Verteidiger für Mörder und Pädophile: Herr Colbatz, wie können Sie nur?

Rouven Colbatz setzt sich für Mörder genauso ein wie für Vergewaltiger und Pädophile. Der 40-Jährige Strafverteidiger aus Weiden sagt, er tue dies aus Idealismus.

Strafverteidiger Rouven Colbatz
von Wolfgang Würth Kontakt Profil
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Rouven Colbatz betreibt mit seiner Frau eine Kanzlei in Weiden. Er sagt, er ist Strafverteidiger aus Überzeugung. Im Interview erklärt er, wieso sein Einsatz für Straftäter und seine Begeisterung für den Rechtsstaat kein Widerspruch sind.

ONETZ: Herr Colbatz, ein Klinikarzt hat Geld bezahlt, um ein kleines Kind missbrauchen zu können. Weil Sie gute Arbeit geleistet haben, sieht es derzeit danach aus, als könnte der Mann mit einer Bewährungsstrafe davonkommen. Schämen Sie sich nicht?

Rouven Colbatz: Ich schäme mich überhaupt nicht. In einem Rechtsstaat gelten Grundsätze. Mein Job ist dabei, für meine Mandanten das Bestmögliche herauszuholen, gleich ob sie die Tat begangen haben oder nicht. Auch Betrüger und Kinderschänder haben Rechte. Es geht darum, diese Rechte zu verteidigen. Diese Personen sind grundsätzlich alleine bei der Polizei oder beim Haftrichter. Die Staatsanwaltschaft und das Gericht haben eine riesige Apparatur hinter sich. Hier sehe ich meine Rolle: Als Prellbock zwischen dem Mandanten und dieser Übermacht. Ich schaue darauf, dass seine Rechte gewahrt bleiben.

ONETZ: Das bedeutet, Sie betreuen jemanden, der ein Kind missbraucht genauso gerne, wie irgendeinen Kleinkriminellen?

Rouven Colbatz: Genauso gerne möchte ich in diesem Zusammenhang nicht sagen. Ich sehe es einfach als meine Aufgabe an. Ich stelle mich grundsätzlich vor den Mandanten, egal was ihm vorgeworfen wird.

ONETZ: Werden Sie häufig so direkt für Ihre Arbeit angegangen?

Rouven Colbatz: Erstaunlicherweise relativ selten. Es gab in den vergangenen zwölf Jahren tatsächlich zwei Fälle bei denen es zum Beispiel Droh-E-Mails gab. Das war einmal der Mordfall Konradshöhe. Ich habe für die Frau auf eine Geldstrafe plädiert, sie musste wegen Beihilfe zum Mord 13 Jahre und 2 Monate ins Gefängnis. Damals kamen tatsächlich Droh-Mails. Das andere war ein versuchtes Tötungsdelikt in Waldsassen an einem Mädchen. Damals stand ich unter Polizeischutz. Das hat zwei, drei Monate gedauert und war schwierig, weil ich in der Zeit die Belastung aus der Arbeit mit nach Hause genommen habe.

Prozess wegen Kindesmissbrauch

Weiden in der Oberpfalz

ONETZ: Ist das sonst anders? Als Strafverteidiger müssen Sie doch immer bereit stehen, wenn jemand festgenommen wird?

Rouven Colbatz: Das ist richtig. Ich habe tatsächlich schon den ersten Weihnachtsfeiertag im Gericht verbracht. Aber trotzdem nehme ich die Arbeit gedanklich nicht mit nach Hause. Ich habe eine Familie, da muss man beispielsweise Taten gegen Kinder gedanklich in der Kanzlei lassen.

Colbatz bewahrt einen Pädophilen möglicherweise vor dem Gefängnis

Weiden in der Oberpfalz

ONETZ: Wie läuft es konkreter ab, wenn Sie als Strafverteidiger eingeschaltet werden?

