04.07.2021 - 17:48 Uhr
WunsiedelDeutschland & Welt

„Der Name der Rose“: Wo gemordet, vertuscht und geliebt wird

So kann man sich die "Wiedergeburt“ des Theaters mit Publikum vorstellen: Mit der Premiere des Musicals „Der Name der Rose“ erleben die 800 Besucher am Freitagabend einen furiosen Start in die Abendspielzeit der Luisenburg-Festspiele.

William von Baskerville (Livio Cecini, r.) und Adson von Melk (Gunnar Frietsch) versuchen hinter die Geheimnisse des Klosters und seiner Bibliothek zu kommen.
von Holger Stiegler (STG)Profil

„Das ist kein Kloster, wie es sein sollte. Hier ist einiges faul“, stellt William von Baskerville schon ziemlich schnell nach der Ankunft in der Abtei in den italienischen Bergen fest. Man muss freilich kein Prophet sein, um dies zu erkennen, aber man muss über einen ausgeprägten Detektiv-Spürsinn verfügen, um den Rätseln auf dem Grund zu gehen. Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ und die legendäre Verfilmung mit Sean Connery einige Jahre später haben literarische und cineastische Maßstäbe gesetzt.

Bravourös in Szene gesetzt

Als Musical lässt sich diese Verknüpfung von Kriminal-, Liebes- und Kirchengeschichte gepaart mit Fragen über Macht, Moral, Wahrheit und Vernunft nur schwerlich vorstellen - eigentlich. Das norwegische Duo Øystein Wiik (Libretto) und Gisle Kverndokk (Musik) hat das Projekt dennoch in Angriff genommen, entstanden ist eine eigene Luisenburg-Fassung des 2019 uraufgeführten Werkes, das bravourös von Birgit Simmler, Künstlerische Leiterin der Festspiele, in Szene gesetzt wird.

Es ist kein „leichtes“ Musical, das da gut zwei Stunden lang vor der prächtigen Felsenkulisse über die Bühne geht. Zuhören ist von den rund 800 Besuchern – darunter auch die beiden Bayerischen Staatsminister Bernd Siebler (Kunst und Wissenschaft) und Klaus Holetschek (Gesundheit) sowie Ministerpräsident a.D. Günther Beckstein – gefragt, der Plot wird in den Liedern erzählt, die Texte haben enorme Substanz. Dies wird bereits relativ früh deutlich, als der Abt des Klosters seine Arie „Macht – ein kleines Wort“ anstimmt, in der der Kirchenmann die Macht der Abtei über die Wahrheit stellt.

Wissen, Glaube, Wahrheit

Jetzt wäre es für das Kreativ-Team natürlich ein Leichtes gewesen, sich auf die Detektivgeschichte zu konzentrieren. In einer Abtei des Verbrechens, in der so viel gestorben und gemordet wird, wäre dies kein Problem. Aber eigentlich ist es der Ort für ein brisantes Treffen von Franziskanern und den Gesandten des Papstes, um die heiklen Fragen von Armut und Macht in der Kirche zu klären. William von Baskerville und sein junger Adlatus Adson von Melk, die eigens für den Disput angereist sind, gehen den mysteriösen Fällen nach und stoßen auf ganz andere, noch brisantere Geheimnisse. Hinter den Klostermauern verbergen sich verbotene Schätze und das mönchische Leben gleicht einer Schlangengrube, in der alles vergiftet ist, was wertvoll erscheint – eben Wissen, Glaube, Wahrheit.

Opulente Massenszenen, die das ganze Bühnenbild nutzen, gespickt mit intimen Momenten, in denen auch Nacktheit kein Tabu ist, prägen die Inszenierung. Ein Stück, in dem sich sämtliche Darsteller ihre Meriten verdienen. An vorderster Stelle ist hier Livio Cecini zu nennen, der als Sherlock-Holmes-artiger („Elementar!“) William von Baskerville das Stück gesanglich und schauspielerisch trägt. Mit ihm würde man musikalisch so ziemlich jedes kirchliche Geheimnis ergründen wollen. Ihm zur Seite steht Gunnar Frietsch als Adson von Melk, der die eigene Zerrissenheit zwischen Versuchung und Gehorsam sehr gut umsetzt und gemeinsam mit einer beeindruckenden Anastasia Troska in der Rolle des Mädchens das schönste Duett des Abends („Sei Giovanne, sei bello tu“) anstimmt.

Jede Rolle gut besetzt

Zu den Höhepunkten der Inszenierung gehören zudem die Auftritte von Mark Weigel als grobschlächtiger und tumber Salvatore, herausragend vor allem seine Interpretation des Liedes „Swisch Ham Ham“. Jede Rolle ist gut bis exzellent besetzt – Rob Pitcher gibt einen eindrucksvollen Abt, Thorsten Tinney verkörpert mit viel diabolischen Gespür den selbst ernannten obersten Glaubenswächter des Klosters Jorge von Burgos und Patrick Miller zeigt erschreckend gut als Inquisitor Bernard Gui die eklige Fratze der Mittelalter-Kirche.

Das beste Musical wäre aber nichts ohne stimmige Instrumentalklänge, die die Luisenburg-Band unter der musikalischen Leitung von Thore Vogt pompös und anmutig, brachial und sanft beisteuert. Diese ergänzen sich zudem mit den grandiosen Choreographien von Anita Holm, dem Kostümbild von Marion Hauer und der gesamten Bühnenausstattung zu einem großen Ganzen: Da wird über die Bühne getanzt, da geht eine Bibliothek im Feuer auf, da wird eine beklemmende Folterszene in Szene gesetzt – bis hin zum Gänsehaut erzeugenden Schlussbild mit lauter schwarz gekleideten Figuren. Lange anhaltender Applaus für einen großen Stoff, der äußerst gelungen serviert wird.

Hör-Ausschnitte mit einzelnen Lieder des Musicals gibt es hier:

Auch für Familien mit jüngeren Kindern sind die Luisenburgfestspiele ein lohnendes Ziel.

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Informationen:

"Der Name der Rose"

  • Die nächsten Aufführungen von "Der Name der Rose" finden am kommenden Samstag, 10. Juli, um 15 Uhr sowie um 20.30 Uhr statt, Tickets sind noch erhältlich
  • Nächste Festspielpremiere: "Faust" am 9. Juli um 20.30 Uhr

 

 

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