05.02.2021 - 17:27 Uhr
WiesauDeutschland & Welt

Kult-Disco Silvermoon in Wiesau: Auf der Party-Seite des Mondes

Völlig losgelöst von der Erde. In den 90ern stand eine der angesagtesten Diskotheken Bayerns in Wiesau. Im Silvermoon flohen jede Woche von Mittwoch bis Sonntag Tausende der Generation Eurodance auf einen anderen Planeten.

Völlig losgelöst: Ein Astronaut der Stadt Wiesau schwebt über dem Mond. Die Grafik ist eine Anlehnung an das von Florian Zaus beschriebene Airbrush im Silvermoon.
von Julian Trager Kontakt Profil

Mittwoch, 22 Uhr, der Countdown läuft. Bumm-bumm, bumm-bumm, bumm-bumm. Der elektronische Herzschlag von DJ Bobo, „Technology“ wummert durch den Raum. „You are now in a world of music“, knistert seine Stimme aus den Boxen. Menschen stehen auf der Tanzfläche, aber keiner tanzt. Sitzen an den Tischen, aber keiner unterhält sich. Gemurmel im Hintergrund, ein, zwei Kreischer. Dann das majestätische „Conquest of Paradise“ von Vangelis. Die Eroberung des Paradies’ beginnt. DJ Ralph steht auf seiner erhöhten Kommandobrücke, greift zum Mikro. „... und die Menschen kamen aus ihren Häusern gelaufen“, trägt er vor und wirkt dabei wie ein Prediger. „Sie blickten zum Himmel, um den Stern zu sehen, zu finden und ihm zu folgen – bis ihnen eine vertraute Stimme sagt: Welcome on Partyplanet Silvermoon.“

Jeden Mittwoch und Samstag begrüßte DJ Ralph so die Gäste in der Wiesauer Disco. Immer um 22 Uhr. Das Intro wurde schnell Kult, manche können den Text heute noch fast exakt wiedergeben. Das Silvermoon galt in den 90ern als eine der angesagtesten Discos weit und breit. Der Laden wurde einmal gar zur Nummer eins gewählt. In Bayern oder Nordbayern, von der ARD oder dem BR. Die damals Verantwortlichen erzählen heute unterschiedliche Versionen. Egal, die Gäste kamen jedenfalls aus der ganzen Oberpfalz, auch aus Bayreuth, aus Wunsiedel, aus ganz Nordbayern. „Wir hatten ein Einzugsgebiet von 300 Kilometern“, erinnert sich DJ Ralph, der zwischen 1994 und 2000 Chef-Disc-Jockey war. Das Gebäude an der Egerstraße 27 in Wiesau (Kreis Tirschenreuth) bot Platz für 1500 Leute. Jeden Mittwoch und Samstag, die Silvermoon-Tage, tummelten sich dort aber mehr als 2000 Menschen. „War schon heftig, dass es uns gelang, das Ding mehr als sechs Jahre lang zwei Mal in der Woche voll zu machen“, sagt DJ Ralph. 2002 war es dann zu Ende, irgendwann blieben die Gäste einfach aus.

Zurück in die Zukunft

Ganz am Anfang, die Disco eröffnete am 7. Oktober 1994, war auch der Mittwoch im Silvermoon nur ein irdischer Tag mitten in der Arbeitswoche. „Der war damals schwach besucht, klar“, sagt DJ Ralph. Irgendwas Neues musste her, ein Alleinstellungsmerkmal. „Ne Single-Party!“, dachte der Disc-Jockey aus Bayreuth damals. „Das war der Wahnsinns-Durchbruch für diesen Laden.“ Von da an war der Mittwoch von einem anderen Stern, die Disco immer rappelvoll, egal ob Sommer oder Winter. Die Menschen standen schon vor 20 Uhr vor dem Eingang Schlange.

Drinnen, auf der Single-Party, bekam jeder eine Nummer auf die Brust gepappt. Mit ein paar Kreuzchen auf einem Zettel („Du machst mich ganz wild auf dich“), teilten die Flirtenden einer bestimmten Nummer ihre Zuneigung mit. „Der DJ gab dann durchs Mikro: Nummer 2312 hat Post“, erinnert sich DJ Jürgen, der in der Wiesauer Großraumdisco fünf Jahre auflegte. „Und dann trafen sie sich halt auf der Toilette.“

Die OTV-Party im Silvermoon

Florian Zaus stand 1994 als 13-Jähriger an der Kasse im Silvermoon, kassierte die sechs Mark Eintritt. Er ist der Sohn der damaligen Inhaber, wuchs mit der Disco auf, kümmerte sich später ums Licht, dann auch um die Musik am DJ-Pult. Seine Eltern besaßen bereits früher eine Disco in Wiesau, das „alte“ Silvermoon. Das brannte 1983 ab. Nach Jahren mit einem Tanzcafé in Zintlhammer kehrte die Familie zurück nach Wiesau, 1993 erhielt sie die Baugenehmigung fürs „neue“ Silvermoon. Zurück in die Zukunft, in doppelter Hinsicht. „Das war alles futuremäßig“, beschreibt DJ Flo, wie Zaus bekannt ist, die Inneneinrichtung der neuen Disco. An den Wänden prangten Airbrushs, mit Farbpistole an die Mauer gesprühte Aliens, Planeten. Die Oberfläche des Mondes, Krater. Ein durchs All schwebender Astronaut. Statt einer USA-Flagge trug der das Logo der Stadt Wiesau auf dem Ärmel.