Rouven Colbatz.: Die Strafprozessordnung sagt, wenn dir ein bestimmtest Delikt vorgeworfen wird, dann brauchst du einen Verteidiger. Diesen kannst du dir wählen. Nur wenn der Beschuldigte keinen Namen nennt, werde ich vom Gericht bestellt. In der Regel bekomme ich einen Anruf von der Polizei: „Jemand braucht einen Verteidiger, er hat Sie ausgewählt.“ Dann fahre ich dorthin und berate den Mandanten ohne Polizeibeamte. Ich rate den Mandanten meist, sich nicht zu äußern, weil ich noch kein Kenntnis des Falles habe. Das ist oft schwer für den Mandanten, weil das oft Untersuchungshaft bedeutet. Ich muss wissen: Was weiß der Staat? Dazu benötige ich Einblick in die Ermittlungsakte. Erst wenn ich diese Akte habe und sehe, mein Mandant wird durch dies belastet, und durch jenes entlastet, kann ich entscheiden welche Verteidigungsstrategie ich fahre. Pflichtverteidiger heißt also etwas anderes als in den USA, wo der Klient seinen Anwalt aufoktroyiert bekommt. Ich werde in der Regel nicht gezwungen, meine Mandanten zu übernehmen.

ONETZ: Wer entscheidet über die Untersuchungshaft?

Rouven Colbatz: Wenn die Staatsanwaltschaft meint, dass Untersuchungshaft nötig ist, muss sie einen Antrag beim Gericht stellen. Dann muss innerhalb eines Tages die Vorführung vor einen Richter erfolgen. Der entscheidet dann, ob der Mandant in U-Haft muss oder nicht. Wie man dann weiter vorgeht, hängt jeweils vom Einzelfall ab.

ONETZ: Aber woher weiß der Festgenommene denn, welcher Anwalt geeignet ist. Oder vertrauen die Leute auf den Rat der Polizei?

Rouven Colbatz: Die Polizei oder Staatsanwaltschaft dürfen keine Vorschläge machen. Das Gesetz schreibt vor, dass dem Beschuldigten ein Verzeichnis der Anwälte vorgelegt werden muss. Er muss nicht notwendigerweise einen Fachanwalt für Strafrecht wählen, von denen wir acht in Weiden haben.

ONETZ: In der Öffentlichkeit stehen Sie oft wegen spektakulärer Fälle. Mord, Vergewaltigung. Wie sieht Ihr Alltag aus?

Rouven Colbatz: Das Gros meiner Tätigkeit befasst sich tatsächlich mit Betäubungsmitteln. Beschaffungskriminalität, Handel oder Einfuhr. Die Gewichtung ist schwer. Vor ein paar Jahren habe ich das mal ausgerechnet, damals waren 66 Prozent meiner Fälle solche Gift-Geschichten. Das liegt auch an der Grenznähe. Der Drogen-Transit wird auch in Weiden verhandelt.

ONETZ: Gibt es auch Fälle, die sie ablehnen würden? Wo liegt Ihre Grenze?

Rouven Colbatz: Bei Fällen aus dem Bereich des Rechtsextremismus bin ich zurückhaltend. Das passt überhaupt nicht zu meiner Einstellung. Das brauche ich nicht.

ONETZ: Was ist ihr größter Erfolg vor Gericht?

Rouven Colbatz: Das ist schwer zu sagen. Meine Leistung im Strafprozess ist es, die Rechte des Mandanten zu wahren. Daran arbeite ich. Am Ergebnis des Prozesses lässt sich aber kaum ablesen, wie gewissenhaft ich meine Arbeit gemacht habe. Es kann schon die falsche Antwort auf eine Frage reichen, damit ein Fall kippt, ob zugunsten oder zuungunsten meiner Mandanten. Im Lehrgang zum Fachanwalt hieß es: Stelle nie eine Frage, auf die Du die Antwort nicht kennst. Klar freut man sich über einen Freispruch, aber das heißt nicht, dass das meine Leistung war.

ONETZ: Als Außenstehender kann man also gar nicht einschätzen, wie gut Sie Ihre Arbeit machen.

