14.05.2018 - 16:58 Uhr
KümmersbruckOberpfalz

Premiere von "An Aus Grenzen" des Jugendclubs Dreadlocks statt alter Zöpfe

Der Jugendclub Amberg präsentiert "An Aus Grenzen" im Stadttheater. Die Schauspieler zeigen unsichtbare Grenzen in der Gesellschaft - und kommen beim Publikum gut an.

Bei Eigenproduktionen dauert es lange, bis eine Szene steht, erläutert Regisseur Winnie Steinl. Nach intensiven Proben liefert der Jugendclub Amberg am Samstag einen bejubelten Premierenabend mit seiner Collage: "An Aus Ab Grenzen". Bild: Wolfgang Steinbacher
von Marielouise ScharfProfil

So ist das bei einer Collage: Man arrangiert und fixiert viele unterschiedliche Dinge, Schnipsel, Fundsachen, Ideen auf einem festen Untergrund. Entstehen soll daraus etwas neu zusammengesetztes Ganzes. Nicht nur in der bildenden Kunst hat diese Spielart Anhänger, auch in der Musik und Literatur findet sie Liebhaber.

Der Jugendclub bedient sich bei seiner neuen Eigenproduktion ebenfalls dieser Technik. Mutig werden Texte von Gernhardt, Kästner, Tucholsky und Co. zurecht gebogen, Beiträge von Josef Wittmann, der zur Premiere anreisen wollte, eigenwillig interpretiert, um Grenzen auszuloten: zwischen oberflächlichem Zusammengehörigkeitsgefühl in der Provinz, Konkurrenzkampf in der globalisierten Welt, fadenscheiniger Kleinstadtidylle und Anonymität der Großstädte. Alte Zöpfe werden beherzt abgeschnitten und neue Dreadlocks kunstvoll geflochten.

Trotz fantastischer Sommernachtstemperaturen ist das Parkett im Stadttheater gut gefüllt. Die Theaterabende von und mit Winfried Winnie Steinl und seinen unterschiedlichen Theaterensembles haben in Amberg Kultcharakter. Seine Handschrift ist bekannt, seine Inspiration immer wieder elektrisierend.

Funken und Geistesblitze

Ein paar Minuten vor Premierenbeginn sitzt er recht entspannt beim Glas Bier und meint auf die Frage nach Lampenfieber trocken: "Ich habe meine Arbeit getan, jetzt sind die Spieler dran." Die sind von Anfang an voll dabei. Theaterfeuer blitzt auf. Zwischen Spielern und Publikum knistert es, die Funken und Geistesblitze fliegen. Träume von der "einsamen Insel" werden in Bildern lebendig, Gerüche von der kleinen Stadt wabern durchs Theater "wenn am Sonntagmorgen der Kirchturm vom lieben Gott träumt und die Stadt nach Braten und Kompott riecht." Zwischen Hektik und Beschaulichkeit entspinnt sich ein bunter Szenenreigen. Mit Komik, Tragik und einer Prise Sarkasmus werden unsichtbare Grenzen im Zusammenleben aufgezeigt. So ist es in der Ankündigung nachzulesen. So geschieht es auch auf der Bühne.

"Man kann nicht alles im Kopf verstehen" lautet eine Textpassage. Und das muss der Zuschauer auch irgendwie abnicken. Denn viel, vielleicht zuviel, verpacken die 13 jungen Schauspieler in ihrem Stück. Sie tun das aber mit soviel Energie und Freude, mit unbändigem Schwung und großartigem Spiel, dass man bis zum Schluss hellwach dabei ist. Mit minimalem Aufwand (ein paar Podeste, Stühle und Glastischchen), einer perfekten Lichtregie und witziger Choreographie erreichen sie maximale Aufmerksamkeit.

Wie ein laufendes Textband ziehen sich die poetischen Worte von Mascha Kaleko durch den Abend: "Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen, und dass es regnet, hagelt, friert und schneit, dass die Bienen summen und die Mücken stechen ... Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn. Ich freue mich vor allem, dass ich bin ..."

Beste Artikulation

Erstaunlich, wie gut verständlich die Schauspieler (Abdul Aziz Al Hamoud, Andreas Guckenberger, Anthony Tatis Lebron IV, Cleopatra Linzer, Korbinian Wedel, Manuel Sailer, Michael Schormüller, Nadine Hofmann, Patrick Wittmann, Selina Hofmann, Simon Schneider, Emilia Krieg und Timo Battaglia) die intellektuellen wie poetischen Inhalte vermitteln. Wort- und Textelemente werden in bester Artikulation realisiert, Sprechpausen klug eingehalten, Betonungsschwerpunkte und Melodieführung beachtet. - A propos Melodie, auch damit trumpft die Truppe auf. Geige, Querflöte, Saxofon, Melodika und Klarinette markieren Momente, modellieren Stimmungen.

An-Ab-Aus-Grenzungen sind nach gut 80 Minuten ohne Pause abgehandelt, Beziehungen ausdiskutiert und aktuelle Themen angerissen. Die Stimmung glüht und endet mit einem triumphalen Applaus und kräftigen Pfiffen.

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