16.11.2018 - 14:46 Uhr
Oberpfalz

400 Jahre danach: Was vom dreißigjährigen Krieg in der Oberpfalz geblieben ist.

400 Jahre sind seit Beginn des Dreißigjährigen Kriegs vergangen. Was die Menschen damals mitmachen mussten, lässt sich kaum mehr nachvollziehen. Hans Walter hat es trotzdem getan. Der Heimatforscher sagt, die Epoche ist immer noch aktuell.

Heimatforscher Hans Walter (links) auf Spurensuche. Josef Neuber aus Zintlhammer, Vorsitzender des Pressather Heimatvereins, zeigt ihm ein großes Wandrelief im Haus der Heimat zur Erinnerung an Agnes Raith. Bei der Schlacht gegen die Schweden 1633 soll sie die Stadt an vorderster Front verteidigt haben.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Schon lange spürt Hans Walter der Geschichte seiner Heimatregion nach. Inzwischen hält der 35-Jährige Vorträge, fesselt Besucher mit den Ereignissen aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die Oberpfalz war nicht nur Kriegsschauplatz, sagt Walter. Sie spielte auch politisch eine wichtige Rolle.

Hans Walter:Das Thema interessiert mich spätestens, seit ich im Geschichtsunterricht davon gehört habe. Greifbarer wurde es, als ich begann, mich mit der Kastler Pfarrchronik zu befassen. Richtig intensiv habe ich mich seit etwa einem Jahr eingearbeitet, habe mehrere Dutzend Bücher und Fachartikel gelesen, mich mit Heimatforschern und Historikern aus der Region ausgetauscht.

Wer sich mit der Geschichte unserer Heimat befasst, merkt schnell, dass kaum eine andere Zeit solche Auswirkungen hatte. Die Entwicklung danach lässt sich kaum verstehen, wenn man nicht weiß, was in diesen 30 Jahren passiert ist. Und natürlich liefert der Krieg packende Geschichten und Schicksale, man könnte zig Filme drehen.

Heimatforscher haben doppelt Glück. Zum Dreißigjährigen Krieg in der Oberpfalz gibt es einen riesigen Aktenbestand in den Archiven. Herzog Maximilian von Bayern war studierter Beamter. Er ließ sich von der Verwaltung alles vorlegen und verfasste viele Schreiben. Die Korrespondenz mit der Regierung der Oberpfalz und den Landrichterämtern ist noch vorhanden. Ein echter Goldschatz.

Den Goldschatz hat vor rund 100 Jahren Generalmajor a.D. Josef Dollacker ausgewertet. Angesichts der Materialfülle eine unglaubliche Leistung, für uns Hobbyhistoriker wäre das kaum möglich. Ich musste keinerlei Originalunterlagen sichten, das ist bei anderen Epochen meist anders. Besonders aufschlussreich sind Zeitzeugenberichte. Ich empfehle die Tagebücher des Söldners Hagendorf oder von Abt Friesenegger. Die lassen es einem kalt den Rücken runterlaufen.

Die Beschreibungen, wie brutal die Söldner mit den Menschen umgegangen sind, Berichte vom Hunger und der Pest. Fassungslos hat mich auch gemacht, wie die Obrigkeit bemüht war, den "richtigen" Glauben durchzusetzen. In der Region mussten die Menschen in 100 Jahren dreimal ihr Bekenntnis wechseln. Maximilian ließ in Amberg "unkatholische" Bücher verbrennen, was ans Dritte Reich erinnert.

Der Krieg tobte zeitweise in halb Europa. Es ist schwer zu sagen, wer schlimmer dran war. Sicher war die Oberpfalz wegen der politischen Konstellation für Herzog Maximilian besonders wichtig. Außerdem führten wichtige Straßen durch die Region, von Nürnberg nach Bayreuth, Eger und Prag. Ständig waren Heere unterwegs, die sich an der Bevölkerung vergingen und die Region regelrecht leer fraßen.

