Verbrühtes Kind: Haftstrafe für Mutter

Wegen schwerer Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener soll die 27-Jährige Mutter eines Mädchens drei Jahre und drei Monate in Haft. Nach dem Urteil vor dem Schöffengericht in Weiden gab es für das Gericht Applaus.

Die Angeklagte und ihr Verteidiger Matthias Haberl vor dem gut gefüllten Zuhörerraum in Gerichtssall 106 im Justizgebäude in Weiden
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Eine Reihe der 30 Zuschauer klatschte begeistert, als Richter Hubert Windisch die Angeklagte schuldig gesprochen hatte. Wegen schwerer Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener soll die 27-Jährige drei Jahre und drei Monate in Haft. Windisch und die beiden Schöffen waren überzeugt, dass die Frau in einem Moment psychischer Überforderung ihrer fast einjährigen Tochter eine Tasse heißen Tee ins Gesicht geschüttet hat. Windisch brachte in der Begründung eine vorübergehende Schuldunfähigkeit ins Spiel. "Es gibt Anzeichen." Solange die Mutter bei ihrer Behauptung bleibe, sei ein entsprechendes Gutachten nicht möglich.

Staatsanwältin Franziska Hofmann hatte 3 Jahre und 9 Monate gefordert, Verteidiger Matthias Haberl "maximal sechs Monate" wegen fahrlässiger Körperverletzung. Seiner Mandantin sei vorzuwerfen, dass sie die heiße Tasse auf dem Kinderstuhl stehen ließ. Sie hätte damit rechnen müssen, dass das darunter spielende Kind die Tasse zum Kippen bringt. Diesen Vorwurf müsse sich seine Mandantin gefallen lassen - schon wegen der Vorgeschichte.

Der Kinderstuhl und die Tasse vor der Richterbank. Das Gericht ist überzeugt, dass die Mutter der Tochter den Tasseninhalt ins Gesicht geschüttet hat. Die Frau hatte erklärt, sie habe die Tasse auf dem Stuhl stehen lassen, das darunter spielende Kind das Gefäß zum Umfallen gebracht.

Tatsächlich war es diese Vorgeschichte, die den Fall besonders werden lässt. In der Urteilsbegründung gab Windisch Verteidiger Haberl Recht: Ohne die Vorgeschichte "hätte es die Verhandlung wohl nicht gegeben". Im Juni 2017 war die Angeklagte bereits zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden, weil ein Sohn zweimal schwer verbrüht wurde. In zweiter Instanz hatte das Landgericht die Strafe abgemildert, weil sich kein Vorsatz belegen ließ. Der Richter sah es lediglich als erwiesen an, dass die Angeklagte und ihr damaliger Partner das Leid des Kindes verlängerten, weil sie nicht den Notruf wählten, sondern selbst ins Krankenhaus fuhren - nach Regensburg statt direkt ins Weidener Klinikum.

Oberpfalz

Kaum etwas auszuschließen

In seiner Begründung räumte Windisch ein, dass es auch diesmal schwer gefallen war, den Tathergang eindeutig zu klären. Es habe eine Rolle gespielt, dass es der dritte Vorfall im Haushalt der Angeklagten war. "Es gibt Zufälle, aber solche Zufälle gibt es dann doch nicht" , erklärte Windisch. "In der Gesamtschau bleiben für uns keine Zweifel." Daran ändere die Tatsache nichts, dass sich zumindest technisch ein anderer Tatablauf nicht ausschließen lasse.

Über "das Ausschließen" bestimmter Möglichkeiten hatte zuvor der medizinische Gutachter Professor Peter Betz aus Erlangen doziert. Etwas wirklich auszuschließen, sei für einen Gutachter fast unmöglich. Der Mediziner spricht deswegen lieber von "berechtigten Zweifeln". Solche ergaben sich aus den verschiedenen Schilderungen der Frau. Es sei nicht denkbar, dass das Kind im Stuhl saß und sich die Flüssigkeit selbst übers Gesicht gegossen hat. Die Verletzung betraf die rechte Gesichtshälfte, hätte das Mädchen bewusst nach der Tasse gegriffen, müsste die Gesichtsmitte betroffen sein. Wenn das Kind am Stuhl gerüttelt und die Tasse zum Umfallen gebracht hätte, wäre das heiße Wasser wohl auf dem Rücken gelandet.

Liebevolle Mutter

Neben dem Gutachter sagten am Dienstag die Hebamme und eine Familienbetreuerin der Angeklagten aus. Beide bescheinigten ihr liebevollen Umgang mit der Tochter. Die Verhältnisse seien geordnet. Daran meldete Staatsanwältin Hofmann im Plädoyer auch keine Zweifel an. Dennoch habe das Verfahren bewiesen, dass die 27-Jährige ihr Kind absichtlich verbrüht habe, weil sie sich überfordert gefühlt habe. Zum Beleg verwies die Staatsanwältin auf die verschiedenen Versionen der Angeklagten. "Es gibt nur eine Wahrheit." Die Aufgeregtheit nach der Tat habe die Frau inszeniert, die Aussage des Partners zugunsten seiner heutigen Frau sei unglaubwürdig. Sie habe mehrfach ihre manipulative Persönlichkeit gezeigt. Zu ihren Gunsten konnte Hofmann nichts vorbringen. Selbst bei einem Unfall wäre eine Mutter bestürzt. "Sie sitzt hier, grinst und kaut Kaugummi", sagte die Staatsanwältin zur 27-Jährigen auf der Anklagebank.

Verteidiger Haberl forderte in seinem Plädoyer, die Vorgeschichte auszublenden. Es dürfe nur um den Vorfall vom 16. November 2018 gehen. Und hier sei eben nicht eindeutig geklärt, was in der Weidener Wohnung der Angeklagten und ihres Partners passiert ist. Dass das Gericht dem nicht folgen wollte, habe ihn nicht überrascht, erklärte Haberl nach dem Urteil. "Die Vorgeschichte hat in dem Verfahren eine zu große Rolle gespielt." Haberl kündigte deswegen eine Berufung an.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.