Kemnath
23.07.2026 - 13:06 Uhr

OTon: Ich dachte, ich hätte noch Zeit

Manche Orte sind wichtiger, als man denkt. Das wurde Volontärin Jasmin Bauer erst bewusst, als sie das Grab ihrer Großeltern ein letztes Mal besuchen wollte.

Manche Orte verlieren ihre Bedeutung nie – auch wenn sie plötzlich nicht mehr da sind. Bild: Jasmin Bauer
Manche Orte verlieren ihre Bedeutung nie – auch wenn sie plötzlich nicht mehr da sind.

Drei Stunden Autofahrt, um Abschied zu nehmen. So hatte ich mir meinen Ausflug nach Augsburg vor wenigen Wochen vorgestellt. Dort sind meine Eltern aufgewachsen und meine Großeltern begraben. Eines der Gräber in einem kleinen Nachbarort von Augsburg sollte bald aufgelöst werden. Deshalb wollte ich noch ein letztes Mal hinfahren. Eigentlich dachte ich, ich hätte noch genügend Zeit.

Als ich am Friedhof ankam, erkannte ich sofort die kleine Kapelle und die Grotte wieder. Ohne großartig darüber nachzudenken, steuerte ich sofort auf die Stelle zu, an der eigentlich das Grab sein sollte. Doch da war nichts. Ich war völlig irritiert und suchte den kleinen Friedhof nach dem Grab ab. Vielleicht hatte ich mich ja doch geirrt. Ein Anruf bei meiner Schwester verschaffte mir Klarheit: Ich war am richtigen Ort – nur zu spät.

Der Grabstein war bereits verschwunden. Die Blumen auch. Stattdessen lagen frische weiße Kieselsteine auf der Erde. Nur der Abdruck des Grabsteins war in der Hecke dahinter noch zu erkennen – als hätte die Natur sich gemerkt, dass dort jahrzehntelang ein Stein gestanden ist.

In diesem Moment war mir einfach nur noch zum Weinen zumute. Nicht nur, weil das Grab weg war. Sondern weil mir die Möglichkeit für einen letzten Abschied genommen worden war. Erst später erfuhr ich, dass zwei der drei Schwestern meiner Mutter das genaue Datum der Auflösung kannten. Uns hatten sie es nie genannt. Auch nicht der dritten Schwester.

Mein Opa starb, als ich drei Jahre alt war. Viel ist mir von ihm nicht geblieben – nur eine einzige Erinnerung. Meine Oma verlor ich acht Jahre später. Weil Augsburg rund drei Stunden von uns entfernt ist, waren Besuche immer etwas Besonderes. Das letzte Mal war ich vor Corona am Grab. Nicht, weil es mir nicht wichtig gewesen wäre. Aber wie so oft kam das Leben dazwischen. Man denkt immer, man kann das noch irgendwann machen.

Eines steht fest: Meine Erinnerungen an meine Großeltern werden nicht mit dem Grab verschwinden. Trotzdem hätte ich mir diesen einen letzten Besuch gewünscht. Nicht, um mich von meinen Großeltern zu verabschieden – das musste ich schon vor vielen Jahren. Sondern von dem Ort, der mich immer an sie erinnert hat.

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Hintergrund:

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

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