LEO trifft: Schauspielerin Anita Eichhorn über ihre "Aschenputtel-Geschichte" und aufregende Drehtage

Weiden in der Oberpfalz
12.12.2022 - 10:16 Uhr
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Anita Eichhorn strahlt, wenn sie vom Setleben erzählt. Die 31-jährige Weidenerin begeistert seit 2021 als Tina Brenner in der Serie „Dahoam ist Dahoam“. Ein Traum, für den sie viel investierte.

Anita Eichhorn lebt ihren Traum. Die 31-jährige Weidenerin ist Schauspielerin und begeistert seit 2021 als Tina Brenner in der Serie „Dahoam ist Dahoam“.

Im Interview erzählt die Schauspielerin von Durststrecken, ihrer Begegnung mit Christian Tramitz und ihrem Alltag vor der Kamera.

ONETZ: Wie war der Moment, in dem du das erste Mal vor der Kamera gestanden bist?

Anita Eichhorn : Während meiner Schauspielausbildung habe ich hin und wieder als Komparsin gearbeitet. Meine erste, richtige Rolle hatte ich in der Serie „Hubert ohne Staller“ im vergangenen Jahr. Das war ein riesiger Traum von mir. Ich stand mit Christian Tramitz vor der Kamera. Ich habe eine schwangere Hausfrau gespielt, die von den Ermittlern befragt wurde. Eine kleine Rolle, aber ein unglaubliches Gefühl. Am Set war ich wahnsinnig nervös, weil ich Christian Tramitz schon bewundere, seit ich neun Jahre alt bin. Bei dieser Serie habe ich das erste Mal so richtig erlebt, wie es an einem Filmset zugeht … wie viele Leute auch hinter der Kamera tätig sind, damit alles funktioniert. Und Christian Tramitz war unheimlich nett. Ein tolles Erlebnis.

ONETZ: Viele Menschen träumen von einer Karriere als Schauspieler. Wie hast du es geschafft?

Anita Eichhorn : Ich bin den klassischen Weg gegangen: Eine Ausbildung an der Neuen Schauspielschule München, die ich von 2014 bis 2017 absolviert habe. Zusätzlich braucht man drei Dinge: Disziplin, Durchhaltevermögen und Glück. Der letzte Punkt hat bei mir ein bisschen gedauert. Ich habe viel Zeit und Geld investiert, um meinen Traum zu verwirklichen. Ich hatte Demomaterial, darunter etliche studentische Kurzfilme, professionelle Bilder, war gut ausgebildet. Dennoch habe ich viele Absagen bekommen. 2020 habe ich mich bei meinem Agenten beworben. Ich hatte nicht viel Hoffnung, doch er hat mir eine Chance gegeben. Genau das wollte ich all die Jahre – eine Chance. Er hat Caster angeschrieben und mich für Rollen vorgeschlagen. Das hat funktioniert.

ONETZ: Gab es Durststrecken, in denen du an deinem Traum gezweifelt hast?

Anita Eichhorn : Die gab es definitiv – direkt nach meiner Ausbildung. Das waren dreieinhalb schwere Jahre. Ich bin nach Berlin gezogen, weil ich dachte, dass ich dort die besten Chancen hätte, für Produktionen gecastet zu werden. Natürlich gibt es dort tausende von Menschen, die den gleichen Traum verfolgen. Ich musste mich richtig durchbeißen, habe viele Jobs gemacht, um mein Leben zu finanzieren. Reinigungsarbeiten, Servicekraft in einem Spa, Verkäuferin … als dann wegen Corona noch das Kurzarbeitergeld kam, hatte ich fast nichts mehr. Mein letztes Geld habe ich investiert, um zu Castings zu kommen. So war meine Situation damals – wie ein ständiger Liebeskummer. Schauspiel ist meine große Liebe. Man tut alles dafür – aber es hat einfach lange nicht geklappt. Aber ich habe weitergemacht, weil ich daran geglaubt habe. Es hat funktioniert. Und heute weiß ich es umso mehr zu schätzen.

