13.06.2019 - 18:46 Uhr
Oberpfalz

Verbrühtes Kind: Viele Zweifel und eine Angeklagte

Der Wahrheit kommt das Gericht am Donnerstag kaum näher. Am zweiten Verhandlungstag geht es erneut um ein verbrühtes Mädchen und um die Frage, ob die Mutter ihr Kind mit Vorsatz verletzt hat. Immer wieder gibt es Widersprüche - wie im Leben der Familie.

Beleidigung per SMS vor Gericht
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Mehrfach bringen die Justizwachtmeister neue Stühle in Sitzungssaal 106, denn die 30 im Zuschauerraum dort reichen nicht. Es sind vor allem Frauen, die den zweiten Tag im Prozess um ein möglicherweise vorsätzlich verbrühtes Mädchen miterleben wollen. Auch auf der Anklagebank sitzt eine Frau, die Mutter der Einjährigen. An den Gesprächen der Zuhörerinnen ist zu hören, dass auch hier viele junge Mütter sind.

Weiden in der Oberpfalz

Für die meisten scheint es keine Zweifel an der Schuld der 27-jährigen Angeklagten zu geben. Für Windisch und die beiden Schöffen stellt sich die Lage anders dar. Fest steht, dass sich das Kind am 16. November 2018 schwere Verbrühungen zugezogen hat, nachdem ihm heiße Flüssigkeit über Kopf und Oberkörper gelaufen war. Der Vater des Kindes soll währenddessen auf der Couch geschlafen haben, erledigt von der Nachtschicht am Vortag. Wo die Mutter genau war bleibt offen: Vor Gericht gibt sie an, auf der Toilette, das Kind habe sich beim Spielen selbst die Tasse Tee über sich gegossen, weil es sich vom Boden an einem Kindersitz hochzog und dabei die Tasse nach unten riss.

So viele Varianten

Oder war die Frau doch in der Küche, als der Vorfall geschah? Und sah sie das Kind, als es die Tasse nach unten zog, weil sie schon auf dem Rückweg war, oder hörte sie das Mädchen plötzlich schreien? Und befand sich das Mädchen wirklich auf dem Boden - oder saß es im Kinderstuhl, als es sich die Verletzungen zuzog? All diese Varianten bringen Zeugen vor, die am Donnerstag befragt werden. Vier Rettungsassistenten schildern ihre Erinnerungen, eine berichtet vom schlechten Zustand der Wohnung: "Der Boden hat geklebt vor Dreck, hinterm Ofen haben sich die Wollmäuse gestapelt." Alle vier Sanitäter schüren Zweifel an der Angeklagten. In Summe widersprechen sie sich aber auch selbst. Was die Frau an jenem 16. November 2018 tatsächlich erzählt hat, ließ sich am Donnerstag nicht klären.

Außerdem bleibt fraglich, was die Aussage direkt nach dem Vorfall wert gewesen wäre. Schließlich schildern alle Zeugen, dass die Angeklagte während des Einsatzes völlig durch den Wind gewesen war. Der Notarzt ließ sie wegen ihres Zustands nicht mit in den Hubschrauber, der das Kind in eine Spezialklinik flog. Die Helfer riefen einen weiteren Notarzt, weil sie sich Sorgen wegen des Zustands der Frau machten, die damals zum vierten Mal schwanger war.

Weinende Mutter

Richter Windisch lässt den Mitschnitt des Notrufs abspielen. Während der Vater ruhig spricht, hört man dahinter die Mutter weinen. Irgendwann fragt sie die Leitstellendisponentin direkt, ob ihr Mann das Kind ins Krankenhaus begleiten kann, sie selbst sei nicht in der Lage. Spricht das für oder gegen die Frau?

Das fragt man sich auch bei der Aussage eines Sozialarbeiters, der die Familie betreute. Ja, die Mutter sei überfordert gewesen, mit ihrer Beziehung, mit dem Alltag. Gleichzeitig bescheinigt er der 27-Jährigen aber, dass sie sich liebevoll um ihre Tochter gekümmert habe. Ähnliches sagt die Kinderärztin, die das Mädchen seit Geburt betreut. "Ich kann sagen, dass das Kind einen zügigen Entwicklungsverlauf hatte", erklärt sie. Auf Misshandlung oder Vernachlässigung habe bei den acht Terminen nichts hingedeutet. Auch heute betreut die Ärztin das Mädchen, das nach wie vor bei der Mutter lebt. Dem Kind werde wohl eine Narbe bleiben, sonst erhole es sich sehr gut.

Doch da ist auch die Vorgeschichte der Frau, die 2017 zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden war, weil einer ihrer Söhne zweimal mit heißem Wasser verbrüht wurde. Auch damals stand Vorsatz im Raum, verurteilt wurden die Frau und ihr damaliger Partner lediglich, weil sie sich lange Zeit ließen, bis sie den Jungen zur Behandlung brachten. Weidens Sozialdezernent Wolfgang Hohlmeier berichtet, dass die Kinder und ihre Mutter beim Jugendamt inzwischen mehrere Aktenordner füllen. Hohlmeier selbst meldete den neuen Vorfall der Polizei, weil er nicht an Zufall glauben konnte, als die Mutter drei Tage nach dem Vorfall im Amt anrief, um die Verletzung zu melden. Hohlmeier spricht von häuslicher Gewalt und über den "desolaten Zustand", in dem ein Sohn damals bei der Pflegefamilie abgegeben wurde. Die Inobhutnahmen seien allesamt gegen den Willen der Mutter erfolgt. Die Angst, ihr Kind zu verlieren, scheint der stärkste Antrieb der Mutter zu sein. In der Urteilsbegründung von 2017 findet sich dieser Hinweis ebenfalls. Windisch liest den Text vor, der auf fehlende Glaubwürdigkeit beider Angeklagten verweist, die ihre Aussagen ständig variieren, mal sich, dann wieder den Partner be- und entlasteten. Immer sei es darum gegangen, die Kinder nicht ans Jugendamt zu verlieren. Spricht das für oder gegen die Angeklagte? Kommenden Dienstag ab 8.30 Uhr müssen die Richter ein Urteil fällen.

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