Weiden in der Oberpfalz
19.03.2026 - 09:50 Uhr

OTon: Wer hat es geschafft?

Sechs Jahre nach dem Abitur meldet sich plötzlich der alte Klassenchat von Volontärin Theresa Bruischütz zurück. Die Gruppe hat eine Idee, die alte Rollen und Erinnerungen weckt: Ein Klassentreffen.

Sechs Jahre hat man sich seit dem Abitur nicht mehr gesehen – plötzlich steht ein Klassentreffen an. Archivbild: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Sechs Jahre hat man sich seit dem Abitur nicht mehr gesehen – plötzlich steht ein Klassentreffen an.

Sechs Jahre Funkstille. Der alte Whatsapp-Klassenchat ist längst in Vergessenheit geraten, irgendwo tief im Archiv vergraben. Und dann – Ping. Eine Nachricht vom ehemaligen Klassensprecher. Freundlich formuliert, mit einem Emoji am Ende. Die Frage: Erstes Klassentreffen?

Im ersten Moment freue ich mich. Wirklich. Direkt danach kommt der Gedanke: Will ich diese Leute wiedersehen? Nicht jede Schulzeit ist ein Kapitel, das man gerne wieder aufschlägt. Ein Klassentreffen ist mehr als ein Treffen mit alten Gesichtern. Es ist eine Reise in eine Zeit, in der man nicht wusste, wer man ist – aber seinen Platz im Klassenkosmos genau kannte.

Kaum steht die Idee im Chat, melden sich die alten Alphatiere. Laut, selbstbewusst, mit Vorschlägen, Emojis und Tatendrang. Es wird an damals angeknüpft, als hätte es die letzten sechs Jahre nicht gegeben. Andere müssen erst wieder in die Gruppe hinzugefügt werden. Manche schreiben vorsichtig. Manche gar nicht.

Mir schießen unzählige Fragen durch den Kopf: Treffen wir uns als Erwachsene – oder in alten Rollen mit neu gebügelten Hemden? Gibt es die Kategorien von damals noch: Streber, Sportskanonen, Klassenclowns, Mitläufer, die Unsichtbaren? Und wird man dort wieder eingeordnet?

Sechs Jahre klingen nach wenig, schaffen aber doch Abstand. Zuerst müsste man sich auf den neuesten Stand bringen – ein Update, das fast automatisch zum Vergleich wird: Wer hat studiert, wer ist noch dabei? Wer ist geblieben, wer gegangen? Ehe, Kinder, Karriere? Mit Mitte 20 steht jeder woanders im Leben. So wird ein Klassentreffen schnell zur stillen Bestandsaufnahme – niemand sagt es offen, aber alle schauen genau hin.

Am Ende entsteht vielleicht unbewusst ein Urteil: Wer hat es „geschafft“? Die mit angesehenen Studiengängen, die Verheirateten mit sicherem Leben – oder die, die keinen dieser Maßstäbe erfüllen und trotzdem zufrieden sind? Doch ob man es „geschafft“ hat, muss jeder für sich selbst entscheiden. Jetzt geht es im Klassenchat erstmal darum, einen Termin zu finden – und eigentlich hoffe ich, dass ich an dem Tag Zeit habe, denn am Ende siegt wohl einfach die Neugier.

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Hintergrund:

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

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