Deutschland und die Welt
04.01.2019 - 10:57 Uhr

Welche Tat wühlt stärker auf?

Wer die öffentliche Debatte verfolgt, stellt fest: Obwohl in Bottrop und Essen Menschenleben in Gefahr gebracht wurden, kreist die Diskussion eher um die gewalttätigen Asylbewerber von Amberg und eine mögliche Abschiebung.

Ein deutscher Rassist will im Ruhrgebiet Menschen überfahren, die er aufgrund ihres Äußeren für Ausländer hält. In Amberg haben vier betrunkene junge Asylbewerber Passanten mit Tritten und Schlägen traktiert. Obwohl die Ermittler im ersten Fall von einer Mordabsicht ausgehen, dreht sich die öffentliche Debatte vor allem um den zweiten Fall. Warum ist das so?

Einer der Gründe ist aus Sicht von Experten die persönliche Betroffenheit. "Bei einer Attacke wie in Bottrop, die sich gegen Ausländer oder vermeintliche Ausländer richtet, fühlt sich die Mehrheit der Deutschen nicht persönlich betroffen. Denn die Angst, selbst Opfer einer solchen Tat zu werden, ist für sie gering", sagt der Soziologe Alexander Yendell, einer der Autoren der vielbeachteten Langzeitstudie der Universität Leipzig zum Autoritarismus.

Ganz anders der Fall Amberg. Bei Straftaten, die Zuwanderer verüben, gibt es grundsätzlich zwei Denkschulen. Deren Anhänger tauschen im öffentlichen Diskurs stets die gleichen Argumente aus. Dabei reden sie letztlich aneinander vorbei. Die erste Gruppe ist der Ansicht, dass jede Straftat eines Zuwanderers hätte verhindert werden können - und zwar dadurch, dass er gar nicht erst ins Land gekommen wäre. Wer dieser Gruppe angehört, will nur sehr begrenzt Zuwanderer ins Land lassen. Die zweite Gruppe sagt im Prinzip: Wenn mehr Menschen im Land sind, führt das zwangsläufig auch zu mehr Kriminalität, das ist logisch und nicht weiter schlimm.

Dennoch: Wenn Menschen, die als Fremde wahrgenommen werden, in Gruppen Straftaten begehen, wie jetzt in Amberg, weckt das Ängste und Ressentiments. "Da entsteht dann schnell das Gefühl, es seien auch unsere Werte, unsere Gesellschaft und die eigene Weltsicht in Gefahr", sagt Yendell. Der Fremde werde zum Sündenbock. Die eigenen Ängste und die eigene Wut würden auf diese als fremd empfundenen Menschen projiziert. Der Psychologe erläutert, viele Menschen sagten zwar über sich selbst, sie wollten ihre Überzeugungen durch die Suche nach zusätzlichen Informationen infrage stellen. In Wirklichkeit gehe es aber meist doch eher um etwas anderes: "Wir wollen nicht wissen, ob wir recht haben, wir wollen wissen, dass wir recht haben."

 
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