Rouven Colbatz: Das ist tatsächlich so. Oft ist das auch im Umgang mit dem Mandanten ein Problem. Ein Mandant erwartet oft, dass man poltert, sich mit Staatsanwalt und Richter anlegt. Oft macht man damit mehr kaputt, als wenn man ruhiger vorgeht. Letztlich merken aber viele Mandanten trotzdem, dass man sich zu 100 Prozent für sie einsetzt.

ONETZ: Wie schwer fällt es Ihnen selbst, ihre Arbeit von persönlicher Sympathie freizuhalten? Denken Sie nicht manchmal, "Du Schwein hättest noch zwei Jahre mehr verdient"?

Rouven Colbatz: Es gibt schon Konflikte, aber die haben weniger mit der Person zu tun. Ein junger Mandant, der schon zehnmal vorbestraft ist. Da denkt man dann schon manchmal, du gehörst mal für zwei Monate in den Knast. Dahinter steckt dann eher ein Erziehungsgedanke. Aber etwas überspitzt zu sagen, seine Nase passt mir nicht, ist kein Grund auf ein Jahr mehr zu plädieren, das kommt nicht infrage. Auch wenn das persönliche Verhältnis gestört ist, der Mandant nicht mit mir spricht.

ONETZ: Wie ist es, wenn Sie der Mandant anlügt und Sie das nicht sofort merken, sondern erst vor Gericht?

Rouven Colbatz: So lange dauert es nicht, bis ich was merke. Beim Erstgespräch will ich vom Mandanten noch gar nicht wissen, ob er es war. Ich will nur wissen, was der Vorwurf ist und besorge mir die Ermittlungsakte. Wenn ich dann in der Akte sehe, das sieht nicht so schlecht aus für meinen Mandanten, dann muss ich gar nicht wissen, ob er es war.

ONETZ: Aber will man das nicht wissen?

Rouven Colbatz: Eine schwierige Frage. Meistens muss ich es wissen. Es ist wichtig, eine Vertrauensbasis aufzubauen, was oft gar nicht leicht ist. Der Mandant kennt mich nicht, ich rate ihm dann, erstmal nichts zu sagen, deswegen geht der Mandant dann zunächst in U-Haft. Klar, dass das mit dem Vertrauen schwierig ist und mich der Mandant zunächst einmal anlügt. Aber wenn man dann die Ermittlungsakte kennt, wird es meistens doch schnell klar. Ich sage das auch beim Erstgespräch: „Am Ende des Tages lügst Du mich nicht an.“ Das ist die einzige Regel, die es bei mir gibt. Das dauert immer ein bisschen, aber es ist äußerst selten, dass mich mein Mandant vor der Hauptverhandlung immer noch anlügt.

ONETZ: Was ist, wenn der Mandant vor der Hauptverhandlung gesteht: "Ja, ich hab den Mord begangen", und Sie sicher sind, dass die Indizien nicht für eine Verurteilung ausreichen?

Rouven Colbatz: Dann sage ich: „Perfekt“. Mit der Situation hätte ich überhaupt keine Probleme. Jemand ist ein Mörder, wenn das Gericht dies rechtskräftig feststellt. Das steht so im Gesetz. Mir ist klar, dass das schwierig zu akzeptieren ist.

ONETZ: Aber jeder Mensch hat doch eine Moralvorstellung. Es ist auch klar, dass es ihre Aufgabe ist, eine möglichst geringe Strafe herauszuholen. Aber wenn ein Mörder völlig straffrei davonkommt?

Rouven Colbatz: Ich habe damit kein Problem. Das Gericht ist nicht der richtige Ort für Moral. Es gilt aber der Grundsatz: Lieber ein Schuldiger nicht verurteilt, als ein Unschuldiger im Knast. Das sind Prinzipien unseres Rechtsstaat. Und an den glaube ich. Um Sie aber zu beruhigen: Solche Fälle kommen so gut wie nie vor. Die Staatsanwaltschaft stellt im Vorfeld viele Fälle ein, weil sie zu unklar sind. Kommt es zur Hauptverhandlung, ist ein Freispruch sehr unwahrscheinlich.