Die Antwort ist komplex. Vereinfacht gesagt, waren Kurfürst Friedrich V. und sein Amberger Statthalter, Fürst Christian von Anhalt, die Kriegsauslöser. Weil sich Böhmen von Habsburg und Katholizismus abwandte, wollten die beiden es der Kurpfalz zuführen. Nach dem Prager Fenstersturz machten die Böhmen Friedrich tatsächlich zum König. Er blieb es nur für einen Winter, ging als Winterkönig in die Geschichte ein. Auch wirtschaftliche Gründe spielten eine Rolle. In der Oberpfalz florierte das Eisenhüttenwesen, eine Angliederung Böhmens hätte die Region gestärkt. Das wollte der Kaiser verhindern.

Wären Friedrich und Christian auf die Angebote von Kaiser Ferdinand eingegangen und hätten auf das Kurfürstentum Böhmen/Pfalz verzichtet, wäre dem Land viel erspart geblieben. Weil Herzog Maximilian für den Kaiser in die Schlacht zog, fielen Kurwürde, das Recht den König zu wählen, und Oberpfalz an ihn, als Friedrich die Schlacht am Weißen Berg bei Prag verloren hatte. Die Oberpfalz wurde "Besatzungszone", die bayerische Armee war der Besatzer. Und so führten sich die Soldaten auch auf. Dazu kamen Soldaten aus Habsburger Ländern. Und auch die Protestanten, etwa Schweden oder Sachsen, verhielten sich kaum besser.

Der Schwedentrunk ist heute noch ein Begriff, auch aus unserer Region gibt es Berichte, in denen Menschen Jauche eingetrichtert wurde. Dann schlug man mit Brettern auf ihre Bäuche, bis sie aufplatzten. Andere Berichte erzählen, dass Menschen lebendig in Backöfen gesperrt wurden. Dann wurde das Holz angezündet. Es gab über Jahre fast keine Nahrung. Bewegend ist auch das Schicksal Pressaths. Die Schweden brannten es nieder. Es gab unzählige Leichen, der Gestank soll unbeschreiblich gewesen sein. Anschließen kamen kaiserliche Truppen und plünderten die Überlebenden ein zweites Mal aus. Wer konnte, flüchtete in Städte. Die anderen lebten irgendwann wie die Tiere im Wald.

Das ist einfach: Nie wieder Krieg. Das ist keine Worthülse. Wenn man sich die Jahrhunderte anschaut, der Mensch wurde nicht schlauer. Deshalb haben Volkstrauertag und Kriegerdenkmäler ihre Berechtigung. Wütend machen mich Leute, die einen Schlussstrich unter 1945 wollen. Wir müssen uns die Arbeit machen, Aufklärung zu betreiben und Hetzern das Handwerk zu legen. Auch dabei hilft die Beschäftigung mit dem Dreißigjährigen Krieg. Vieles ist immer noch aktuell.

Viele sagen, die Eisenverhüttung war bereits vorher im Abstieg. Andere sehen im Krieg den Grund für den Niedergang. Fakt ist, dass durch die Gegenreformation viele protestantische Gutsbesitzer, Unternehmer, Handwerker, Beamte und Lehrer, die gebildete Mittel- und Oberschicht, nach Franken aussiedelten. Dort kam es zum Aufschwung. Wie kaputt die Oberpfalz war, zeigt, dass Maximilian daran dachte, die Oberpfalz zurückzugeben. Aber dies ist eben nur die halbe Wahrheit.

Es gab in machen Bereichen schnelle Fortschritte. Immerhin feierte rund 50 Jahre nach Kriegsende die Barockzeit mit dem Neubau der Klosteranlage in Speinshart eine Hoch-Zeit. Zur Erholung beigetragen hat damals übrigens der Kartoffelanbau. Die Kartoffel kam mit der Entdeckung Amerikas nach Europa. Die Oberpfalz war also ein früher Globalisierungs-Gewinner.

ONETZ: Wie lange haben Sie sich mit dem Dreißigjährigen Krieg beschäftigt?

