12.07.2019 - 22:07 Uhr
WinklarnDeutschland & Welt

Mit Leib und Seele Landarzt

Paul Gierlach ist 68 Jahre alt, aber noch nicht in Rente. Er arbeitet als Arzt. Einen Nachfolger sucht er gar nicht erst: Gierlach führt seine Praxis mitten auf dem Land, Bewerber machen sich rar.

Paul Gierlach in seinem Garten in Winklarn. "Das Leben auf dem Land ist viel gesünder", findet der Allgemeinarzt.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Paul Gierlach hat die Morgensprechstunde hinter sich und auch keine Hausbesuche mehr zu erledigen. Bis er am späten Nachmittag seine Praxis im Ortskern von Winklarn wieder öffnet, kann er sich erholen. Besonders gerne tut er das in seinem Garten: "So ein Paradies wie hier hätte ich in der Großstadt niemals."

Seit drei Jahrzehnten in Winklarn

Seit 31 Jahren lebt und arbeitet Gierlach in der kleinen Marktgemeinde am nordöstlichen Rand des Landkreises Schwandorf. Oberviechtach, die nächstgelegene Stadt, zählt gerade einmal 5000 Einwohner. Nach Regensburg fährt man mit dem Auto eine gute Stunde. Gierlach stört das nicht - so manchen jungen Mediziner aber wohl doch. "Die Leute wollen in Großstadtnähe oder in der Großstadt selbst arbeiten", sagt der Landarzt, "das ist mir völlig unverständlich".

Dabei ist Paul Gierlach selbst ein "Zugezogener". Er stammt ursprünglich aus dem Rheinland zwischen der Millionenstadt Köln und der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn. In die Oberpfalz verschlug es ihn bereits Anfang der 1970er Jahre. "Das war eine Verkettung von Zufällen", erinnert sich der Arzt. "Ein Schulfreund hatte eine Tante in Regensburg, die wir nach dem Abi spontan besucht haben. Es hat uns dort so gut gefallen, dass wir kurzerhand eine Wohnung gemietet und das Studium begonnen haben."

Probleme nach dem Examen

Beim Praktikum im Krankenhaus lernte Gierlach dann seine Frau Anna, eine Krankenschwester, kennen. Gemeinsam gingen sie nach Würzburg, wo Paul Gierlach den klinischen Teil seines Studiums absolvierte. "Wir waren damals schon nicht großstädtisch orientiert", sagt der Landarzt. Nach dem Examen hatte er ohnehin ganz andere Probleme: "Damals sprach man von einer regelrechten ,Ärzteschwemme'", erzählt er. "Für meine erste Stelle musste ich an die 30 Bewerbungen schreiben." Das sei heutzutage unvorstellbar, die Situation habe sich ins genaue Gegenteil verkehrt: "Ein Verwandter von uns sucht in Würzburg händeringend Assistenzärzte."

Mir war schon klar, ich bin ein Landarzt, kein Großstadtmediziner.

Paul Gierlach, Winklarn

Paul und Anna Gierlach, die aus einem kleinen Dorf unweit von Winklarn stammt, zogen schließlich nach Waldmünchen. Dort arbeitete Paul Gierlach einige Jahre als Assistenzarzt im damaligen Kreiskrankenhaus. An der angespannten Lage auf dem "Ärztemarkt" änderte sich in dieser Zeit wenig. Plötzlich meldeten sich Gierlachs Schwiegereltern: Ihr Hausarzt war nach einem Unfall verstorben, seine Praxis in Winklarn schon einige Monate verwaist. Das war Gierlachs Chance, und er griff zu.

Sechs Monate Praktikum

"Mir war schon klar, ich bin ein Landarzt, kein Großstadtmediziner", erzählt er. Um die Kassenzulassung zu erhalten, musste Gierlach allerdings noch sechs Monate Praktikum absolvieren. Er erinnert sich: "Ich ging in eine große Praxis in Waldmünchen, wo die Inhaberin mit Leib und Seele Landärztin war. Als ich dort angefangen habe, konnte sie das erste Mal freie Tage nehmen und hat das sehr genossen." Gierlach wusste also, worauf er sich einließ, als er 1988 den Kassensitz in Winklarn übernahm.

Bis vor kurzer Zeit bedeutete das unter anderem, alle sechs bis sieben Wochen zusätzlich zu den normalen Sprechstunden und Hausbesuchen für sieben Tage am Stück Not- und Bereitschaftsdienst zu leisten. "Dann habe ich schon bis zu 60 Stunden die Woche gearbeitet. Das ist vielleicht doch etwas abschreckend." Inzwischen habe sich die Situation jedoch sehr gebessert, findet Gierlach: "Jetzt ist das System ja umgestellt und es gibt einen viel größeren Pool an Ärzten, damit sind auch die Dienstzeiten kürzer."

