Tattoos: Bald Schluss mit bunt

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Tätowierungen sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Vor allem junge Menschen tragen "Tattoos", die Motive werden dabei immer aufwändiger und bunter. Doch die Szene ist in Aufruhr - Schuld hat die EU.

Die Farbpigmente Blue 15 und Green 7 sind in zwei Dritteln aller Tätowierfarben enthalten. Nun droht ein Verbot durch die EU.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Hintergrund ist ein Beschluss der Europäischen Chemikalienagentur ECHA, die ihren Sitz im finnischen Helsinki hat. Sie empfiehlt, mehr als 4000 bedenkliche Substanzen bei Tattoo-Farben und permanentem Make-up zu beschränken, unter anderem auch die Farbpigmente Blue 15 und Green 7. Das Problem: Diese beiden Pigmente sind derzeit in zwei Dritteln aller Tätowierfarben enthalten. Werden sie verboten, ist Schluss mit der Mehrzahl aller Farbmotive.

Keine komplette Regelung

Kein Wunder, dass sich unter Tätowierern erbitterter Widerstand formiert, der unter anderem in einer Online-Petition mündete. "Sich die Farben rauszuziehen, ist der falsche Ansatz", sagt aber auch Professor Wolfgang Bäumler, Physiker am Universitätsklinikum Regensburg (UKR). Der aus Weiden stammende Wissenschaftler ist deutschlandweit ausgewiesener Experte für Tattoos und forscht seit Beginn der 2000er Jahre auf diesem Gebiet. "Man will in der EU keine komplette Regelung", umreißt Bäumler das Problem. Genau diese hält er jedoch für nötig, um das Tätowieren insgesamt sicherer zu machen. "Es geht nicht nur um die Farben, da spielt viel mehr mit hinein."

Der Medizinphysiker, der unter anderem seit 2017 dem wissenschaftlichen Beirat des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR) angehört, erklärt: "In der Farbe, die zum Tätowieren verwendet wird, sind bis zu 100 verschiedene Substanzen enthalten." Neben den bunten Pigmenten sind das zum Beispiel Restprodukte ihrer chemischen Synthese, Emulgatoren und Konservierungsstoffe, aber auch Metalle wie Nickel. "Man muss einfach wissen, das ist ein Chemikalien-Mix." Auf all diese Stoffe können Menschen allergisch reagieren, auch Entzündungen sind üblich. Weitaus schwerer wiegt jedoch, dass bislang niemand die Langzeitfolgen der Tattoos abschätzen kann.

Farben wandern

"Die Farbe verteilt sich über den ganzen Körper", beschreibt Bäumler, was nach dem Tätowieren unter der bunten Oberfläche abläuft. Das sei auch nicht anders zu erwarten, "denn die Haut versucht, den Fremdkörper zu beseitigen". Das geschieht über den Blutkreislauf und die Lymphbahnen. Tatsächlich lagern sich die Pigmente in den Lymphknoten ab und färben diese ein. "Letztlich landet alles in den Ausscheidungsorganen, also Leber und Nieren." Binnen weniger Monate "verschwinden so zwei Drittel der Farbe aus dem Tattoo", erklärt Bäumler.

Was das letztlich bedeutet, lasse sich leider momentan nicht beantworten. Dazu fehlten epidemiologische Untersuchungen mit belastbaren Zahlen. Genau solche würde sich der Regensburger Forscher wünschen. "Das wäre auch gar nicht so schwierig zu bewerkstelligen." Bislang seien alle Vorstöße in diese Richtung jedoch erfolglos geblieben.

Keine Positivliste

Bislang gibt es zum Schutz der Verbraucher lediglich eine sogenannte Negativliste, die - äußerst übersichtlich - aufführt, was in Tätowierfarben nicht enthalten sein darf. Wünschenswert, sagt Bäumler, sei jedoch eine Positivliste. Sie würde festlegen, welche Substanzen sicher sind und verwendet werden dürfen. Grundlegendes Problem der Branche ist, dass sie nicht groß und damit lukrativ genug für die Hersteller von Farben ist. "Es ist für die Industrie einfach zu teuer, eigens Tätowierfarben zu produzieren. Und es sind auch keine Tierversuche erlaubt, um die Farben zu testen." Die Folge davon: "Im Prinzip läuft derzeit der weltgrößte Test von Substanzen am Menschen."

Professor Dr. Wolfgang Bäumler ist Medizinphysiker am Universitätsklinikum Regensburg .

Der Medizinphysiker erklärt das Dilemma: "Es gibt sehr viele verschiedene rote und gelbe Pigmente für industrielle Zwecke, die auch nicht pharmazeutisch rein sind, aber trotzdem in den Körper eingebracht werden. Blaue und grüne Pigmente gibt es dagegen nur sehr wenige. Genau die nimmt man nun aber weg." Zwar sollen die Händler von der EU zwei Jahre Zeit bekommen, um Alternativen zu den verbotenen Farbstoffen zu finden, doch Bäumler sieht das skeptisch: "Das wird wohl nicht passieren. Es gibt eben einfach keine entsprechende große Industrie dafür und die Produzenten sitzen dazu noch in den USA und Asien." Bäumlers Befürchtung: Genau dort würden dann künftig die Farben bezogen, wobei Produkte aus Asien zum Teil nur zu 50 bis 60 Prozent pharmazeutische Reinheit aufwiesen.

"Kein Tätowierer will seinem Kunden wissentlich schaden", sagt der Forscher zwar, meint aber auch, "trotzdem werden, glaube ich, Rechtsbrüche passieren." Man bewege sich beim Tätowieren bereits jetzt in einer "Grauzone": "Das Restrisiko, dass etwas passiert, bleibt immer beim Träger des Tattoos."

Infos zu Tätowierfarben gibt es hier

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