04.05.2021 - 16:19 Uhr
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Wurmmittel Ivermectin als Waffe gegen Covid-19?

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Im Kampf gegen Corona wurden unfassbar schnell Impfstoffe entwickelt. Nach wie vor düster sieht es aber bei der Behandlung von Kranken aus. Nun keimen neuerlich Hoffnungen. Grundlage ist ein altes Medikament.

Ein Mann mit Mundschutz zeigt eine Dose mit Ivermectin-Kapseln, als er aus einer Apotheke kommt. Das Antiparasitikum gilt in Bolivien neuer Hoffnungsträger gegen Corona.
von Autor FPHProfil

Von Joachim Dankbar

Für Ärzte auf den Intensivstationen ist es immer noch ein Horror: Corona-Patienten stürzen oft in einen lebensbedrohlichen Zustand – doch außer Beatmung und der Stützung von Kreislauf und Stoffwechsel können die Mediziner ihnen kaum helfen. Es fehlen Medikamente, die gegen das Virus wirken.

Neben der Forschung nach neuen Stoffen, prüfen Wissenschaftler Medikamente daraufhin, ob sie nicht außerhalb ihres ursprünglichen Einsatzgebietes (Englisch: Off Label) auch gegen Corona helfen. Ein weiterer Vorteil bei diesen Arzneien: Man hat schon breite Erfahrungen mit eventuellen Nebenwirkungen. Der Malaria-Wirkstoff Cloroquin (Handelsname Resochin) war so ein Kandidat. Doch im Praxisversuch hat er die Hoffnungen der Mediziner enttäuscht. Nun ist Ivermectin, ein altbekanntes Parasitenmittel, ins Visier der Mediziner geraten. Seit 25 Jahren wird es gegen Läuse, Milben, Zecken und Fadenwürmer weltweit eingesetzt. Derzeit spaltet das Medikament die Medizinwelt in glühende Befürworter und in Skeptiker.

CSU-Landtagsfraktion fordert Prüfung

Vergangene Woche hatte sich nun die CSU-Landtagsfraktion in diese Diskussion eingeschaltet. In der Sitzung des Gesundheitsausschusses wurde die Bundesregierung aufgefordert, dafür zu sorgen, dass Ivermectin als potenzielles Covid-19-Medikament wenigstens ernsthaft geprüft wird. Der Bund solle aussagekräftige klinische Studien zur Freigabe des gängigen Parasitenmittels zur Behandlung von Corona fördern. Anschließend solle geprüft werden, ob eine Beschaffung von Ivermectin-haltigen Arzneimitteln zur breiten Behandlung von Covid-19-Patienten erfolgen kann.

Mit dem Antrag schaltet sich die CSU in eine heiße Debatte innerhalb der Medizin ein: Entschiedene Befürworter eines Ivermectin-Einsatzes sind nicht nur Praktiker in Krankenhäusern und Praxen, sondern auch namhafte Forscher wie die Professoren Manfred Höfle, ehemals Leiter der Mikrobiologie am Braunschweiger Helmholtz-Institut für Infektionsforschung, und Abdulgabar Salama, Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin an der Berliner Charité. Sie empören sich schon seit Längerem, dass in Deutschland noch nicht einmal das Geld zusammenkommt, um die Wirksamkeit von Ivermectin zweifelsfrei zu erforschen.

Europäische Arzneimittel-Agentur und WHO mahnen zur Vorsicht

Ihnen gegenüber steht die Auffassung der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA). Beide rieten in den letzten Wochen, Ivermectin nicht außerhalb von kontrollierten Studien einzusetzen, weil die Wirksamkeit nicht hinreichend bewiesen sei. Der Mikrobiologe Manfred Höfle hält das schlicht für einen "Skandal". Schließlich werde Ivermectin in 28 Ländern der Welt in der Praxis eingesetzt. Die hohen Todesraten in Portugal und Tschechien durch die SARS-CoV2-Varianten seien zum Teil durch den Einsatz von Ivermectin gesenkt worden.

Höfle sieht hinter der ablehnenden Haltung auch das Wirken der Pharma-Lobby. So liege der Preis der Therapiedosis Ivermectin in Deutschland unter fünf Euro, in Ländern der Dritten Welt noch deutlich darunter. Beim heftig beworbenen neuen Mittel Remdesivir koste eine Therapie hingegen 2000 Euro. Das wecke den Verdacht, dass Ivermectin, für das sein Entwickler 2015 den Medizin-Nobelpreis bekam, schlicht zu billig sei, um zu einem großen Geschäft zu werden. In Studien, die gegen Ivermectin ins Feld geführt wurden, seien geradezu groteske Fehler gemacht worden. So seien in Kolumbien an Patienten bis zu 1,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht verabreicht worden - das Vierfache der Therapiedosis.

Einsatz im Krankenhaus in München

In Bayern wird Ivermectin seit Januar dieses Jahres bei Patienten der Intensivstation des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in München im "Off-Label-Use" eingesetzt. "Mit Erfolg", wie der Anästhesist Werner Appelt auf Anfrage unserer Zeitung urteilt. Seitdem müssten deutlich weniger Patienten intubiert werden oder der Verlauf der schweren Verläufe kürze sich merklich ab. Patienten, die in den "individuellen Eilversuch" einwilligen, erhalten dort 0,3 Milligramm des Medikaments pro Kilogramm Körpergewicht. Mikrobiologe Höfle könnte sich unterdessen vorstellen, dass man Ivermectin in einem Großversuch gerade in den Grenzgebieten Bayerns und Sachsens zu Tschechien einsetzt, um die Übersterblichkeit zu senken.

Bei dem Appell an den Bund soll es nicht bleiben, findet der Tirschenreuther CSU-Abgeordnete Tobias Reiß, der maßgeblich hinter dem Antrag im Landtag steht. Im Pressedienst seiner Fraktion sagt er: "Ich plädiere deshalb klar dafür, Ivermectin vorläufig und temporär zuzulassen und mit Studien zu begleiten, weil wir neben der Impfung unbedingt eine zweite Barriere mit Therapeutika gegen das Virus brauchen. Unser Ziel in Bayern ist es, die Behandlungsoptionen von Corona kontinuierlich zu erweitern. Mit unserer Bayerischen Therapiestrategie investieren wir daher 50 Millionen Euro, um die Entwicklung von neuen Medikamenten und Therapien zu forcieren. Der Auswahlprozess steht hier kurz vor dem Abschluss."

Hintergrund:

Ivermectin

  • Ivermectin wirkt gegen Parasiten, also Läuse, Milben, Zecken, und Fadenwürmer
  • Vor allem in Südamerika wird Ivermectin zu Behandlung von Corona-Erkrankungen eingesetzt.
  • In Deutschland ist Ivermectin laut Robert-Koch-Institut zur Therapie oder Prophylaxe nur im Rahmen von kontrollierten klinischen Studien zugelassen.
  • Das Robert-Koch-Institut sieht nur einen niedrigen Evidenzgrad wegen zahlreicher
    methodischer Limitationen der bisherigen Studien.

Die Corona-Studie geht weiter

Tirschenreuth

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