ONETZ: Du hast eine Tanzausbildung, singst, bist sportlich aktiv. Wie wichtig ist diese Vielseitigkeit?

Anita Eichhorn : Vielseitig zu sein ist sehr wichtig. Die Caster fragen immer: Was ist dein „Unique selling Point?“ Also: Was macht dich einzigartig? Alleine in Deutschland gibt es rund 20.000 Schauspieler. Nur vier Prozent können davon leben. Gerade deshalb ist es wichtig, aufzufallen. Ich spreche authentisches Bayerisch, akzentfreies Englisch und kann tanzen. Ich mache Sport, darunter Kickboxen – all das sind Vorteile, die überzeugen.

ONETZ: Wie ergatterst du Rollen?

Anita Eichhorn : Zum Einen durch meinen Agenten. Er hat viele wichtige Kontakte und weiß, wo Schauspieler gesucht werden. Zum Anderen durch persönliches Netzwerken. Ich bin bei Premieren und Veranstaltungen, da lernt man Schauspieler oder Regisseure kennen. Im besten Fall empfehlen sie einen weiter. Oder man wird in Filmen oder Serien gesehen und jemand wird auf einen aufmerksam. Es gibt viele Wege, am besten ist man auf allen präsent. Auch die Internetpräsens ist wichtig. Aktuelle Bilder, Demomaterial – und natürlich Instagram.

ONETZ: „Hubert ohne Staller“, „Dengler – Kreuzberg-Blues“, eine Rolle in „Schweigend steht der Wald“ – was war deine bisher aufregendste Produktion?

Anita Eichhorn : Ohne Frage „Dahoam ist Dahoam“. Wir haben schon so viele spannende Geschichten gedreht und ich weiß, dass noch einiges auf uns zukommen wird, worauf ich mich freue. Abgesehen davon waren die Dreharbeiten zu „Watzmann ermittelt“ sehr aufregend. Eine wundervolle Kulisse, eine tolle Produktion. Diese Rolle, eine Almhüttenbesitzerin, war für mich besonders, weil sie nach meiner langen Durststrecke kam. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, endlich als Schauspielerin arbeiten zu dürfen – und vor allem auch als solche gesehen zu werden.

ONETZ: Wie bereitest du dich auf Rollen vor?

Anita Eichhorn : Da gibt es viele unterschiedliche Wege. Auf Tina Brenner, die ich seit 2021 in der Serie „Dahoam ist Dahoam“ verkörpere, habe ich mich monatelang vorbereitet. Wichtig war mir, folgende Fragen zu beantworten: Was will die Rolle? Welche Eigenschaften soll sie haben? Wie redet sie? Wie bewegt sie sich? Warum zieht sie sich so irre an? Daraus ist meine ganz persönliche Geschichte für Tina entstanden: Sie ist konservativ aufgewachsen und will sich jetzt ausleben – eben durch ihren schrillen Kleidungsstil. Gleichzeitig will ich durch sie vermitteln, dass man niemanden nach seinem Äußeren beurteilen darf. Tina ist bunt, viele würden ihr auf den ersten Blick vermutlich nicht viel zutrauen. Doch sie ist Apothekerin und richtig gut in ihrem Beruf. Zudem hat sie ein riesiges Herz. Sind diese elementaren Punkte einer Rolle geklärt, übe ich die Figur. Nicht vor dem Spiegel, wie man sich das vielleicht vorstellt. Ich beobachte mich dabei nicht. Der Grund ist einfach: Es muss alles von innen kommen. Als ich Tina verinnerlicht hatte, konnte ich sie mir am Set einfach „überstreifen“. Ich switche aus meinem Leben in ihres. Manchmal bin ich selbst überrascht, wenn ich Tina im Fernsehen sehe (lacht).

