15.45 Uhr. Treffpunkt am Hintereingang. Schulführung, danach Zoigl. So war der Plan für das erste Klassentreffen, sechs Jahre nach dem Abitur. Monatelang wurde es geplant und als der Tag endlich da war, war ich aufgeregt.
Warum eigentlich? Schließlich kannte ich die Leute doch. Oder besser gesagt: Ich kannte die Version von ihnen aus dem Jahr 2020. Seit dem Abitur ist einiges passiert. Studium, Ausbildung, Umzug, neuer Job. Welche Versionen mir an diesem Tag begegnen, wusste ich nicht.
Erst als ich an meiner alten Schule aus dem Auto stieg, wurde mir klar, was die eigentliche Hürde war: Das allein auf die Gruppe zuzugehen. Zum Glück stand eine alte Bekannte auf dem Parkplatz und wir waren beide froh, den ersten Schritt nicht allein machen zu müssen, obwohl wir uns selber fast wie Fremde begegneten. Nach und nach kamen die anderen. Es wurde begrüßt, umarmt und – seien wir ehrlich – erst einmal gemustert. Manche erkannte man sofort, andere waren mit Bart oder neuer Frisur kaum wiederzuerkennen.
Nicht nur äußerlich gab es neue Versionen. Beim Zoigl wurde klar: Manche haben sich in den vergangenen Jahren beeindruckend konsequent gegen jede Form persönlicher Weiterentwicklung entschieden. Dieselben schlechten Sprüche, dieselben Witze, dieselbe Art, über andere zu reden, bei der einem einfällt, warum man mit manchen Leuten keinen Kontakt hatte. Andere dagegen wirken erstaunlich erwachsen. Studium abgeschlossen, weggezogen, erster richtiger Job. Das Leben ist weitergegangen. Trotzdem liefen die Gespräche alle nach demselben Muster ab: „Was machst du jetzt?“, „Wo wohnst du jetzt?“ und „Wie läuft’s?“
Nach sechs Jahren führt man auf einem Klassentreffen keinen Deep Talk. Man liefert sich gegenseitig die Kurzfassung der vergangenen Jahre: Beruf, Wohnort, vielleicht noch der Beziehungsstatus. Oberflächlich? Vielleicht. Aber wahrscheinlich genau richtig. Sechs Jahre lassen sich nicht zwischen Zoigl und Brotzeit aufarbeiten.
Nach sechs Stunden war dieses Update abgeschlossen. Zumindest bis zur nächsten Version. Mal schauen, ob es zum Zehnjährigen wieder ein Klassentreffen gibt. Die Fragen werden vermutlich dieselben sein. Nur die Antworten bekommen bis dahin wieder ein paar neue Kapitel dazu.
OTon
Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

















Super-Artikel, angenehm unaufgeregt und trotzdem pointiert - großes Kompliment!
Mir ging es bei meinem ersten (und wohl auch letzten) Klassentreffen sehr ähnlich - allerdings war es ein Grundschul-Klassentreffen ca. 15 Jahre nach dem Ende der Grundschulzeit. Die im Artikel beschriebenen Beobachtungen ließen sich aber quasi 1:1 übertragen - irgendwie schaurig und schön zugleich.
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