Rupprecht will Corona mit Forschung in Schach halten

Die Corona-Krise hat uns fest im Griff. Der Lockdown war erfolgreich, aber was nun? Albert Rupprecht (CSU), zuständig für Forschungspolitik, wagt im Interview einen Blick über den Tellerrand.

Eine Mitarbeiterin der Oxford Universität setzt einem Probanden eine Injektion. Die Oxford Universität forscht an einem Covid-19-Impfstoff.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Eine Studie in Tirschenreuth findet international Beachtung.

Tirschenreuth

ONETZ: Herr Rupprecht, man hatte zu Beginn den Eindruck, dass die Politik völlig unvorbereitet in die Corona-Krise stolperte. Täuscht das?

Albert Rupprecht: Alle Experten, die sich mit Viren beschäftigten, wussten, dass solche Ereignisse mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit kommen werden. Wie zerstörerisch sie wirken, kann man nicht antizipieren. Dazu kommt, dass nicht nur Viren ein Risiko darstellen, das wir mit moderner Medizin mehr oder weniger gut beherrschen. Wir dürfen wegen der akuten Krise nicht aus den Augen verlieren, dass die Antibiotika-Resistenz, die uns seit Jahren massiv beschäftigt, eine ganz andere Dimension hat, wenn wir sie nicht in Griff kriegen.

ONETZ: Was hat die Politik präventiv getan?

Albert Rupprecht: Das ist ein weites Feld. Ich bin seit neun Jahren Sprecher der Unionsfraktion für Forschungspolitik, seit fünf Jahren ist die Medizinforschung bei mir angesiedelt. Ich bin Hauptverantwortlicher für diesen Bereich, zu dem die Digitalisierung in der Medizin, die Krebsforschung, die Behandlung psychischer Krankheiten zählen, die wir durch die Einrichtung von Zentren effektiver gestalten wollen. Wir haben aber auch viele Topwissenschaftler der Virologie erheblich unterstützt.

Für Ad-hoc-Studien vor Ort ist die Expertise der kommunalen Akteure gefragt.

Tirschenreuth

ONETZ: Und dennoch hat selbst das Robert-Koch-Institut (RKI) lange gebraucht, um die Pandemie richtig einzuschätzen?

Albert Rupprecht: Bis zu einem gewissen Grad ist jedes neue Virus auch für die Forscher Neuland. Wenn sich Virologen im RKI oder der Charité äußern, fragt man sich allerdings manchmal: Ist das abgestimmt? Ich habe deshalb zusammen mit der Bundesforschungsministerin ein Sonderforschungsprogramm zu Covid 19 mit einem Volumen von 150 Millionen Euro durchgesetzt, das dafür sorgen soll, dass alle Wissenschaftler auf eine gemeinsame Datenbasis zugreifen können. Dadurch werden die Behandlungsstrategien immer feiner getunt, die Behandlung systematisch verbessert. Die Taskforce Kroemer an der Charité koordiniert ein Netzwerk der deutschen Universitätsmedizin zur Erforschung von Covid 19.

Albert Rupprecht ist im Bundestag für die Forschung zuständig.

ONETZ: Sind wir damit auf mögliche künftige Pandemien besser vorbereitet?

Albert Rupprecht: Man muss zwischen Forschung und Anwendung unterscheiden. Es gibt eine Reihe an seltenen Krankheiten, zu denen sich nur schwer Unternehmen finden lassen, die in die Entwicklung von Medikamenten Geld investieren. Wir haben bereits rund 230 Millionen Euro zusätzlich für die Forschung zum Coronavirus breitgestellt und haben jetzt mit einem Sonderprogramm nochmal um 750 Millionen Euro aufgestockt. Auf der Forschungsseite sind wir ganz gut aufgestellt, aber wir brauchen auch die Industrie, die das umsetzt. Die Pharmaindustrie produziert teilweise nicht mehr in Deutschland, weil Biotech oft keine Finanzierung bekommt. Wenn wir keine Leute wie den von manchen Fußballfans angefeindeten Dietmar Hopp hätten, hätten wir gar nichts mehr.

In Corona-Zeiten wird der Alltag neu erfunden.

Deutschland und die Welt

ONETZ: Wie kann die Politik gegensteuern?

Albert Rupprecht: Wir müssen Strukturen aufbauen. Was der Markt nicht macht, muss der Staat übernehmen. Etwa durch Abnahmegarantien, dann kann ein Unternehmen ohne Risiko Produktionskapazitäten aufbauen, auch wenn ein US-Unternehmen schneller sein sollte. Kein Unternehmen würde das Risiko eingehen, 150 Millionen Euro zu investieren, wenn am Schluss nur der Schnellste zum Zug kommt.
Dadurch hat sich die Medikamentenforschung auf sicheres Terrain spezialisiert, da bei Generika hohe Gewinne garantiert sind. Wir müssen einsehen, dass ohne Bio-Technologie diese neuen Risiken nicht beherrschbar sind.

ONETZ: Was, wenn tatsächlich eine zweite Welle oder eine Mutation des Virus kommt?

Albert Rupprecht: Die positive Annahme ist, wir bekommen wie bei der Grippe, die jedes Jahr mit einer neuen Ausprägung zu uns kommt, eine Variante, aber man hat eine bestimmte Grundimmunität erreicht. Die Krankheit belastet dann zwar den Organismus, aber bei den meisten nicht tödlich. Was auch immer auf uns zukommt, wir brauchen mehr wissenschaftliche Schlagkraft.

