Trotz Radonbelastung in der Oberpfalz: Häuselbauern drohen keine höheren Kosten

Zweifelhafter Reichtum: Teile der Oberpfalz sind reich an Radon. Experten rechneten damit, dass große Teile zum Vorsorgegebiet erklärt würden – was Häuslebauern teuer zu stehen käme. Doch das Umweltministerium überrascht: Nur der Landkreis Wunsiedel ist betroffen.

Josef Dill, der einzige geprüfte Oberpfälzer Fachberater, vor seinem Forsthaus mit Messgeräten.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Auf der Karte des Bundesamtes für Strahlenschutz sind große Teile der Oberpfalz rot eingefärbt: Hier muss mit erhöhtem Radon-Aufkommen gerechnet werden. Eigentlich hätte der Freistaat bis 1. Januar sogenannte Vorsorgegebiete festlegen müssen – Corona verzögert den Prozess. Josef Dill, einziger geprüfter Radonfachberater in der Oberpfalz rechnete fest damit: „Große Teile der Oberpfalz sind betroffen.“

In diesen Gebieten gelten dann laut Ministerium höhere Anforderungen für den Radonschutz bei Neubauten und Messpflichten an Arbeitsplätzen im Erd- und Kellergeschoss – für Arbeitgeber und Neubauten verpflichtend, für private Hausbesitzer vorerst freiwillig. Für Aufenthaltsräume und für Arbeitsplätze legt das Strahlenschutzgesetz einen Referenzwert von 300 Becquerel pro Kubikmeter für die über das Jahr gemittelte Radonaktivitätskonzentration in der Luft fest.

Corona-bedingte Verzögerung

Stattdessen die überraschende Wendung: „Die wissenschaftlichen Bodenluftmessungen weisen aktuell nur auf den Landkreis Wunsiedel hin“, teilt ein Sprecher des bayerischen Umweltministeriums auf Anfrage von Oberpfalz-Medien mit. „Die Staatsregierung hat deshalb heute beschlossen, dass der Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge als sogenanntes Radon-Vorsorgegebiet ausgewiesen wird.“ Die Festlegung der Radon-Vorsorgegebiete in Bayern erfolge auf Grundlage zweier Prognosekarten des Bundesamts für Strahlenschutz von 2017 und 2020 und eigens durchgeführten Bodenluftmessungen. Sie soll noch im Februar in Kraft treten.

„Festgelegt werden nur Gebiete, die aufgrund der aus den beiden Prognosekarten erhobenen Daten die im Bundesrecht (§ 153 Absatz 2 Strahlenschutzverordnung) aufgeführten Kriterien erfüllen und deren Festlegung durch die Ergebnisse der zusätzlich durchgeführten Bodenluftmessungen gestützt werden.“ Corona-bedingt sei es zu einer Verzögerung bei der Übermittlung des Abschlussberichtes der in Auftrag gegebenen Bodenluftmessungen gekommen. „Da sich die Festlegung der Radon-Vorsorgegebiete auch auf die Ergebnisse dieser Messungen stützt, war bis zur Festlegung der Radon-Vorsorgegebiete der Erhalt des offiziellen Abschlussberichtes abzuwarten.“ Das Thema Radon werde seit Jahren intensiv durch das Bayerische Landesamt für Umwelt begleitet. „Dort besteht auch ein umfassendes Beratungsangebot.“

Kritik der SPD

Florian von Brunn, umweltpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, hatte zuvor Umweltminister Thorsten Glauber vorgeworfen, Gesundheit und Leben der Menschen in Bayern zu riskieren. Bis Ende des Jahres 2020 hätte das Ministerium sogenannte Vorsorge-Gebiete ausweisen müssen, in denen die Radon-Konzentration im Boden besonders hoch ist. Das aber sei nicht passiert, kritisiert von Brunn. Das neu gefasste Strahlenschutzgesetz des Bundes hat von Brunn zufolge den Bundesländern bis zum 31.12.2020 die Ausweisung vorgeschrieben.

Das radioaktive Edelgas Radon führte in der Rangliste der Umweltbelastungen bisher ein Schattendasein – in Heilbädern wird das unsichtbare und geruchslose Gas sogar erfolgreich gegen Rheuma eingesetzt. Wie bei allen Wirkstoffen ist auch hier die Dosis und die Art der Kontaminierung entscheidend: In den noch festzulegenden Vorsorgegebieten ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Referenzwert von 300 Bequerel pro Kubikmeter (Bq/m³) erreicht wird, hoch.

Das Bundesumweltministerium stellt fest, dass Radon eine der häufigsten Ursachen für Lungenkrebs nach dem Rauchen sei. Der Gesetzgeber hat deshalb im Strahlenschutzgesetz bereits 2017 und in der Strahlenschutzverordnung zum 31. Dezember 2018 Regelungen zum Radon verbindlich geregelt. Die Bundesländer hätten demzufolge bis zum Jahresende 2020 Gebiete ausweisen sollen, in denen Überschreitungen des Referenzwerts für Radon zu erwarten sind – sogenannte Radonvorsorgegebiete.

Mit dem Radonexposimeter kann eine passive Radonmessung durchgeführt werden.