Viel mehr Abwechslung

Paul Gierlach konnte sich trotz aller Härten nie vorstellen, das Dasein als Landarzt gegen eine Großstadtpraxis zu tauschen. "Mir gefällt, dass man seine Patienten und ihre Verhältnisse kennt", sagt er, "alles ist persönlicher, das hat durchaus Vorteile". Gierlachs jüngste Patienten sind Babys, die ältesten gehen auf die 100 zu. "Was wir hier machen, ist fünf- bis zehnmal vielfältiger als das, was ein spezialisierter Facharzt in der Großstadt tut." Selbst wenn viele Patienten kommen und es sehr stressig wird, sei das kein Problem, denn: "Auf dem Land kann man sehr viel besser entspannen als in der Großstadt. In meine Praxis gehe ich hier ein paar Minuten zu Fuß, es gibt keine Rushhour. Hier lebt es sich viel gesünder."

Seinen Garten mit der großen Terrasse, vielen Blumen, Schatten spendenden Bäumen und einem kleinen Teich empfindet der Mediziner als großen Beitrag zur Lebensqualität: "Das hätte ich in der Großstadt alles nicht. Dafür aber die ganze Reizüberflutung." In Winklarn "haben wir Platz in Hülle und Fülle", in einer Metropole wie München sei das unbezahlbar. "Wenn Besuch kommt, dann schwärmt der immer regelrecht. Und so bekommen wir wieder die Augen geöffnet, wie schön wir es auf dem Land doch haben."

Info:

"Ich komme überall hin"

Paul Gierlach liebt sein Dasein als Landarzt. Wichtig ist aber auch, dass der Partner mitzieht. Gierlachs Frau Anna als "Eingesessene" hat damit kein Problem: "Ich komme überall hin, wo ich hin will", sagt sie. "Gerade war ich zum Beispiel in Verona, weil ich ein großer Opernfan bin."

Außerdem gebe es heutzutage schließlich Internet. "Es ist auch kein Nachteil mehr für die Kinder, wenn sie auf dem Land groß werden", findet Anna Gierlach, "in der Schule lernen sie doch heute überall Sprachen und damit können sie später in die ganze Welt hinaus".

Dass es auf dem Land öde sei, mag das Ehepaar Gierlach nicht bestätigen. "Man hört immer, hier ist nix los, es gibt keine Kultur, aber das ist alles übertrieben, es gibt hier eine ganze Menge", sagt Paul Gierlach. "Und man kann ja jederzeit ein Wochenende in der Stadt verbringen, wenn man will." Anna Gierlach hat sich für den Abend schon etwas vorgenommen. "Ich fahre nach Schönsee ins Centrum Bavaria Bohemia."

Hintergrund:

Wie es um die hausärztliche Versorgung der Bevölkerung bestellt ist, erfasst die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) in ihrem landesweiten Versorgungsatlas. Die aktuelle Ausgabe vom Februar 2019 weist für die Oberpfalz nur die Region Tirschenreuth als unterversorgt aus: Der Versorgungsgrad liegt hier mit 87,5 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt. Zum Vergleich: Im direkt angrenzenden Planungsbereich Weiden werden 116,3 Prozent erreicht.

Doch Birgit Grain, Pressesprecherin der KVB in München, macht auf ein entscheidendes Detail aufmerksam: Wichtig sei die Berücksichtigung der Altersstruktur der Mediziner. Und hier relativiert sich das positive Bild, denn gut ein Drittel der Hausärzte ist auch im Bereich Weiden bereits 65 Jahre oder älter. Damit bewegt man sich ziemlich genau im bayerischen Durchschnitt.

In der Region Tirschenreuth aber ist die Lage deutlich angespannt, mit 45,5 Prozent überschreitet hier fast jeder zweite Hausarzt bereits das Rentenalter. Um die hausärztliche Versorgung weiterhin sicherzustellen, hat die KVB den Versorgungsbereich Tirschenreuth deshalb in ihr Programm "Region sucht Arzt" aufgenommen. Dieses sieht finanzielle Zuschüsse unter anderem für die Praxisnachbesetzung oder Niederlassung vor. Die Fördermittel können bei Bedarf nochmals erhöht werden.

Was aber wäre, wenn einer Region irgendwann tatsächlich die Hausärzte ausgehen? So weit ist es in ganz Bayern bislang noch nie gekommen, betont Grain. "Bei einer massiven Verschlechterung der Versorgungslage würde die Kassenärztliche Vereinigung aber eine eigene Praxis betreiben." (m)

Der aktuelle hausärztliche Versorgungsatlas der KVB ist online einsehbar unter:

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