21.03.2021 - 13:51 Uhr
MünchenOberpfalz

Ärger bei der Bayern SPD: Post und Ude teilen gegen Grötsch und Kohnen aus

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Er nennt sich "Klartexter" und im Interview beweist Florian Post, dass er das ernst meint. Dass die Oberbayern-SPD ihm einen sicheren Listenplatz verwehrt sei eine Racheaktion. Drahtzieher sei ein Oberpfälzer Parteifreund.

Der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt München, Christian Ude (links) hält viel vom gebürtigen Oberpfälzer Florian Post. Ude managt Posts Wahlkampf, auch und gerade nachdem die oberbayerische SPD den 39-Jährigen abserviert hat. Zu den Vorgängen finden beide klare Worte.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

ONETZ: Herr Post, mit etwas Abstand. Bleiben Sie bei der drastischen Einschätzung zum Ablauf der Nominierung der Bundestagsliste in der oberbayerischen SPD?

Florian Post: Ich bleibe dabei: Mir wurde hinterhältig das Messer in den Rücken gerammt. Inzwischen weiß ich, dass die Aktion von der Kohnen-Grötsch-SPD ausging. Es ging bei der Aktion darum, Kritiker in der Partei abzustrafen.

ONETZ: Welche Rolle spielte dann Ihr Gegenkandidat Sebastian Roloff. Ist er nur instrumentalisiert worden?

Florian Post: Nein, es ist eine größere Aktion gewesen, von verschiedenen Interessenten. Herr Roloff ist ein enger Jugend- und Juso-Freund von Uli Grötsch. Sie waren vor der Aktion wohl auch ständig in Kontakt. Das wurde mir im Nachhinein so berichtet. Hinterher sind die Leute ja ehrlicher, als sie es vorher sind.

ONETZ: Welches Ziel verfolgten Ihre Gegner Ihrer Meinung nach?

Florian Post: Es war eine Racheaktion von Natascha Kohnen. Sie will im Abgang noch möglichst viele Kritiker mitreißen. Das belegt die Tatsache, dass auch Bela Bach aus dem Landkreis München, abgesägt wurde. Sie hat ebenfalls Kritik an der strategischen Ausrichtung und an den Personen Natascha Kohnen und Uli Grötsch geübt. Bela Bach war die jüngste Abgeordnete im Bundestag und trotzdem wurde sie gegen eine linientreue Juso-Frau ausgetauscht.

ONETZ: Sie haben noch mehr Erfahrung als Herr Post. Schätzen Sie die Abläufe genauso drastisch ein?

Christian Ude: Ich gehe nicht mit derselben Heftigkeit heran, aber mit dem selben Ergebnis. Ich verfolge mit großem Befremden, dass die SPD Oberbayern ausgerechnet den Repräsentanten des Münchener Nordens absägt. Es wird nicht einmal gewürdigt, dass Herr Post den Wahlkreis mit dem zweitbesten SPD-Ergebnis in Bayern repräsentiert. Er hatte bei der letzten Bundestagswahl den größten Abstand bei den Erststimmen auf die SPD. Solche Leute, die beliebter sind als die Partei, bräuchten wir, um aus dem zweiten Tiefgeschoss wieder herauszukommen.

ONETZ: Letztlich war es aber doch eine demokratische Abstimmung?

Christian Ude: Natürlich war bei dieser Wahl alles rechtens. Man hat das Recht so vorzugehen. Man hat dann aber auch das Recht, von 20,6 auf 7 Prozent herunter zu sacken. Die Frage ist, ob man jede Dummheit begehen muss, die rechtlich erlaubt ist.

ONETZ: In der Oberpfalz gab es ebenfalls den Versuch von Juso-Seite, die Abgeordnete Marianne Schieder durch Carolin Wagner zu ersetzen. Bewerten Sie diesen Fall ebenso? Gibt es ein Verbindung?

Florian Post: Den Fall sehe ich anders. Carolin Wagner wurde von ihrem Kreisverband vorgeschlagen und hat ihre Pläne vorab bekannt gemacht. Beide Kandidatinnen konnten dann für sich werben. Das war nicht hintenrum, es war mit offenem Visier. Außerdem hat sich der Bezirksvorsitzende Franz Schindler für die amtierende Abgeordnete eingesetzt. Mein Bezirksvorsitzender Florian Ritter war auf Seiten derer, die mir das Messer reingehauen haben.

ONETZ: Wie sieht es mit Selbstreflexion aus. Haben Sie Fehler gemacht?

Florian Post: Zeigen Sie mir einen vernünftigen Menschen, der von sich sagt, er mache nie Fehler. Selbstverständlich sind im Eifer des Gefechts Dinge passiert, zum Beispiel die falsche Wortwahl, das würde ich so nicht mehr machen oder sagen. Ich mache Fehler, wie jeder Mensch. In der Sache und inhaltlich bin ich aber völlig im Reinen mit mir.

ONETZ: Sie haben nach der Wahl Bezug zum Streit um Wolfgang Thierse und Gesine Schwan hergestellt. Dabei geht es um Themen wie das Gendern. Hat es Ihnen geschadet, dass Sie hier traditionelle Positionen einnehmen, die nicht mehr en vogue sind?

Florian Post: Natürlich ist das ein Problem. Es herrscht in der Bayern- und in der Bundes-SPD die Meinung, dass die Summe der Politik für Minderheiten eine Mehrheit ergibt. Dabei wird anders ein Schuh daraus: Man muss Politik für die Mehrheit machen, dann hat man auch die Möglichkeit etwas für Minderheiten zu erreichen.

