17.04.2020 - 18:31 Uhr
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Trotz tragischen Todesfalls: Kein erhöhtes Corona-Risiko für Schwangere

Dass ein Flugzeug das sicherste Verkehrsmittel ist, tröstet Angehörige eines Absturzopfers nicht. Dasselbe gilt für Patienten, die an Folge einer Corona-Erkrankung sterben, obwohl sie keiner Risikogruppe angehören - wie im tragischen Fall einer Schwangeren aus Weiherhammer.

Eine Hebamme tastet den Bauch einer Frau ab, die im neunten Monat schwanger ist. Experten sehen kein erhöhtes Risiko für Schwangere.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Nachruf auf eine Oberpfälzer Unternehmerin

Weiden in der Oberpfalz

Die Nachricht schockiert: Marion Bergler, Miteigentümerin der gleichnamigen Firmengruppe in Weiherhammer, verstarb am Mittwochabend im Uniklinikum Erlangen am Coronavirus. Wenige Tage zuvor wurde ihr Baby im Klinikum Weiden mit Not-Kaiserschnitt gerettet. Zu weiteren intensivmedizinischen Versorgung wurde sie danach nach Erlangen verlegt.

Schicksalshafte Verläufe

Zum konkreten Fall kann sich Richard Strauß, Oberarzt der Medizinischen Klinik 1 des Universitätsklinikums Erlangen, nicht äußern. Gerne hilft der stellvertretende Klinikdirektor, der die Patientin nicht selbst behandelte, aber bei der Einordnung des Falls: "Wir sind ein Universitätsklinikum, das eine Maximalversorgung bietet", begründet der Infektiologe die Verlegung nach Erlangen. "Wir sind seit Jahren Referenzzentrum bei schweren Infektionen und gerade bei Schwangeren stehen alle Fachabteilungen rund um die Uhr zur Verfügung."

Man habe bereits einige Covid-positiv getestete Schwangere behandelt: "Den Verlauf in diesem Fall kann man nur als tragisch bezeichnen." Vergleichbares habe er bei keiner anderen Patientin beobachten müssen. Auch wenn die Datenlage unvollständig sei: "Alle Experten, ob von der WHO oder dem Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten, gehen im Moment davon aus, dass Schwangere - anders als bei Influenza - kein erhöhtes Erkrankungsrisiko haben." Auch vermehrte schwerere Verläufe als bei der Allgemeinbevölkerung gleichen Alters seien nicht festzustellen.

Bei jüngeren Menschen außerordentlich selten

Einschränkend sagt Strauß: "Wenn man schwanger ist und Lungenentzündung bekommt, wird die Lungenausdehnung weniger." Das könne zu Komplikationen führen. Dennoch, das Gros der Schwangerschaften verlaufe völlig problemlos: "Mitunter gibt es schicksalshafte Verläufe, die bei jüngeren Menschen außerordentlich selten sind." Alle seriösen Zahlen verwiesen darauf, dass die meisten Todesopfer über 80 Jahre alt oder vorerkrankt sind. "Aber über ganz Deutschland betrachtet, gibt es immer tragische Einzelfälle." Das stelle man auch bei der Influenza fest, wo sehr selten schwerste Fälle aufträten.

"Die Hypothesen, warum das so ist, sind vielfältig", erklärt der Mediziner. "Eine gängige besagt, dass sich unsere Abwehrleistung individuell stark unterscheidet." Auf unterschiedliche Infektionen reagiere das Immunsystem mancher Menschen schlechter: "Ein genetischer Hintergrund könnte Ursache sein." Diese Annahme sei kompatibel mit einer anderen Beobachtung: "Bei einigen Fällen beobachtet man eine Überreaktion des Immunsystems, so dass Schädigungen durch Entzündungen auftreten, die eigentlich das Virus abwehren sollten."

