Studenten in der Krise: Finanziell nackt

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Die Auswirkungen der Pandemie auf den Arbeitsmarkt treffen auch Studenten. Gelegenheits-, Neben- sowie Aushilfsjobs sind entweder unmöglich gemacht oder erschwert. Für viele bedeutet das auch den Rückzug ins Elternhaus.

Die Auswirkungen der Pandemie auf den Arbeitsmarkt treffen auch Studenten.
von Julian Seiferth Kontakt Profil

Im Inzidenz-Wirrwarr der vergangenen Wochen und Monate leiden besonders die Innenstädte, die Einzelhändler, die Selbstständigen - aber auch deren Mitarbeiter, seien es Festangestellte oder Aushilfen. Eine davon ist Christina Baumann (Name von der Redaktion geändert), die an der Uni Bayreuth im zweiten Semester Jura studiert. Mit ihrem Freund mietet sie eine Wohnung in der Stadt, 70 Quadratmeter, ihre Hälfte der Miete beträgt 360 Euro. Seit der Schulzeit hatte die Studentin in der Gastronomie gearbeitet, zunächst in einem Hotel, vier Wochen vor dem ersten Lockdown hatte sie in einem Café in Bayreuth angefangen. Zeit ohne Nebenjobs kennt sie seit Jahren eigentlich nicht, selbst ihr Auto hat sie selbst finanziert. „Wenn ich selbst nichts hatte, musste ich für laufende Kosten Geld bei meiner Familie leihen - ein unangenehmes Gefühl.“

Und doch: Seit über einem halben Jahr hat Baumann keinen Nebenjob mehr, die Pandemie hat die Gastronomie bekanntermaßen dezimiert. Seit Oktober erhält die Studentin die Überbrückungshilfen, die das Studentenwerk verwaltet. Die muss sie allerdings monatlich neu beantragen, die Bearbeitungszeiten ziehen sich über Wochen - oft ist der eine Antrag nicht final bearbeitet, bevor der nächste gestellt werden muss. Am unangenehmsten sei allerdings etwas anderes: „Ich muss meine Kontoauszüge komplett offen legen. Anders als beim Bafög kann ich nichts schwärzen.“ Das bedeutet in der Praxis folgendes: Zu Beginn des Winters hatte sich die Studentin ein Paar Winterschuhe gekauft, es war kalt, nass, matschig. Ein nachvollziehbarer Kauf, eigentlich, doch Baumann musste einer Mitarbeiterin des Studentenwerkes eben diesen Eintrag auf dem Kontoauszug erklären.

Rücklagen? Darf es nicht geben.

Wenn die Bearbeitung der Anträge zu viel Zeit braucht, muss die Studentin Geld für laufende Kosten wie Miete, Auto-Leasing oder den Handyvertrag von ihrem Freund leihen. Nebenjobs, nach denen sie weiter sucht, gibt es auf dem Corona-Arbeitsmarkt kaum. Die Jobs für Studenten an der Universität sind beispielsweise eher für höhere Semester geeignet, Kurierfahrten für Amazon zeitlich nicht mit dem Studium zu vereinbaren. Und: Um die 500 Euro monatlich zu erhalten, darf Baumann keine Rücklagen haben, sonst werden diese abgezogen. „Ich kann nichts sparen. Wenn mein Laptop kaputt geht, kann ich eigentlich mein Studium abbrechen.“ Nachhause zu ziehen sei für sie aufgrund eines Familienstreits unmöglich, die ganze Situation bezeichnet sie als psychisch belastend, oder wörtlich: „Es ist scheiße.“

Viele Jobs, die in der Pandemie wegfallen, fehlen den Studenten, weiß Andrea Klug, Präsidentin der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Amberg-Weiden und Vizepräsidentin des Deutschen Studentenwerks: „Studentenjobs sind besonders in der Gastronomie, der Kultur oder in der Veranstaltungsbranche weggebrochen.“ Andere sind dafür hinzugekommen, auch und gerade an den Hochschulen selbst, allen voran als studentische Hilfskräfte in der Unterstützung gerade von Erstsemesterstudenten.