ONETZ: Können Sie das näher erklären?

Florian Post: Ich will niemanden diskriminieren oder mich über jemand lustig machen. Aber nehmen Sie die nächste blöde Diskussion: Man will Kindern das Indianerspielen verbieten, weil das rassistisch wäre. Es ist ein Irrglaube, wenn man sich ausschließlich auf solche Themen konzentriert, dass man dadurch eine Mehrheit in der Bevölkerung erreicht.

ONETZ:

Christian Ude: Es geht bei diesen Diskussionen doch nicht mehr um den Schutz von Minderheiten, sondern um moralische Abkanzelung. Darf man sein Kind noch Indianer spielen lassen? Für mich war das ein Einstieg zur Beschäftigung mit dieser Gruppe der indigenen Völker. Für mich waren die Indianer damals Vorbilder. Wir wollten nicht rumballern wie weiße Cowboys.

ONETZ: Natascha Kohnen hat im letzten Wahlkampf aber kein solches Thema gewählt. Es ging um bezahlbaren Wohnraum, dagegen kann man doch nichts haben. Warum ist die Bayern SPD dennoch so abgeschmiert?

Florian Post: Es reicht halt nicht, das Wort Anstand zu plakatieren, so wie es bei der letzten Landtagswahl mit dem bekannten Ergebnis gemacht wurde. Man sollte diesen Anstand dann auch selbst an den Tag legen und zeigen.

ONETZ: Und warum wird es mit einem Landesvorsitzenden Uli Grötsch künftig besser?

Florian Post: Wir haben bei der Bayern SPD ja so etwas wie eine Erbmonarchie. Die Generalsekretäre rücken auf den Posten des Vorsitzenden nach. Schon Natascha Kohnen war jahrelang Generalsekretärin an Florian Pronolds Seite und wurde dann als Neuanfang verkauft. Mit dem bekannten Ergebnis. Jetzt soll etwas Ähnliches passieren. Deshalb muss ich eine Gegenfrage stellen: Wie soll jemand ein Neuanfang sein, der schon seit Jahren federführend als Manager der Partei, als Generalsekretär, in der ersten Reihe steht? Ich kann das nicht erklären.

ONETZ: Unser Gespräch dauert nun schon eine Weile. Viel Positives haben Sie über die SPD bisher nicht gesagt. Ist das überhaupt noch Ihre Partei?

Florian Post: Ich kann ja nicht meine Überzeugungen und Grundwerte einfach so über Bord werfen, nur weil ich der Meinung bin, dass die falschen Leute an der Spitze stehen. Außerdem: Gerade im Bundestag und in der Bundesregierung haben wir gute Leute, die sehr gute Arbeit leisten.

ONETZ:

Christian Ude: Malu Dreyer hat eben in Rheinland-Pfalz gezeigt, was mit einer guten Führung auf Landesebene bei Landtagswahlen möglich ist.

ONETZ: Sie treten, unterstützt von Herrn Ude, als Einzelkämpfer an. Wie geht das aus?

Florian Post: Als Einzelkämpfer sehe ich mich nicht. Ich bin Spitzenkandidat der Münchener SPD. Wir kämpfen um die Erststimmen. Die Zweitstimme ist ist im Wahlkreis für uns unerheblich. Das war von der Bayern-SPD so gewollt. Wir werden versuchen, dass in unserem Wahlkampf, neben meinen Inhalten, deutlich zu machen. Die Wähler haben das letzte Wort und nicht irgendwelche Hinterzimmer-Funktionäre der Bayern SPD.

ONETZ: Sollte es mit dem Wiedereinzug in den Bundestag nichts werden. Ist dann Ihre politische Karriere beendet?

Florian Post: Wenn man berücksichtigt, dass ich im Mai 40 Jahre werde: Manche politische Karriere hat erst wesentlich später begonnen. Ich bin und bleibe ein politischer Mensch. Aber eines ist klar: Ich denke heute nicht über das Verlieren nach – obwohl ich immer noch Mitglied der Bayern-SPD bin.

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Nur wegen der Pandemie halten Florian Post (links) und Christian Ude beim Video-Interveiw mit Oberpfalz-Medien Abstand. Politisch passt kein Blatt Papier zwischen den Bundestagsabgeordneten mit Oberpfälzer Wurzeln und den früheren Münchener OB.
Hintergrund:

Zur Vorgeschichte

  • Der Leuchtenberger Florian Post sitzt seit 2013 für den Wahlkreis München Nord im Bundestag.
  • Bei der Bundestagswahl 2017 gelang Post eines der besten SPD-Ergebnisse in Bayern. Beim Abstand Erst- zu Zweitstimmen war er sogar der Beste.
  • Dennoch unterlag Post dem CSU-Bewerber und zog über die SPD-Landesliste in den Bundestag ein.
  • Bei Vorreihung der Listenplätze zur Bundestagswahl 2021 verwehrte die oberbayerische SPD Post nun einen Listenplatz mit Aussicht auf den Einzug in den Bundestag.
  • Dies ist ungewöhnlich, weil es in der oberbayerischen SPD üblich war, den vom Münchener Stadtverband vorgeschlagenen Kandidaten einen guten Platz zu geben.
  • Florian Post selbst kritisiert vor allem, dass seine "Nichtwahl" offensichtlich lange vorbereitet , aber bis zuletzt nicht öffentlich gemacht worden war. Die unterschiedlichen Positionen der Kandidaten wurden vor der Abstimmung überhaupt nicht thematisiert.

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