Johann Walter: Das Thema interessiert mich spätestens, seit ich im Geschichtsunterricht davon gehört habe. Greifbarer wurde es, als ich begann, mich mit der Kastler Pfarrchronik zu befassen. Richtig intensiv habe ich mich seit etwa einem Jahr eingearbeitet, habe mehrere Dutzend Bücher und Fachartikel gelesen, mich mit Heimatforschern und Historikern aus der Region ausgetauscht.

ONETZ: Weshalb sind 400 Jahre alte Ereignisse so interessant?

Johann Walter: Wer sich mit der Geschichte unserer Heimat befasst, merkt schnell, dass kaum eine andere Zeit solche Auswirkungen hatte. Die Entwicklung danach lässt sich kaum verstehen, wenn man nicht weiß, was in diesen 30 Jahren passiert ist. Und natürlich liefert der Krieg packende Geschichten und Schicksale, man könnte zig Filme drehen.

ONETZ: Es sind 400 Jahre vergangen. Wie gut ist die Zeit dokumentiert?

Johan Walter: Heimatforscher haben doppelt Glück. Zum Dreißigjährigen Krieg in der Oberpfalz gibt es einen riesigen Aktenbestand in den Archiven. Herzog Maximilian von Bayern war studierter Beamter. Er ließ sich von der Verwaltung alles vorlegen und verfasste viele Schreiben. Die Korrespondenz mit der Regierung der Oberpfalz und den Landrichterämtern ist noch vorhanden. Ein echter Goldschatz.

ONETZ: Und der zweite Glücksfall?

Johann Walter: Den Goldschatz hat vor rund 100 Jahren Generalmajor a.D. Josef Dollacker ausgewertet. Angesichts der Materialfülle eine unglaubliche Leistung, für uns Hobbyhistoriker wäre das kaum möglich. Ich musste keinerlei Originalunterlagen sichten, das ist bei anderen Epochen meist anders. Besonders aufschlussreich sind Zeitzeugenberichte. Ich empfehle die Tagebücher des Söldners Hagendorf oder von Abt Friesenegger. Die lassen es einem kalt den Rücken runterlaufen.

ONETZ: Können Sie Beispiele für solche Schockberichte geben?

Johann Walter: Die Beschreibungen, wie brutal die Söldner mit den Menschen umgegangen sind, Berichte vom Hunger und der Pest. Fassungslos hat mich auch gemacht, wie die Obrigkeit bemüht war, den „richtigen Glauben“ durchzusetzen. In der Region mussten die Menschen in 100 Jahren dreimal ihr Bekenntnis wechseln. Maximilian ließ in Amberg „unkatholische“ Bücher verbrennen, was ans Dritte Reich erinnert.

ONETZ: Sie haben sich vor allem mit Ihrer Heimatregion beschäftigt. Wie stark war die Gegend im Vergleich zu anderen Regionen betroffen?

Johann Walter: Der Krieg tobte zeitweise in halb Europa. Es ist schwer zu sagen, wer schlimmer dran war. Sicher war die Oberpfalz wegen der politischen Konstellation für Herzog Maximilian besonders wichtig. Außerdem führten wichtige Straßen durch die Region, von Nürnberg nach Bayreuth, Eger und Prag. Ständig waren Heere unterwegs, die sich an der Bevölkerung vergingen und die Region regelrecht leer fraßen.

ONETZ: Wieso stand die Oberpfalz so im Mittelpunkt? Sonst steht sie ja oft am Rande.

Johann Walter: Die Antwort ist komplex. Vereinfacht gesagt, waren Kurfürst Friedrich V. und sein Amberger Statthalter, Fürst Christian von Anhalt, die Kriegsauslöser. Weil sich Böhmen von Habsburg und Katholizismus abwandte, wollten die beiden es der Kurpfalz zuführen. Nach dem Prager Fenstersturz machten die Böhmen Friedrich tatsächlich zum König. Er blieb es nur für einen Winter, ging als Winterkönig in die Geschichte ein. Auch wirtschaftliche Gründe spielten eine Rolle. In der Oberpfalz florierte das Eisenhüttenwesen, eine Angliederung Böhmens hätte die Region gestärkt. Das wollte der Kaiser verhindern.