Mehr Anfragen nach psychologischer Behandlung

Trotz dieser Angebote sei für rund ein Drittel der Studenten in Nebenjobs die Lage schwierig geworden. Das Geld muss anderswo herkommen, etwa aus den eigenen Ersparnissen oder aus dem Umfeld, beispielsweise der Familie. Darüber hinaus gibt es seit Juni 2020 eine Überbrückungshilfe der Bundesregierung, die die Studentenwerke in Deutschland umsetzen. „Mit zunehmender Dauer scheint der Anteil von Studierenden zu wachsen, die zumindest beabsichtigen, diese zu beanspruchen“, sagt Klug.

Die finanzielle Unsicherheit macht sich in den Hochschul- und Unistädten bemerkbar. „Studierende mussten wegen der Pandemie zurück zu ihren Eltern ziehen oder sind gar nicht erst an den Hochschulort gezogen“, erklärt Andrea Klug. Nachvollziehbar als kurzfristige Reaktion auf digitale Semester und weniger tiefe Taschen, aber: „Das Studium ist auch eine sehr wichtige Zeit für eine eigenständige Persönlichkeitsentwicklung und die Rückkehr ins Kinderzimmer steht dieser Entwicklung oftmals entgegen.“ Gerade Studenten im ersten Semester bräuchten dringend die Hochschule als Ort der Begegnung zurück, um den Beginn des Studiums als neuen Lebensabschnitt zu erleichtern.

Dies gelte besonders für das Studium an einer Hochschule wie der OTH, sagt Andrea Klug. Die Studenten entschieden sich für ein praxisorientiertes Studium, eines, bei dem die Beziehung zu den Dozenten und Kommilitonen auch anderer Studiengänge an der Tagesordnung stehen. Diese fehlen fast komplett, seit inzwischen drei Semestern. Einige Studierenden kennen ihr Studium nur vor dem heimischen Laptop - eine auch durch mehr Anfragen nach psychologischer Beratung belegte belastende Situation, unabhängig von der inzwischen „ganz hervorragenden digitalen Lehre“.

Lockerungen im Auslandssemester

Eine etwas andere Geschichte erzählt Monika Deinzer, die an der OTH in Weiden Betriebswirtschaftslehre (BWL) studiert. Ihren Aushilfsjob als Postbotin habe sie nicht verloren, erzählt die 22-Jährige, der sei krisensicher - in der Pandemie mehr denn je. Und doch lief auch für sie nicht alles reibungslos, den ersten Lockdown verbrachte Deinzer fast komplett bei der Familie in Aschaffenburg. "In der Zeit habe ich die Miete in Weiden fast für nichts gezahlt", erinnert sich die Studentin. Auch mit der digitalen Lehre tut sich Deinzer schwer. "Die Online-Vorlesungen sind einfach niemals ein Vergleich zur Präsenz."

Ihr geplantes Auslandssemester hat sich Monika Deinzer trotz Pandemie nicht nehmen lassen. Und so grüßt die 22-Jährige zum Video-Interview aus Amsterdam, wo die Studentin ein Praktikums-Semester absolviert. "Ich bin froh, dass immerhin das geklappt hat. Ich sitze momentan doch lieber hier als in Deutschland."

Zum Thema: Praktika in der Pandemie

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Ende April hatte die niederländische Regierung die Corona-Maßnahmen spürbar gelockert, trotz einer Inzidenz, die konstant über 200 liegt. So sind beispielsweise die Außenbereiche der Restaurants wieder offen. Doch auch vorher sei das Leben in Amsterdam spürbar entspannter gewesen als in Deutschland, erzählt Deinzer: "Man kann hier niemanden in Quarantäne zwingen, nur darum bitten. Etwas anderes gibt die Verfassung nicht her. Auch die Maskenpflicht lässt sich schwieriger durchsetzen als in Deutschland." Im täglichen Leben falle Corona inzwischen kaum mehr auf. "Die Geschäfte sind zu einem großen Teil weiter geschlossen. Das war's."

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