ONETZ: Im Casting für „Dahoam ist Dahoam“ hast du eigentlich für eine andere Rolle vorgesprochen …

Anita Eichhorn : ... das ist richtig. Für die Köchin Julia. Die sollte genau das Gegenteil von Tina sein. Konservativ, ein wenig farblos. Diese Rolle wäre zeitlich begrenzt auf drei Monate gewesen. Als mich die Produzenten und Redakteure gesehen haben, wollten sie mich aber langfristig im Hauptcast haben. So ist Tina entstanden. Sie haben diese Rolle extra für mich geschrieben. Das war ein großes Kompliment. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass die Zuschauer Tina so schnell in ihr Herz geschlossen haben. Seit über einem Jahr bin ich jetzt ein Teil des Hauptcasts. Wir sind wie eine kleine Familie. Wir weinen zusammen, lachen zusammen, tauschen uns aus. Dieses tolle Miteinander schätze ich sehr.

ONETZ: Wie sehen deine Drehtage aus?

Anita Eichhorn : Bei „Dahoam ist Dahoam“ bekommen wir immer einen Wochenplan. Da der Hauptcast aus rund 15 Personen besteht, bekommt mal die eine Rolle, mal die andere Rolle mehr Zeit eingeräumt. Deshalb sind die Tage immer unterschiedlich. Mal drehe ich zehn bis zwölf Stunden pro Tag, mal nur drei oder vier. Oder ich habe einen Tag drehfrei. Wobei das nicht frei bedeutet. Ich lerne dann meinen Text, bereite mich auf anstehende Szenen vor. Das ist wahnsinnig zeitintensiv. Eine Szene dauert bei uns in der Regel eineinhalb Minuten. Das ist die Zeit, die die Zuschauer am Ende im Fernsehen sehen. Für mich bedeutet das etwa zwei bis vier Seiten Skript lernen. Vor der Kamera haben wir pro Szene etwa 20 bis 30 Minuten Zeit. Das ist nicht viel, denn wir machen unterschiedliche Aufnahmen: Nahaufnahmen, eine Totale, eine Halbtotale … es gibt viel, worauf man achten muss, vor allem, wenn man bestimmte Abschnitte immer wieder wiederholen muss. Etwa „spreche ich alles richtig aus?“, „sitzen meine Haare genauso wie in der Aufnahme zuvor?“ oder „in welcher Hand habe ich gerade die Kaffeetasse gehalten und wie muss ich sie jetzt halten, damit am Ende beim Schnitt alles passt?“. Vor jedem Dreh haben wir eine Textprobe, bei der wir alles durchsprechen. Neben den Drehtagen finden am Wochenende oft Events statt. Das ist wunderschön, aber anstrengend. Deshalb ist mir Ausgleich wichtig. Ich genieße die Zeit mit meinen Freunden und meiner Familie – oder auch mal einen Sonntag auf der Couch in Jogginghosen.

ONETZ: Autogramme und Fotowünsche – wie gehst du damit um, erkannt zu werden?

Anita Eichhorn : Das werde ich immer öfter. Vor allem, seit ich bei „Dahoam ist Dahoam“ mitspiele. Das freut mich sehr. Manche sprechen mich an, wollen Fotos mit mir machen. Andere trauen sich nicht, schreiben mir danach aber, dass sie mich gesehen haben. Das alles werte ich als großes Kompliment. Grundsätzlich bin ich sehr dankbar, dass die Serie so viele Fans hat. Ohne sie wäre das alles nicht möglich. Sie schenken uns so viel Liebe. Lachen mit uns, weinen mit uns und fiebern mit. Es ist ein wunderbares Gefühl, dass wir die Zuschauer so mitreißen können. Vor kurzem habe ich eine Nachricht von einem Fan bekommen. Er hat geschrieben, dass er in den vergangenen zwei Wochen im Krankenhaus war und das erste Mal wieder richtig lachen konnte, als er unsere Serie gesehen hat. Das ist etwas ganz Besonderes.

ONETZ: Gibt es für dich auch Grenzen bei der Rollenwahl?

