Missionar im schwarzen Bayern

Als noch Ludwig Stieglers roter Pullunder bei Parteiveranstaltungen der SPD leuchtete, hatte die Arbeiterpartei noch Kraft, Politik in Deutschland zu gestalten. An seinem 75. Geburtstag blickt er wehmütig zurück, aber auch nicht hoffnungslos nach vorne.

Am Dienstag feiert Ludwig Stiegler (SPD) seinen 75. Geburtstag. Nach seinem Berliner Exil freut sich der ehemalige Bundestagsabgeordnete auf die Rückkehr in die Oberpfälzer Heimat.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Eigentlich wollte der Vorgymnasiast der Claretiner Missionar in Afrika werden. Der Sohn einer katholischen Arbeiterfamilie - der Vater Kalkwerker bei der Maxhütte, die Mutter aus Vilshofen sieht in Ludwig den künftigen Priester - erfüllt zwar die schulischen Erwartungen mit Bravour, ist aber zu aufmüpfig für einen Klosterschüler.

Er lässt nicht nur seine Mitschüler abschreiben, der begabte Junge hat auch erheblichen Freiheitsdrang: "Einmal bin ich mit dem Moped der Patres in der Nacht abgehauen, ein anderes Mal hat mich einer mit einem Mädchen erwischt", erzählt Stiegler. Nach mehreren Demissionsandrohungen muss er schließlich ans humanistische Gymnasium in Amberg wechseln: "Für meine Mutter war das der veruntreute Himmel." Anstatt die katholische Lehre in Afrika zu verbreiten, "habe ich dann eben bei den Schwarzen in Bayern missioniert", sagt er schelmisch.

Latein und Hochdeutsch

"Ich denke mit Dankbarkeit zurück." Zuerst habe er Latein, dann Altgriechisch und mit der Zeit auch Hochdeutsch gelernt. Man habe ihn dazu mit Abenteuerromanen gefüttert. Kein Wunder, dass er schließlich das Abenteuer Politik sucht - mit einem Umweg über die Junge Union: "In Vilshofen gab's damals noch keine SPD, den Ortsverein habe ich gegründet und mein Parteibuch selbst unterschrieben." Die Wandlung von Schwarz zu Rot vollzieht Stiegler nach dem Studium der Reden Otto Wels'. In dessen letzter freien Rede im Reichstag sagte der SPD-Vorsitzende: "Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht."

Politische Ämter habe Stiegler nie angestrebt. Nach dem Studium der Rechtswissenschaft, Soziologie und Politik in München und Bonn strebt er eine Uni-Karriere an. Es kommt anders: Der Weidener Bundestagsabgeordnete Franz Zebisch entdeckt sein politisches Talent: "Von ihm habe ich mehr gelernt als im Studium." Bei Bürgersprechstunden des früheren Glassortierers der Detag hätten sich Schlangen gebildet: "Er war unglaublich bürgernah." Selbst Bauern hätten gesagt: "Wenn wir was brauchen kommen wir zu ihnen, wählen müssen wir trotzdem die anderen."

Die Nähe zu den kleinen Leuten und ihren Sorgen prägen auch den späteren Abgeordneten, Fraktionsvorsitzenden und bayerischen SPD-Chef Stiegler. Der Helmut-Schmidt-Verehrer kämpft in der Zeit des Strukturwandels im Grenzgebiet zum Eisernen Vorhang ums Überleben krisengebeutelter Unternehmen und nimmt sich Einzelschicksalen an: "Einem kranken Weidener habe ich eine Spenderleber zusammentelefoniert." Seine Mission zahlt sich aus: "Wir hatten nach München den mitgliederstärksten Unterbezirk." Allerdings kommt ihm auch der Genosse Trend zur Hilfe: "Als ich 1964 eintrat, ging es ständig aufwärts - bis zur Willy-Brandt-Euphorie 1972, als die SPD über eine Million Mitglieder hatte."

Abwärts sei es mit seiner Partei während unverschuldeter Wirtschaftskrisen gegangen: "In der Schmidt-Endphase und nach dem Krisenmanagement von Rot-Grün." Er habe bewiesen, dass in der Oberpfalz etwas geht. "Die Partei muss sich wieder stärker in den Betrieben verankern, Bürgergespräche führen anstatt nur auf Facebook - ich kenne im Wahlkreis noch jedes Wirtshaus."

Wenn die bayerische SPD heute mangelnde Resonanz beklagt, sollte sie sich an Stieglers Erfolgsrezept erinnern: "Mein Ziel war es, in jedem noch so kleinen Dorf einen Ortsverein zu gründen - das habe ich bis auf zwei, drei kleine Ortschaften auch geschafft." Er habe den Leuten zugeredet wie einem kranken Gaul: "Die laufen uns nicht nach wie einem Schlagersänger." Der Macher des Mitgliederbooms habe Pressetexte selbst geschrieben: "Heute haben wir eine Kultur der Mitarbeiter."

SPD wird noch gebraucht

Die SPD werde dringend gebraucht: "Gerade der Wandel der Arbeitswelt erfordert neue Antworten", sagt Stiegler, "die Leute werden sich anschauen, wenn sie als Einzelkämpfer und Freelancer ohne Tarifvertrag und sozialen Grundschutz der globalisierten Wirtschaft ausgeliefert sind." Stürmische Zeiten sieht der Polit-Rentner kommen, der noch immer nächtelang Gutachten der EU-Kommission wälzt. "Die SPD muss der politische Arm der kleinen Leute sein und nicht mit den akademischen Grünen wetteifern."

Anders als viele parteiinterne Kritiker sieht Stiegler dabei die Parteivorsitzende auf einem guten Weg: "Andrea Nahles hat begonnen, die Folgen der damals richtigen Hartz-IV-Reformen zu überwinden." Man dürfe die damalige Situation nicht vergessen: "Fünf Millionen Arbeitslose, Ärger mit der EU wegen der Verschuldung - und Peter Hartz war ja Gewerkschafter, die haben da zugestimmt." Dass sich beim Thema Mindestlohn lange nichts bewegt habe, sei nicht der SPD anzulasten: "Erst als Verdi zugab, dass sie in weiten Bereichen keine Tarifmacht mehr hat, konnten wir das Gesetz machen."

Nach zwei Jahren in Berlin - in Reichweite der Charité - freut sich Ludwig Stiegler auf eine baldige Rückkehr in die Heimat: "Berlin war das Exil, wenn ich heimkomme, die grünen Felder sehe, den Oberpfälzer Dialekt höre, geht mir das Herz auf." Das Reich der Freiheit nach 40 Jahren politischer Kärrnerarbeit - täglich von 6 Uhr bis Mitternacht - genießt er noch immer in vollen Zügen: "Das war ein schwerer Rucksack, den ich gerne abgelegt habe." Nur manchmal, wenn's der SPD besonders schlecht geht, sei er unglücklich: "Das bereden wir dann im Seniorenrat der SPD, wo sich die Alten aussprechen."

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