Risiko oft unterschätzt

Dringenden Handlungsbedarf sieht auch die Präsidentin des Bundesamtes für Strahlenschutz, Inge Paulini: „Die gesundheitsschädigende Wirkung von Radon ist wissenschaftlich eindeutig nachgewiesen.“

Trotzdem werde das Risiko oft unterschätzt. Die Ausweisung von Radonvorsorgegebieten sei ein wichtiger Baustein für einen besseren Schutz vor dem radioaktiven Gas. „Um sich und seine Familie vor Radon zu schützen, kann jeder selbst aktiv werden – auch außerhalb der Radonvorsorgegebiete.“

Fachberater Dill klärt auf

„Das radioaktive Edelgas Radon entsteht vor allem beim Zerfall von natürlich vorkommenden radioaktiven Stoffen im Erdboden“, erklärt der Leonberger Radon-Fachberater Josef Dill. Von dort gelange es in die Luft und könne eingeatmet werden. „In der Außenluft verdünnt sich Radon schnell und stellt dort normalerweise kein Problem dar.“

In der Innenraumluft von Gebäuden aber könne es sich anreichern. „Wird Radon über einen längeren Zeitraum in höheren Konzentrationen eingeatmet, erhöht sich das Risiko für Lungenkrebs.“ Der unabhängigen Datenbasis des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zufolge geht Dill davon aus, „dass weite Teile der Oberpfalz Vorsorgegebiet werden“.

Thüringen und Sachsen schon weiter

„Thüringen und Sachsen haben ihre Radonvorsorgegebiete schon aufgelistet“, sagt Dill. Fest stehe allerdings, dass die flächendeckende Messungen übers ganze Jahr nicht möglich sein werden.

„Auch die Karte des BfS basiert auf stichprobenartigen Messungen, die hochgerechnet werden.“ Wenn nach diesem Rechenmodell 75 Prozent der Fläche oder 10 Prozent der Häuser über 300 Bq/m³ aufwiesen, würden sie zum Vorsorgegebiet erklärt.

„Keine Panik“

Wenn man als Arbeitgeber oder Hausbesitzer sichergehen wolle, müsse man messen lassen: „Das gilt auch für den weißen Bereich“, rät Dill. Sobald die Gebiete festgelegt sind, besteht für Arbeitgeber, die Arbeitsplätze ebenerdig oder im Keller untergebracht haben, eine Mess- und gegebenenfalls Sanierungspflicht.

Und bei Neubauten muss dann ebenfalls die Strahlung vorsorglich eingedämmt werden. „Aber keine Panik“, sagt der Fachberater, „die Messungen sind erschwinglich und selbst bei höheren Belastungen muss nicht immer gleich saniert werden.“

Kommentar: Keine neuen Zumutungen für Corona-geschädigte Oberpfälzer

Oberpfalz
Info:

Tipps des Radon-Fachberaters

  • Kostenfaktor: „Drei Messungen in drei Räumen kosten so um die 400 Euro“, sagt Radon-Fachberater Josef Dill. Das hänge vom zeitlichen Aufwand und Geräteeinsatz ab.
  • Zeitpunkt: „Wenn man es ganz genau wissen will, müsste man 12 Monate lang messen und einen Mittelwert ermitteln“, sagt Dill. „Einen guten Anhaltspunkt liefere eine Messung im Winter, wenn geheizt werde: „Der Kamin sorgt für einen Sogeffekt, er zieht dann durch alle Ritzen und Spalten vom angrenzenden Erdboden Radon.“
  • Selbstversuch: In seinem denkmalgeschützten hundertjährigen Forsthaus habe er ein Jahr lang gemessen. „Im Keller komme ich auf 400 bis 500 Bq/m³, das stört mich nicht, weil ich mich da kaum aufhalte.“ Mit den 180 Bq/m³ im EG und 80 Bq/m³ im ersten Stock könne er leben. Er habe das Glück, das um sein Haus herum Lehmboden die Strahlung einigermaßen abdichte. „Bei Sand und Geröll ist die Belastung höher.“
  • Umnutzung: Anders verhalte es sich bei einer Kundschaft in Falkenberg, wo er rund 1250 Bq/m³ gemessen habe. „Die machen jetzt eine Umnutzung, versetzen das Schlafzimmer und kommen so bei den Gästezimmern auf unter 300 Bq/m³.“
  • Worst case: Wenn eine Nutzungsänderung nicht möglich ist, muss eine Sanierung in Erwägung gezogen werden. „Das geht von einer Sperrfolie über eine Radondrainage bis zum Rausreißen des Bodens“, sagt Dill. Auch eine weiterführende Unterdruckabsaugung sei denkbar: „Da werden Ventilatoren, die Unterdruck erzeugen, in den Boden gebohrt.“ Abhängig von der Belastung empfehle er eine adäquate Lösung.
  • Neubau: „Wenn Sie in einem Vorsorgegebiet neu bauen wollen, müssen Sie als privater Bauherr zwei von vier Maßnahmen umsetzen.“
  • Medizinische Definition: Die 300 Bq/m³ sind ein politischer Kompromisswert, kein medizinischer Grenzwert“, erklärt der Berater. „Aber vor Gericht wird er wahrscheinlich wie ein Richtwert behandelt.“ Die WHO habe früher 100 Bq/m³ als Grenzwert angesetzt.
  • Wasser: Sie können Wasser, in dem Radon gelöst ist, im Sibyllenbad bedenkenlos trinken“, sagt Dill, „erst die eingeatmeten Zerfallsprodukte sind gefährlich.“ In Leitungswasser komme Radon nur in sehr geringen Dosen vor. Anders im Wasserwerk, wo es aus dem Wasser diffundiere: „Da bekommen die Arbeiter eine erhöhte Dosis ab.“

 

 

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