Spitznamen für Stammgäste

„Das war wie mein Zuhause“, schwärmt Sabine Paulus noch heute vom „Moon“, wie sie die Disco liebevoll nennt. „Eine geile Zeit.“ Der Rauch der Zigaretten, damals durfte drinnen noch gepafft werden, hängte in der Luft, füllte die Tanzfläche, die Bar, hinter der wie immer Gabi stand. Es war stickig, warm, irgendwann tropfte es von der Decke. Auf einer großen Box tanzte „Raver-Snake“ in seinen breiten Hosen, ein Käppi auf dem Kopf. „Pink Floyd“ hatte wie immer seine Pink-Floyd-Jacke an. Für viele Stammgäste hatten sich die Silvermoon-Mitarbeiter eigene Spitznamen ausgedacht, erzählt DJ Flo. Wie die meisten tatsächlich heißen, weiß er nicht mehr oder wusste es nie. Viele Stammgäste und ihre Spitznamen vergisst er aber nicht.

Im „Moon“ traf sich alles und jeder, vom Rocker bis zum Softi. Männer im Anzug, Hip-Hopper mit der Hose auf halb Acht, die Generation Dancefloor in leuchtenden Neonfarben. Viele Frauen in Mini-Röcken. „Da war alles dabei“, sagt DJ Jürgen. „Der Club war ja das Ding schlechthin.“ Aus der Musikanlage dröhnte „Mr. Vain“ von Culture Beat, „Shut up (and sleep with me)“ von Sin with Sebastian – und natürlich alles von DJ Bobo.

Stripper in der Hölle

Der trat sogar einmal im Silvermoon auf. Die ehemaligen Mitarbeiter erinnern sich unterschiedlich an den Schweizer, schwanken zwischen super und arrogant. Auch Fun Factory war mal da, genau wie Caught in the Act. Die englisch-niederländische Boyband ist damals mit dem Zug nach Wiesau gekommen, erinnert sich DJ Jürgen. „Da war die Hölle los.“ Heiß her ging’s im „Moon“ des Öfteren. Misswahlen, Misterwahlen. Männliche Stripper, da durften bis Mitternacht nur weibliche Gäste rein. „700 Frauen kreischende Frauen“, erzählt Zaus, lacht und ergänzt: „Das ist auch die Hölle.“

Wenn mal keine nackten Männer oder kein wahrhaftiger DJ Bobo auf der Bühne standen, waren die Silvermoon-DJs die Stars des Abends – und die Menschenmenge selbst. Da gab es die Party-Runden, von Mitternacht bis halb eins, Rock, Schlager, Neue Deutsche Welle. Alle völlig losgelöst von der Erde. Es gab die Techno-Runden, die Dreher-Runden. Und dann gab es noch die Freestyle-Runden. „Die waren legendär“, sagt DJ Jürgen. Freestyle ist ein Line-Dance, ein Gruppentanz, den zig Leute gemeinsam im Rhythmus tanzen, wie in den John-Travolta-Filmen. „Saturday Night Fever“ in der Oberpfalz, nicht nur am Samstag, „der wirklich unschlagbar“ war, meint DJ aus Selb, „voll bis oben hin“.

DJ Ralph, DJ Jürgen und DJ Flo erinnern sich an die Silvermoon-Klassiker

Der Freitag war zwar auch gut besucht, kam da aber nicht ran. Donnerstag war ein „Ausklinger“, wie DJ Flo die Abende nach der Single-Party bezeichnet. Am Sonntag war „Bingo-Time“ und „erstaunlich viel los“, erzählt DJ Jürgen. „Da war ich einmal als Gast – und habe gleich einen Fernseher gewonnen.“ Freilich kehrten die Gäste – einige auch mit einer Rakete – am Ende des sehr, sehr langen Wochenendes früher nach Hause zurück als an den anderen Tagen. Irgendwann war sogar auf dem Partyplaneten Silvermoon mal Pause, zwei Tage lang. Denn am Mittwoch, 22 Uhr, ging’s wieder von vorne los. DJ Ralph wartete schon.

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Die Top-Getränke im Silvermoon:

Florian Zaus erinnert sich an die Lieblingsgetränke der Gäste im Silvermoon. Eine Auswahl:

  • Jack-Cola
  • Puschkin-Red mit Red-Bull
  • Red-Bull-Weizen
  • Eigentlich alles, was man mit Red-Bull mischen konnte
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