersten Corona-Lockerungen dominiert wieder der Egoismus anstatt der zuvor propagierten Solidarität. Diese Ignoranz wird Folgen haben, kommentiert Redakteur Fabian Leeb.

Die Abstandsregel wird kurz nach den ersten Lockerungen vielerorts nicht mehr eingehalten.
von Fabian Leeb Kontakt Profil
Kommentar

Es war zu befürchten: Kaum greifen die ersten Lockerungen nach den wochenlangen Einschränkungen infolge der Corona-Pandemie, ist es schnell vorbei mit der persönlichen Disziplin und der Vorsicht gegenüber den Mitmenschen. Immerhin tragen die meisten - wenn auch oftmals widerwillig - eine Maske. Doch schon beim Abstandhalten hapert's: An der Supermarktkasse wird gedrängelt was das Zeug hält; vor dem Kühlregal um die besten Plätze gekämpft; und wer mehr Distanz einfordert, erntet böse Blicke à la "Man kann's auch übertreiben". In den Gärten wird für mehr Hausstände gegrillt als die Straße Bewohner hat. Im Biergarten sinkt nach der zweiten Halben neben der Hemmschwelle auch der Abstand untereinander, und die Schenkelklopfer ("Ich hab' noch jede Grippe überstanden") grassieren wilder als jedes Virus.

Wieder Demonstrationen gegen Anti-Corona-Maßnahmen in Weiden

Weiden in der Oberpfalz

Alles so, als hätte es Corona nie gegeben, als sei es längst Geschichte. Ausufernder Egoismus verdrängt die zuvor stets propagierte Solidarität unter Mitmenschen schneller, als manche Ansteckungsgefahr sagen können. "Ich will wieder, ich muss wieder, ich darf doch wieder. Schließlich habe ich doch lange genug verzichtet." Ich, ich, ich. Das Mehr an Freiheit, das die Politik den Bürgern richtigerweise zurückgegeben hat, kommt Hand in Hand mit einem Mehr an Verantwortung für jeden Einzelnen daher. Doch das eigene Ego ist vielerorts zu groß für diese Politik der langen Leine. Die Unvernunft führt in zu vielen Köpfen längst wieder Regie. Das Ende ist absehbar: Ein solches Maß an Ignoranz und Laissez-faire führt schnurstracks in einen wirklichen Lockdown italienischer oder spanischer Art - das Virus hat nur wegen einer fünfwöchigen Ausgangsbeschränkung nichts von seiner Tödlichkeit eingebüßt.

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papa joe

Sehr geehrter Herr Stahl, die offizielle Strategie der Bundesregierung war das Vermeiden einer Überlastung des Gesundheitswesens. Nicht mehr aber auch nicht weniger und davon sind wir aktuell weit entfernt. Falls sie glauben, man könnte jetzt noch durch das Beibehalten von strengen Maßnahmen die Zahl der Infizierten inkl. Dunkelziffer komplett auf Null drücken ist dies ein Irrtum. Und von einem Elfenbeinturm herab betrachtet mag das eventuell erstrebenswert sein, realistisch ist das jedoch in einem Land von über 80 Millionen nicht zu schaffen. Oder meinen Sie ernsthaft, die Jugend lässt sich auf Dauer "einsperren". Geht der Staat zu streng damit um, wird es eher dazu führen, dass sich junge Menschen im verborgenen treffen. Glauben sie ernsthaft das wäre besser, als sie sich im freien mit etwas Abstand treffen zu lassen? Auch dieses ständige Panik verbreiten führt am Ende zu einer Müdigkeit und zur Ignoranz von sinnvollen Massnahmen. Wir werden uns mit dem Virus, auch auf längere Sicht, arrangieren müssen und zu viel Regulierung wird das Land nur noch mehr spalten und am Ende eher das Gegenteil bewirken. Dazu auch noch ein Hinweis an die Redaktion des Onetz, bringt doch einfach auch mal Beitrage, wie sich Mensch selbst gesund halten und seine Immunabwehr stärken kann. Das reduziert das Risiko und würde vielen wieder Mut machen, nach draußen an die frische Luft zu gehen. Dem Menschen geht es am besten, wenn er sich gesund ernährt, bewegt und das, entsprechend den Regeln, am besten mit Freunden!

25.05.2020
Dr. Jürgen Spielhofen

Der Leitgedanke des Artikels ist wohl „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“. Soweit so gut. - Was aber, wenn durch die Vorsichtsmaßnahmen inzwischen mehr zerdeppert wurde als Porzellan in der Kiste ist, z.B. medizinisch: unterlassene lebensnotwendige Operationen, gesellschaftlich: Einschränkung von Grundrechten, wirtschaftlich: Existenzvernichtungen?

Solange die Einwände der „Coronaleugner“ (welch dummes Wort: niemand leugnet die Existenz des Virus, genausowenig wie „Klimaleugner“ die Existenz des Klimas leugnen) nicht überzeugend entkräftet werden, wird der (offene wie verdeckte) Widerstand immer neue Nahrung finden!

25.05.2020
Gerhard Stahl

Danke für diesen treffenden Kommentar. Genau so wird es kommen, wenn jetzt so viele schon wieder zur völligen Normalität zurückkehren und die Gefahr ignorieren oder bewusst leugnen. Und dann sind leider auch alle die betroffen, die sich an die Regeln gehalten haben.

Das Virus ist nicht weg, die Beispiele der letzten Tage in Leer und Frankfurt zeigen es. Dabei wurde dort sicherlich nach den gut gemeinten Hygienekonzepten und Schutzauflagen verfahren, vielleicht wurde aber auch etwas übersehen oder nicht hundertprozentig befolgt. Man sieht daran, wie schnell eine Infizierung erfolgen kann, und dann geht es weiter...

Bezeichnend ist die Absage der Anti-Corona-Maßnahmen-Demo in München an diesem Samstag. Da gab es einen Gewittersturm, und dann wurde diese ehrenwerte Demo doch gleich abgeblasen, wahrscheinlich "aus Sicherheitsgründen". Was kann denn schon passieren: die Teilnehmer werden bis auf die Haut durchnässt - das trocknet wieder, der eine oder andere wird vielleicht von einem fliegenden Bauzaun getroffen - die Krankenhäuser haben ja genügend Platz, vielleicht wär sogar jemand von einem Blitz erschlagen worden - was solls, er/sie wär sowieso mal gestorben.

Der Unterschied ist aber, dass alle diese Ereignisse auf den Platz in München oder wo auch immer beschränkt geblieben wären und nirgends anders Folgen gehabt hätten, im Gegensatz zum Corona-Virus, das vielleicht nur eine Person bei so einer Demo in sich trägt und unbemerkt weitergibt. Und im weiten Umkreis von München treten dann neue Infektionsfälle auf, und auch die Polizeibeamten, die ihren Kopf hinhalten müssen, wenns nicht so läuft wie geplant oder vereinbart, sind höchst gefährdet.

25.05.2020