ONETZ: Wieso ging es den Menschen während des Krieges so schlecht?

Johann Walter: Wären Friedrich und Christian auf die Angebote von Kaiser Ferdinand eingegangen und hätten auf das Kurfürstentum Böhmen/Pfalz verzichtet, wäre dem Land viel erspart geblieben. Weil Herzog Maximilian für den Kaiser in die Schlacht zog, fielen Kurwürde, das Recht den König zu wählen, und Oberpfalz an ihn, als Friedrich die Schlacht am Weißen Berg bei Prag verloren hatte. Die Oberpfalz wurde „Besatzungszone“, die bayerische Armee war der Besatzer. Und so führten sich die Soldaten auch auf. Dazu kamen Soldaten aus Habsburger Ländern. Und auch die Protestanten, etwa Schweden oder Sachsen, verhielten sich kaum besser.

ONETZ: Was hat Sie besonders bewegt, welche Ereignisse und Geschichten?

Johann Walter: Der Schwedentrunk ist heute noch ein Begriff, auch aus unserer Region gibt es Berichte, in denen Menschen Jauche eingetrichtert wurde. Dann schlug man mit Brettern auf ihre Bäuche, bis sie aufplatzten. Andere Berichte erzählen, dass Menschen lebendig in Backöfen gesperrt wurden. Dann wurde das Holz angezündet. Es gab über Jahre fast keine Nahrung. Bewegend ist auch das Schicksal Pressaths. Die Schweden brannten es nieder. Es gab unzählige Leichen, der Gestank soll unbeschreiblich gewesen sein. Anschließen kamen kaiserliche Truppen und plünderten die Überlebenden ein zweites Mal aus. Wer konnte, flüchtete in Städte. Die anderen lebten irgendwann wie die Tiere im Wald.

ONETZ: Gibt es eine Lehre aus der Forschungsarbeit?

Johann Walter: Das ist einfach: Nie wieder Krieg. Das ist keine Worthülse. Wenn man sich die Jahrhunderte anschaut, der Mensch wurde nicht schlauer. Deshalb haben Volkstrauertag und Kriegerdenkmäler ihre Berechtigung. Wütend machen mich Leute, die einen Schlussstrich unter 1945 wollen. Wir müssen uns die Arbeit machen, Aufklärung zu betreiben und Hetzern das Handwerk zu legen. Auch dabei hilft die Beschäftigung mit dem Dreißigjährigen Krieg. Vieles ist immer noch aktuell.

ONETZ: Die Oberpfalz war vor dem Krieg wohlhabend. Danach galt sie als Armenhaus Bayerns. Sind die Folgen des Kriegs bis heute zu spüren?

Johann Walter: Viele sagen, die Eisenverhüttung war bereits vorher im Abstieg. Andere sehen im Krieg den Grund für den Niedergang. Fakt ist, dass durch die Gegenreformation viele protestantische Gutsbesitzer, Unternehmer, Handwerker, Beamte und Lehrer, die gebildete Mittel- und Oberschicht, nach Franken aussiedelten. Dort kam es zum Aufschwung. Wie kaputt die Oberpfalz war, zeigt, dass Maximilian daran dachte, die Oberpfalz zurückzugeben. Aber dies ist eben nur die halbe Wahrheit.

ONETZ: Und die andere Hälfte?

Johan Walter: Es gab in machen Bereichen schnelle Fortschritte. Immerhin feierte rund 50 Jahre nach Kriegsende die Barockzeit mit dem Neubau der Klosteranlage in Speinshart eine Hoch-Zeit. Zur Erholung beigetragen hat damals übrigens der Kartoffelanbau. Die Kartoffel kam mit der Entdeckung Amerikas nach Europa. Die Oberpfalz war also ein früher Globalisierungs-Gewinner.

Wie auch im Sagenbuch des Landkreises aufgeführt, sollen unter diesem Stein zwischen Oberndorf und Schlackenhof drei schwedische Soldaten begraben worden sein. Allerdings ist der Brocken vor einigen Jahren im Zuge von Straßenbauarbeiten versetzt worden.

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