Legales Cannabis? Das sagt der Experte aus Wöllershof

Seit Jahren fordern "Kiffer" die Cannabis-Freigabe. Zuletzt schien aber auch die Front jener zu bröckeln, die strickt ans Verbot glauben. Was sagt Dr. Markus Wittmann, Ärztlicher Direktor am Bezirksklinikum Wöllershof?

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von Christa VoglProfil

Die Diskussion um die Freigabe von Cannabis versetzt Eltern in Alarmbereitschaft.Würde eine Freigabe von Cannabis die Crystal Meth geplagte Oberpfalz noch mehr unter Druck setzen? Oder könnte die Legalisierung Crystal Meth zurückdrängen? „Ich wage keine klare Prognose, wie sich die Konsumstruktur in Deutschland oder hier in der Oberpfalz verändert, wenn Cannabis freigegeben werden sollte“, gibt Markus Wittmann, Ärztlicher Direktor am Bezirksklinikum Wöllershof zu. „Ich könnte mir verschiedene Szenarien vorstellen.“

Wittmann ist seit drei Jahren am Bezirksklinikum tätig und hat laufend mit einem breiten Spektrum von Abhängigen zu tun. „Aus suchtmedizinischer Sicht bin ich kein Befürworter der Cannabis-Freigabe.“ Man dürfe die gefährliche Wirkung nicht unterschätzen, vor allem für junge Menschen bis 25 Jahre. Bis dahin sei das Gehirn noch in einer Entwicklungsphase, Cannabis könne zu Antriebslosigkeit, Desinteresse und Rückzug aus dem sozialen Leben führen. Außerdem wird Cannabis bei jüngeren Menschen vermehrt mit der Entstehung von Psychosen in Verbindung gebracht. Betroffenen leiden dann unter Wahnvor­stellungen und Denkstörungen. Dagegen spreche auch, dass durch die Legalisierung mehr Menschen zugang zur Droge haben und damit der Anteil der Abhängigen steigt. So geschehen in Kanada, wo Cannabis seit Oktober 2018 legal ist.

Dr. Markus Wittmann, Ärztlicher Direktor am Bezirksklinikum Wöllershof

Freigabe von Cannabis bedeutet nicht, dass es ungefährlich ist

„Aber man muss realistisch sein“, erklärt der 46-jährige Mediziner auch: „Ich bin kein Freund von Verboten. Der beste Umgang mit dem Thema ist eine gute Aufklärung.“ Zu diesem Ergebnis kommt auch der von der Bundesregierung veröffentlichte Drogen- und Suchtbericht 2018. Pflicht sei, jungen Menschen die Gefahren von Cannabis darzulegen. Sie sollten wissen, dass eine Freigabe nicht bedeutet „ist nicht so gefährlich“. Und sie sollten zur Mündigkeit erzogen werden. Was heißt, dass sie bestenfalls generell die Finger von Drogen lassen oder zumindest lernen abzuwägen, was für sie vertretbar ist.

Wittmann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, ist aber auch der Überzeugung, dass man sich den Argumenten für eine Freigabe von Cannabis und dem damit verbundenen kontrollierten Kauf nicht völlig verschließen kann. „Dadurch wären die Konsumenten in der Lage, die illegalen Märkte zu vermeiden und Cannabis von kontrollierter Qualität zu kaufen.“ Die Folge wäre eine Entkriminalisierung von Cannabis und dadurch die Entlastung von Gerichten und Polizei. Laut Auskunft des Polizeipräsidiums Oberpfalz wurden 2018 in der Oberpfalz immerhin 2760 Fälle von Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz in Bezug auf Cannabis registriert.

Keine Verschiebung von Crystal Meth auf Cannabis

Angesprochen auf die Situation in Ostbayern erklärt Wittmann, dass bei einer bestehenden Abhängigkeit eine Verlagerung Von Crystal Meth auf Cannabis unwahrscheinlich ist. Amphetamine wie Crystal Meth haben eine aufputschende Wirkung, Cannabis dämpft und beruhigt. Konsumenten würden oft ein bestimmtes Ziel mit ihrer Droge verfolgen. Daher können beruhigende Substanzen kein adäquater Ersatz sein für Amphetamine. „Ich kann kein Aufputschmittel durch eine Schlaftablette ersetzen.“

Zum Schluss verrät Wittmann noch seine persönliche Philosophie: „Jeder von uns hat seinen süchtigen Anteil. Wir müssen uns als Menschen begreifen, die fühlen, erleben, genießen dürfen: Es sei nicht der beste Weg alles zu verteufeln, was potentiell gefährlich sein kann. Aufklärung und das Wissen um die Risiken sei wichtig. Kinder müssten lernen, dass sie bei grün über die Ampel gehen. "Deswegen müssen wir sie auch über die Straße gehen lassen.“ Bei jungen Erwachsenen sei es ähnlich. Sie müssen die Risiken erkennen und reif mit Konsum- und Suchtsubstanzen umgehen lernen. "Wir können nicht alles verbieten.“

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