Anita Eichhorn : Ich finde das Thema Nacktheit immer ganz schwierig – und in vielen Fällen auch nicht notwendig. Natürlich verlangen entsprechende Szenen, dass nackte Haut zu sehen ist. Das kann vorkommen. Aber dann ist es mir wichtig, dass es ästhetisch und stilvoll ist. Inzwischen gibt es auch spezielle Coaches, von denen die Schauspieler in derartigen Situationen begleitet werden. Ich schließe es für mich nicht aus, aber nur, wenn ich mich damit wohlfühle. Ansonsten habe ich keine Grenzen.

ONETZ: Mit welchem Schauspieler würdest du gerne drehen?

Anita Eichhorn : Definitiv mit Lars Eidinger. Er ist als Schauspieler zum Niederknien gut. Gerne würde ich auch mit Michael „Bully“ Herbig drehen. Ich verfolge seine Produktionen schon seit meiner Kindheit, Stichwort „Der Schuhdes Manitu“. Das wäre mein Traum. Leider habe ich noch keinen der beiden kennengelernt.

ONETZ: Was wäre deine Wunschrolle?

Anita Eichhorn : Ich finde so Vieles spannend. Vor allem Rollen, die weit weg von einem selbst sind. Ich fände es interessant, eine Person mit einer psychischen Erkrankung zu spielen – wie Angelina Jolie in „Durchgeknallt“. Gerne würde ich auch jemanden verkörpern, bei dem ich meine tänzerische Leidenschaft mit einbringen könnte. Eine aufregende Erfahrung waren die Aufzeichnungen für die „Brettl-Spitzen“, die am 1. Januar 2023 im Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt werden. Vor ein paar Monaten bin ich angefragt worden, ob ich singen könne. Also werde ich singen und einen Sketch spielen. Das alles wurde live vor Publikum im Münchener Hofbräuhaus aufgezeichnet und wird dann von rund einer Million Menschen gesehen. Es war toll, etwas Neues auszuprobieren.

ONETZ: Was rätst du jungen Menschen, die von einer Schauspielkarriere träumen?

Anita Eichhorn : Glaub an deinen Traum, glaub an dich. Ich habe jahrelang gekämpft und dabei nie meinen Willen und meine Hoffnung verloren. Ich habe mich nie von anderen entmutigen lassen, die mir gesagt haben: „Du schaffst es nicht.“ Es kommt viel Gegenwind, doch es ist wichtig, seinen Traum zu behüten. Auch ich hatte harte Momente in Berlin, bin jeden Monat nur knapp über die Runden gekommen, habe mich bei allen erdenklichen Servicejobs herablassend behandeln lassen müssen. Doch all die Mühe und die Entbehrungen haben sich gelohnt, weil ich nie aufgegeben habe. Deshalb bin ich heute umso dankbarer für meine ganz persönliche Aschenputtel-Geschichte, wie ich sie immer nenne.

ONETZ: Wo würdest du dich in fünf Jahren gerne sehen?

Anita Eichhorn : In fünf Jahren wäre ich immer noch gerne ein Teil von „Dahoam ist Dahoam“. Gleichzeitig würde ich gerne bei anderen Produktionen mitwirken, unter anderem bei der Serie „Oktoberfest 1900“ oder im Tatort. Natürlich wäre auch eine größere Rolle in einem Kinofilm ein Traum. Ich freue mich auf alles, was noch auf mich zukommen wird. Die Serie „Dahoam ist Dahoam“ bleibt aber mein Daheim. Das Tolle ist, dass wir wundervolle Aufnahmeleiter und Produzenten haben, die es uns ermöglichen, auch anderweitige Rollen zu übernehmen. Wahnsinnig gerne würde ich auch bei Let’s Dance mitmachen. Ich schaue die Sendung schon seit ich zehn Jahren. Ich hoffe sehr, dass irgendwann jemand auf mich aufmerksam wird.

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Deutschland und die Welt27.04.2022
 
 

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