Dringend benötigt: Eine Studie, wie man Menschen in Altenheimen schützt, ohne sie vereinsamen zu lassen.

Bayern

ONETZ: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Behandlung von Corona-Patienten vor Ort?

Albert Rupprecht: Es kann nicht sein, dass, wie wir das zurzeit in Weiden und Tirschenreuth erleben, jedes Krankenhaus für sich selbst rausfinden muss, welches Medikament man am besten anwendet, ob ein Herzkranker, ein Übergewichtiger anders zu behandeln ist, bis ein Impfstoff da ist.

ONETZ: Sind inzwischen wenigstens die Zollprobleme bei den Maskenlieferungen gelöst?

Albert Rupprecht: Die Mandatsträger der Oberpfalz schalten sich zweimal in der Woche zusammen, stimmen die Problemlagen ab. Themen, die Bundesbehörden wie den Zoll betreffen, laufen über mich, die Verteilung und Ausstattung über die Landtagsabgeordneten. Wir legen viel Wert darauf, Anregungen von Bürgern aufzunehmen. Bei konkreten Anliegen haben wir sie in Kontrakt mit den zuständigen Staatssekretären gebracht.

Bayern

ONETZ: Jens Spahn will die Produktionskapazitäten zum Beispiel für Masken nach Deutschland zurückholen. Wie weit ist er damit?

Albert Rupprecht: Das hat der Bundesgesundheitsminister für den Mai angekündigt, damit wir weniger vom Ausland und vom internationalen Wettbewerb abhängig sind. Wir befinden uns bei einem Marathon, von dem wir erst einen Teil gelaufen sind. Was aber vor drei Wochen fast täglich aufschlug, als etwa für die Kliniken AG Pakete in Luxemburg hängen geblieben sind, ist bereits massiv zurückgegangen.

Kellnerinnen mit Mundschutzen bedienen Gäste im Café «Sperl». Nach einer 59 Tage langen Corona-Pause dürfen in Österreich alle 41 000 Gastronomiebetriebe wieder Gäste empfangen. Der Neustart am Freitag wurde im gesamten Land aber durch schlechtes Wetter getrübt.
Ad-hoc-Studien vor Ort:

Wie kann Gastronomie kontaktarm funktionieren?

„Wir brauchen ad-hoc-Studien“, erklärt der Weidener Bundestagsabgeordnete seine neue Idee, „wenn wir wissen wollen, wie genau die Gastronomie oder der Baumarkt kontaktarm funktionieren sollen.“ Damit Menschen wieder gefahrlos über die Fußgängerzonen schlendern und Sport ohne Ansteckungsgefahr betreiben können, brauche es eine wissenschaftliche Expertise. „Wie sind die Übertragungswege, welche Masken sind am besten geeignet“, nennt Rupprecht Beispiele für nicht gänzlich geklärte Fragestellungen. „Das Thema wird uns noch lange beschäftigen, da sollten wir nicht rumprobieren.“

Wenn etwa der Hotel- und Gaststättenverband sinnvolle Richtlinien für seine Mitglieder entwickeln möchte, könne dazu eine Begleitstudie nützlich sein: „Dann brauche ich innerhalb von zwei Wochen vom Ministerium eine Entscheidung, ob das Konzept finanziert wird.“ Das entscheidende Kriterium: „Hat das Konzept die Qualität, dass es belastbare wissenschaftliche Ergebnisse erlaubt und bekommen wir zeitnah Ergebnisse?“ Ein Beispiel könne die Fragestellung sein, ob in Schulklassen Masken oder Abstand besser geeignet sind: „Man könnte zwei Vergleichsgruppen bilden, und begutachtet das Ergebnis wissenschaftlich.“ Man könne sicher nicht zu jeder Thematik eine Studie machen, dazu fehlten die Kapazitäten. Außerdem müsse man für die Wissenschaftler im Hintergrund ein Backoffice schaffen, das die Strichlisten übernehme.

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Kommentare

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papa joe

Hm, irgendwie versteh ich ein paar kleine Details nicht. Sind es jetzt nun 150 Mio. € oder 230 Mio. € oder 750 Mio. € oder etwa alles zusammen? Forschung ist wichtig, keine Frage, aber an Viren wird jetzt nicht erst seit gestern geforscht und Corona Viren sind nicht unbekannt. Eventuell sollte man in der Politik mal darüber nachdenken, das ein "alternativloser" oder "systemrelevanter" Zweig wie die Pharmaindustrie möglicherweise etwas mehr Regulation vertragen könnte? Wer in Deutschland Pharmazierprodukte anbieten möchte, der darf gerne auch dazu "gezwungen" werden, überlebensnotwendige Medikamente zum Selbstkostenpreis abzugeben. Ein Teil des nicht unerheblichen Forschungsetats dieser Firmen darf auch gerne verpflichtend zur Entwicklung ebensolcher eingefordert werden. Der Staat hätte da sicher einige Möglichkeiten... Und mir persönlich wäre es am liebsten, wenn eine mindestens ebenso große "Geldspritze" dazu genutzt werden würde, die Personaldecke und Ausstattung von Medizinischen Einrichtungen zu verbessern. In beinahe jeder Krise können diese nämlich zu einer Lebensversicherung werden. Schlussendlich noch ein Zitat aus einer Studie zu Sars-Cov2: "In fact, mortality from respiratory infections is extremely dependent on the quality of care and access to care, and severe forms have a better prognosis in countries with superior medical infrastructures."

22.05.2020