Oberpfälzer Kulturschaffende beklagen Zynismus der Aktion #allesdichtmachen

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Mit #allesdichtmachen sorgen 53 Schauspieler für Aufsehen. Sind die Satirevideos zu Lockdown und Maskenpflicht geniale Kritik? Oder gehen naive Künstlern rechten Rattenfängern auf den Leim? Wir haben Oberpfälzer Kunstschaffende gefragt.

Von links oben: Lukas Höllerer, Christina Baumer, Markus Engelstädter; Von links unten: Jürgen Kirner, Kathrin Anna Stahl, Wolfgang Meidenbauer
von Holger Stiegler (STG)Profil

Die Bombe platzte am Donnerstagabend. 53 kurze Videos von 53 der bekanntesten Schauspieler Deutschlands, alle im Netz unter dem Hashtag #allesdichtmachen veröffentlicht. Die Videos kritisieren satirisch die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie und deren Folgen für Kultur und Gesellschaft. Weil die Schauspieler wie Meret Becker, Jan Josef Liefers und Heike Makatsch dabei Sprachbilder und Gedankengänge nutzen, die mindestens verstanden werden können, als würden sie Ideen der Querdenker aufgreifen, jubeln Vertreter dieser Bewegung in den Sozialen Medien. Gleichzeitig kommt Kritik von den Befürwortern konsequenter Corona-Maßnahmen. Diese fällt wohl auch deshalb besonders scharf aus, weil viele der #allesdichtmachen-Akteure bisher eher dem linken und grünen Spektrum zugerechnet wurden. Auch in der Oberpfalz befassen sich Kulturschaffende mit der Aktion. Ein Überblick:

Christina Baumer

Die aus dem Kreis Tirschenreuth stammende Schauspielerin tat schon am Freitagmorgen auf Facebook ihre Meinung kund: "#ihrseiddochnichtganzdicht" war dort zu lesen. "Nun sagen viele, das sei Satire: Ich erkenne da keine Satire." Bei aller berechtigter Kritik an fehlender Sinnhaftigkeit einzelner Corona-Maßnahmen könne sie ihre Kollegen bei dieser Aktion absolut nicht verstehen. Gerade als prominenter Künstler sollte man doch zur Entspannung der Situation beitragen, anstatt sie noch zusätzlich zu verschärfen. "Dass nun gerade Querdenker und die rechte Szene die Videos feiern, spricht doch eigentlich für sich", sagt die Schauspielerin.

Kathrin Anna Stahl

Die aus Weiden stammende Schauspielerin fand die ersten Meldungen zur Aktion "äußerst befremdlich". Je mehr sie gelesen und je mehr Videos sie gesehen hat, umso klarer sei ihr geworden, dass die Aktion einen "sehr gefährlichen Weg" eingeschlagen habe. "Was die beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler da gemacht haben, kann man nur falsch verstehen." Vermutlich sei die Idee gut gemeint gewesen, die Umsetzung aber "ganz schlecht" bis "deppert". Niemand werde abstreiten, dass der Kulturbereich massiv unter Corona leidet. Viele Maßnahmen könne man hinterfragen, aber eben nicht mit solchem "Zynismus". Dass sich von ihr geschätzte Kollegen für so etwas hergeben, könne sie nicht nachvollziehen. "Damit spielt man den falschen Leuten in die Hände!"

Markus Engelstädter

Der Sänger aus Trabitz im Landkreis Neustadt an der Waldnaab hat eine klare Meinung zur Aktion: "Die Art und Weise, wie das gemacht wurde, ist leider überhaupt nicht gut!" Natürlich sei er mit manchem, was kulturelles Leben de facto verbiete, auch nicht einverstanden und dagegen müsse man auch Stellung beziehen. "Dies mit Zynismus zu tun und damit den Querdenkern in die offene Arme zu laufen, war kein gelungener Schachzug." Wenn die Aktion nun als "Kunst" bezeichnet werde, dann sei das vielleicht legitim, allerdings würde er sich selbst für so etwas nicht hergeben. "Die Akteure stehen allesamt im Rampenlicht, drehen viel und haben wohl nur geringe berufliche Sorgen." Er sei gespannt, wie vielen Beteiligten noch dämmern werde, dass sie hier einen falschen Weg beschritten hätten und ihre Mitwirkung zurückziehen.

Jürgen Kirner

Für den aus Hemau (Kreis Regensburg) stammenden Schauspieler, Moderator und Kabarettisten ist Satire ein legitimes Mittel, um auf Missstände hinzuweisen. "Der Schauspieler ist der Hofnarr, der den Spiegel hinhalten kann." Dass die Beteiligten an der Aktion in die "Querdenker"-Ecke gestellt werden, sei nicht in Ordnung. Allerdings hätten sich die Mitwirkenden auch "sehr unklug" angestellt. In der heutigen Zeit sei es nötig, dass man Satire auch als solche deklariere. "Dies ist nicht erfolgt, deswegen ist das auch nach hinten losgegangen. Es ist nicht als Satire erkennbar." Er sei sich ziemlich sicher, dass die Beteiligten nicht mit einem solchen "Shitstorm" gerechnet hätten. "Letztlich war die Aktion ein Bärendienst für das berechtigte Anliegen, der Kultur."

Wolfgang Meidenbauer

Der Geschäftsführer des Landestheaters Oberpfalz (LTO) räumt ein, dass er sich nicht intensiv mit der Thematik beschäftigt habe. "Ich bin ausgelastet, zu planen wie der Betrieb des LTO aussehen kann." Grundsätzlich sei es wichtig, die problematische Situation der Kultur darzustellen. Wie das bei der Aktion gemacht wird, gefällt ihm weniger. Er verweist auf eine Stellungnahme der Gruppe "Hooligans gegen Satzbau" der er sich anschließt. Dort wird zum einen kritisiert, dass "Halbwahrheiten" als Satire verkauft werden. Zum anderen wird angemerkt, dass sich ausgerechnet "privilegierte Vorzeigepromis" zu Opfern der Pandemie stilisieren.

Lukas Höllerer

Beim Macher im Weidener Kulturverein "Sündikat" hat #allesdichtmachen viele Fragen aufgeworfen. "Ich halte das für eine komplett zynische Aktion." Spätestens wenn man Beifall von Leuten wie Hans-Georg Maaßen bekommt, müsse man sich als Schauspieler doch fragen, ob man völlig falsch abgebogen ist. Höllerer erkannte aber noch am Freitag erste Absetzbewegungen: "Manche checken allmählich, dass sie Mist gemacht haben." Er gehe davon aus, dass das Ding den Beteiligten noch "um die Ohren fliegen" werde.

Kommentar zu #allesdichtmachen

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