ONETZ: Wenn es alleine um die Feststellung des Gerichts geht: Dann wäre auch ein verurteilter Unschuldiger für Sie kein Problem?

Rouven Colbatz: Ein guter Einwand. Und trotzdem: Nein. Der Rechtsstaat sagt, ich muss einem Täter seine Tat nachweisen. Der Rechtsstaat sagt aber auch, ein Unschuldiger darf auf gar keinen Fall verurteilt werden. Lieber im Zweifel einen Täter laufen lassen.

ONETZ: Wie groß ist die Gefahr, abzustumpfen, zum Zyniker zu werden?

Rouven Colbatz: Ich sehe mich eher als Idealist. Ich freue mich wirklich über jeden Drogenabhängigen, der den Absprung schafft, auch wenn ich ihn dadurch als Mandanten verliere.

ONETZ: In Weiden ist der Kreis der Juristen, die mit Strafprozessen zu tun haben, relativ klein. Wie ist das Verhältnis zu Richtern, Staatsanwälten und den Kollegen?

Rouven Colbatz: Ich arbeite – wenn es sein muss – hart in der Sache, aber nie unter der Gürtellinie. Am Ende des Tages muss man sich noch in die Augen schauen und am Abend zusammen ein Bier trinken können. Von mir werden Sie nie hören: „Herr Staatsanwalt, warum lachen Sie so doof.“ Mann braucht ein Gespür, wo packe ich die Klinge aus und wo nicht.

ONETZ: Zuletzt hat der Bundestag über die Verfahrensordnung gesprochen. Sehen Sie Handlungsbedarf?

Rouven Colbatz: Ja. Und nicht ganz überraschend sehe ich den Handlungsbedarf an anderer Stelle als Staatsanwälte und Richter. Die sehen in uns Anwälten nur Konfliktverteidiger und fordern, das Verfahren zu straffen. Tatsächlich hat das Gericht schon heute viele Möglichkeiten, kann Beweisanträge ablehnen oder Fristen für Beweisanträge festlegen. Die Rechte des Beschuldigten wurden zuletzt immer weiter beschnitten. Das kann aus meiner Sicht nicht sein. Richtig finde ich, dass derzeit darüber gesprochen wird, den Pfilchtverteidger schon bei der ersten Vernehmung hinzuzuziehen, nicht erst vor dem Ermittlungsrichter.

ONETZ: Letzte Frage: Was verdient man als Strafverteidiger?

Rouven Colbatz: Wenn es mir um den Verdienst gegangen wäre, würde ich heute als Wirtschaftsanwalt arbeiten. Dann muss man zwar 60 Stunden die Woche arbeiten, aber das mache ich hier als Selbstständiger auch. Nur als Beispiel: Als Pflichtverteidiger verdient man für einen typischen Betäubungsmittel-Fall 600 Euro. So ein Verfahren dauert neun Monate, man muss die Akten studieren, hat mehrere Besprechungen, einen Tag mit der Hauptverhandlung. So viel sind 600 Euro da gar nicht.

Zur Person:

Bald zwölf Jahre in Weiden

Rouven Colbatz Wurzeln liegen im Südwesten. Aufgewachsen ist der heute 40-Jährige in Tuttlingen in der Nähe des Bodensees. Das Jura-Studium verschlug ihn nach Regensburg. In der Domstadt sammelte er auch erste berufliche Erfahrung – bis er sich mit seiner Frau Anja Gall-Colbatz für die Selbstständigkeit entschied. Die Wahl der Standortes fiel auf Weiden, woher auch die Eltern der Ehefrau stammen. Seit zwölf Jahren praktiziert das Ehepaar Colbatz nun gemeinsam. Das Paar hat eine gemeinsame Tochter.

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