Verbrühtes Kind: Gericht stochert im Unklaren

Heißer Tee über Kopf und Oberkörper: Die Schmerzen des kleinen Mädchens müssen furchtbar gewesen sein. Und weil die Einjährige auch die einzige Zeugin des Vorfalls ist, tut sich das Gericht beim Prozess gegen die Mutter weiter schwer.

Ein Justizwachtmeister bringt den Kinderstuhl, auf dem die Tasse mit heißen Tee stand, mit dem sich das Kind verbrühte - wenn man die Variante der Mutter glaubt.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Eine Mutter auf der Anklagebank, und auch die Zuhörerplätze in Saal 106 im Weidener Justizgebäude füllten am Donnerstag vor allem Frauen. Das Schöffengericht mit Vorsitzendem Richter Hubert Windisch befasste sich mit einem bewegenden Fall um das Wohl eines Kindes: Hat die 27-jährige Angeklagte ihre Tochter am Tag vor dem ersten Geburtstag mit einer Tasse heißen Tees Verbrühungen zweiten Grades an Hals und Kopf zugefügt?

Oder war es ein Unfall, wie die Angeklagte beteuert? In ihrer Version zog sich das Kind unbeobachtet am Kindersitz hoch - und riss dabei eine Tasse heißen Tees nach unten. Erhärten lassen sich die Vorwürfe am Donnerstag kaum. Tatzeugen gibt es keine, so müht sich das Gericht, über Indizien weiterzukommen. Doch klarer wird der Fall durch die Zeugen nicht: Ein Betreuer erklärt, dass die Mutter verschiedene Versionen vom Ablauf des Vorfalls erzählt habe und von Problemen in der Beziehung der Frau. Mit ihrer kleinen Tochter sei sie aber liebevoll umgegangen.

So aufgelöst

Der Arzt, der die Erstversorgung übernommen hatte, schildert ebenso Zweifel. Die Mutter sei so aufgelöst gewesen, dass sie ihre Tochter nicht im Hubschrauber in die Spezialklinik nach München habe begleiten können. Wirkliche Belege kann aber auch der Mediziner nicht bringen. Am Nachmittag sagen dann vier Rettungsassistenten aus, die während des Einsatzes in der Wohnung der Familie waren.

Oberpfalz

Sie berichten, dass ihnen während des Einsatzes ein anderes Szenario präsentiert worden sei: Das Kind habe sich in seinem Sitz befunden und sich dort den heißen Tee selbst über Kopf und Oberkörper gegossen. Doch bei Nachfragen tun sich bei den Helfern Erinnerungslücken, Widersprüche und Unklarheiten auf. Dazu kommt die Aussage der Kinderärztin des Mädchens: Sie bescheinigt der Mutter einen liebevollen Umgang mit ihrem Kind und diesem eine sehr gute Entwicklung. Auch von der Verbrühung erhole sich das Mädchen gut, allerdings werde wohl eine Narbe bleiben.

Dunkle Vergangenheit

Am Ende bleiben also Zweifel. Verteidiger Matthias Haberl sieht sich bestätigt: "Ich bin von einem Unfall überzeugt, und heute konnte niemand an der Überzeugung etwas ändern." Doch gegen das "Im Zweifel für die Angeklagte" spricht genau deren Vergangenheit - und in der wurde ein Sohn bereits zweimal mit heißem Wasser verbrüht.

Ihr damaliger Partner und sie sprachen ebenfalls von Unfällen. Damals ließen sich die Fälle nicht zweifelsfrei klären - dennoch wurden beide zu zweijährigen Bewährungsstrafen verurteilt, weil sie lange zögerten, das verbrühte Kind zur Behandlung zu bringen. Letztlich fuhren sie den schreienden Jungen nach Regensburg, aus Angst, dass ein Besuch im Weidener Krankenhaus Ärger mit dem Jugendamt bedeuten könnte.

Dass es diesen Ärger häufiger gab berichtet schon zu Beginn der Verhandlung der Leiter des Weidener Jugendamts. Die Frau und ihre inzwischen vier Kinder würden dort mehrere Aktenbände füllen. Beide ältere Söhne leben heute bei Pflegefamilien, auch beim zweiten Sohne habe es Anzeichen von häuslicher Gewalt gegeben, als er in "desolatem Zustand" zur Pflege gebracht wurde.

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