Politiker hätten beim Symposium mit anschließender Podiumsdiskussion im Hörsaal 02 an der Ostbayerischen Technischen Hochschule in Weiden einiges lernen können. Die Akademie Ostbayern-Böhmen und die OTH Amberg-Weiden luden drei Experten - der vierte, Dr. Wolfgang Weber, hatte Heimspiel.
Die Quintessenz aller vier Vorträge: Der ländliche Raum als einheitlicher Typ existiert so gar nicht. Städtische und ländliche Gebiete seien ein Kontinuum mit Wechselbeziehungen und Pendlerbewegungen. Eine Symbiose, bei der das Land die Stadt mit Rohstoffen, Lebensmitteln oder Energie versorge - die Stadt im Gegenzug zentrale Funktionen erfülle, erklärt der Regensburger Kulturwissenschaftler Dr. Manuel Trummer. So weit, so Binsenweisheit, könnte man meinen. Würden staatliche Verwaltungen für ihre Planungen nicht zum Teil noch immer Statistiken für ihre Raumordnungspolitik zugrunde legen, die wenig aussagekräftig sind.
"Bei genauerer wissenschaftlicher Betrachtung lässt sich der Gegensatz zwischen Stadt und Land kaum halten", bilanziert Trummer eine Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg, die zur Angleichung der Lebensverhältnisse und -stile geführt habe. Dabei sei Land nicht gleich Land: "Schon zwischen benachbarten Kleinstädten bestehen erhebliche Unterschiede."
Ländliche Räume bei Rankings unter Top 10
Auch der emeritierte Professor Jörg Maier, der 30 Jahre an der Uni Bayreuth Strategien für ländliche Räume mitentwickelte, hält die Typologisierung ländlicher Räume mit statistischen Methoden für zu grobmaschig: "Vor 40 Jahren hatten wir in Bayreuth eine Arbeitslosenquote von 18, in Hof sogar von 25 Prozent, heute eine der niedrigsten in Deutschland" - eine Kennzahl die zur Abgrenzung ländlicher Räume ungeeignet sei. "Die höchste Arbeitslosigkeit herrscht in Stadtteilen Nürnbergs."
Ländliche Räume wie Garmisch-Patenkirchen und Wunsiedel zu vergleichen, "ist Quatsch". Beim Ranking eines Wirtschaftsinstituts rangierten die Landkreise Dingolfing und Landau unter den florierendsten zehn Wirtschaftsräumen in Deutschland. "Teilen der ländlichen Räume geht es statistisch gut." Positive Impulse seien seit den 1990er Jahren von der Stärkung der Kommunalpolitik ausgegangen "Das muss möglichst kleinräumig geschehen."
Im Böhmen blüht der Pragozentrismus
Diplomgeograph Dr. Wolfgang Weber, Leiter der Grundsatzabteilung der OTH Amberg-Weiden, betont, es gehe nicht nur darum zu beschreiben, wie eine Region sei, sondern zu formulieren, wie sie aussehen wolle: "Szenarien entwickeln, Ideen umsetzen, Menschen mitnehmen." Zwei wesentliche Faktoren dabei seien Machbarkeit und Optimismus. Dennoch, selbst Oberzentren wie Weiden müssten sich strecken, um ihre Versorgungsfunktion aufrechtzuerhalten. Die heutige Herausforderung: "600 Ausbildungsstellen, das ist jede dritte, sind unbesetzt im Arbeitsmarktbezirk Weiden." Positiv sei der Branchenmix mit vielen Mittelständlern. Die Exportquote liege bei über 50 Prozent. In der Wertschöpfung sei Regensburg nicht mehr so dominant.
Wirtschaftsgeograph Prof. Dr. Jaroslav Dokoupil, Prodekan an der Westböhmischen Universität Pilsen konstatiert für die traditionell pragozentrische Tschechische Republik fehlende Kompetenzen und eine schwache Finanzausstattung der Kommunen als Entwicklungshemmnisse: Die Folge: "Kleine Gemeinden trifft die demografische Entwicklung - Bevölkerungsrückgang, Abwanderung junger Fachleute - besonders." Die Metropolen Prag und Pilsen samt Einzugsgebiet profitierten. "Jetzt geht es der Wirtschaft gut, aber was ist, wenn wieder eine Krise kommt?"
10 Thesen der Professoren Maier und Weber
1) Verbünde als Erfolgsfaktor.
2) Je mehr Distanz zum Zentrum, um so größer die Herausforderung.
3) Je erfolgreicher eine Region, desto größer der Pull-Effekt.
4) Der Megatrend Digitalisierung erfordert eine Regionalpolitik 4.0.
5) Fachkräftemangel: Jugend als wichtigste Zielgruppe.
6) Lebensqualität und Entwicklungschancen müssen als Indikatoren mit einbezogen werden.
7) Kreative Milieus befördern die Entwicklung.
8) Interkommunale Ansätze sind geboten.
9) Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind Zukunftschancen.
10) Ohne Regionalbewusstsein ist alles nichts.













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