Weiden: Gesunde Zwillinge

Auch das Klinikum Weiden kann sich nicht zum konkreten Fall äußern. Kliniksprecher Michael Reindl verweist auf die positive Erfahrung mit einer Corana-infizierten Patientin, die sogar in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" beschrieben wurde: "Die erste Schwangere mit Covid-19 entband im Klinikum Weiden, bevor die gesamte deutsche Krankenhauslandschaft sich rüstete für die Pandemie." Nach geplantem Kaiserschnitt, der nichts mit dem Virus zu tun gehabt habe, seien in der 36. Woche gesunde Zwillinge geboren worden. Es sei zum vorzeitigen Blasensprung gekommen. "Die gesunden Frühchen kamen auf die Neonatologie." Die Mutter habe Milch abgepumpt und die Kinder erst besucht, als die Infektion überstanden war. "Alle drei sind wohlauf."

Stillen bleibt das Beste für Mutter und Kind

"Schwangere sind in aller Regel gesunde Frauen, die sich ins Krankenhaus begeben, weil ein glückliches Ereignis bevorsteht", betont Frank Louwen, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Die gute Nachricht: "Daran muss sich aus medizinischer Sicht nichts ändern, selbst wenn ein Erreger die Welt auf den Kopf stellt."

Nach allem, was man bisher über Corona wisse, gelte: "Die Infektion mit dem Virus ist keine Indikation für irgendeine Modifikation der Geburt." Heißt? Kaiserschnitt-Entbindungen also nur, wenn es medizinisch geboten ist. Stillen bleibt das Beste für Mutter und Kind. Sogar gegen das "Bonding", den so wichtigen Körperkontakt, spricht Louwen zufolge nichts: Im Fall einer Infektion der Frau reichten ein guter Mund-Nase-Schutz und sorgfältige Handhygiene, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren.

Hintergrund:

Meist milder Verlauf bei Schwangeren

Auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien schildert Dr. med. Barbara Kindl, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Vohenstrauß, die Erfahrungen des Qualitätszirkels niedergelassener Frauenärzte in Weiden und im Landkreis Neustadt/Waldnaab mit Schwangerschaften in Zeiten der Corona-Krise: „So schlimm ein tragischer Todesfall immer ist, es gibt für die überwältigende Mehrheit der Schwangeren keinen Grund zur Panik.“ Ein Weidener Kollege betreue drei an Corona erkrankte Schwangere: „Allen geht es gut.“

◘ Erhöhtes Risiko in der Schwangerschaft?

„Ein aktueller Artikel im Ärzteblatt zitiert eine Beobachtungsstudie mit 15 Schwangeren (23 bis 40 Jahre alt), die viruspositiv getestet wurden“, sagt Kindl. Alle entwickelten eine milde Pneumonie, mehrere hatten sogar Vorerkrankungen wie Diabetes, Thalassämie oder Zustand nach Herzklappenersatz. Insgesamt beeinträchtigte die Infektion den Schwangerschaftsverlauf nicht.

◘ Überraschend günstiger Schwangerschaftsverlauf

Eigentlich würde eine Infektion einen komplizierteren Verlauf erwarten lassen, weil Schwangere immununterdrückt seien, um das zum Teil DNA-fremde Kind nicht abzustoßen. „Prozentual müsste es mehr Komplikationen geben“, sagt Kindl, „die Daten weisen aber auf einen milderen Verlauf hin, und auch das Fehlgeburtsrisiko ist eher geringer.“

◘ Übertragung des SARS-CoV2-Virus auf das Kind

„Bisher gibt es nur einen Fall eines infizierten Babys aus Wuhan, bei dem aber nicht klar ist, ob die Übertragung nicht durch eine Verunreinigung postnatal erfolgte“, sagt Kindl.

◘ Wie verhalten sich Schwangere richtig?

„Wie alle anderen auch“, rät die Frauenärztin, „daheim bleiben, fernhalten von Infektionsquellen.“ Wenn man infiziert sei, solle man sich, sobald Atemprobleme auftrete, an die Klinik wenden. Kindl hofft auf Lernprozesse im Umgang mit dem Virus: „Ein Oberarzt aus Tirschenreuth empfiehlt statt einer Intubierung eine Art Helm, der mit Reißverschluss verschlossen wird und in dem ein leichter Überdruck mit Sauerstoff erzeugt wird.“

Weiden in der Oberpfalz
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