08.04.2020 - 11:46 Uhr
Altenstadt an der WaldnaabOberpfalz

Bekannter Wunderheiler

Zu Johann Baptist Clemens Scharnagl aus dem Altenstädter Ortsteil Sauernlohe kommen die Bauern, um Hilfe für ihre kranken Tiere zu erhalten. Er hat die passenden Rezepte und geheimnisvolle Sprüche.

Von Johann Baptist Clemens Scharnagl gibt es keine Fotografie. Eine Altenstädter Künstlerin arbeitete nach vielen Gesprächen mit Menschen, die ihn kannten, ein Bild für das Museum.

"Für die Schlier an den Eitter. nim warmes Knaben-Brunz-Wasser, thue Salz darein, machs untereinander und streichs den Eiter nach unter sich." Für derart kernige Wundersprüche kamen einst Bauern, auch aus der weiteren Umgebung von Altenstadt/WN, zur Sauernlohe, um Hilfe für ihre kranken Tiere zu holen. Die bemerkenswerte Geschichte bekam der Heimatverein Altenstadt/WN vor 14 Jahren auf den Tisch. Er hat sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des Ortes zu beleuchten und zu erforschen. Es geht es um Denkmäler, um die Historie, aber auch um die Menschen des Orts.

Im örtlichen Heimatmuseum finden Besucher das Ergebnis der Nachforschungen über das Wirken des Landwirts und Bauernheilers Johann Baptist Clemens Scharnagl aus dem Ortsteil Sauernlohe. Die Kinder der Grundschule befassten sich mit dem Thema. Aber auch der Student der Geschichte, Kulturwissenschaft und Politik, Christian Basl aus Hemau, interessierte sich für den Mann aus Sauernlohe. Zwei Jahre befasste er sich intensiv mit seiner Geschichte.

Die beiden Enkelinnen des Sauernlohers, Maria Siebert und Rita Fukerider, gewährten ihm vielfältige Unterstützung. "Aberglaube in der Oberpfalz - das Wissen des "Sauernloher", so heißt die Arbeit von Christian Basl. Er suchte nicht nur das Gespräch, sondern auch nach historischen Bildern und tastete sich langsam an die Lebensgeschichte des Wunderheilers heran - von dessen Geburt, über die Schulzeit, den Militärdienst (1885). Auch die politische Situation bei der Übernahme des Hofes im Kaiserreich nach dem Todes des Vaters von Scharnagl 1890 erforschte Basl akribisch, ebenso die Hochzeit mit Barbara Gmeiner. Aus der Ehe gingen zehn Kinder hervor. 1938 starb der Wunderheiler.

Der Sauernloher zeichnete sich durch ein "bemerkenswertes soziales Engagement" aus. So saß Scharnagl im Aufsichtsrat des vom Oberlehrer Josef Pöll gegründeten Darlehenskassenverbandes (heute Raiffeisenbank) und zählte zu den Gründungsmitgliedern am 16. November 1894 im Gasthof Riedl.

Viel Leid musste er erfahren und verschmerzen, darunter den Tod zweier Kinder, die Erlebnisse des Ersten Weltkrieges und den Beginn des Zweiten Weltkrieges. 1916/17 den Kohlrübenwinter, eine Hungersnot, und 1923 die Hyperinflation. 1930 übergab er den Hof und zog sich von der Arbeit zurück. Alle Zeitzeugen, so Basl, beschrieben ihn "als gütigen, aufgeschlossenen, ja geselligen und vertrauenswürdigen Mann".

Genau diesen Eigenschaften verdankte er wohl seine Heilerfolge mit seinen drei heiligen Nadeln und vielerlei Zaubersprüchen bei Mensch und Tier. In einem Büchlein, 16 mal 10 Zentimeter groß, hinterließ er in sechs Kapiteln sein Wissen in säuberlicher altdeutscher Schrift.

Wie er dazu kam, bleibt offen. Geld war ihm nicht wichtig, bedeutsam erschien ihm der Glaube, ohne diesen wies er jeden zurück. Sein Wissen fußte auf Wurzeln, die über den Ursprung des Christentums hinausreichten. Doch woher hatte er dieses? Basl verglich in seinen Ausführungen den Sauernloher mit einem Heilpraktiker. Er fand heraus, dass dessen Wissen auf Erkenntnissen von Aristoteles und des Römers Plinius fußten. Aufgenommen wurden diese zwischen 1600 und 1700 in der sogenannten "Hausväterliteratur", der auch Martin Luther zugetan war und die sich großer Verbreitung erfreute.

Basl berichtet über die Ausführungen von Gebeten und dem Segen der schwarzmagischen Schrift des Romanusbüchleins, bis hin zu der geheimnisumwitterten "Sator-Formel". Es fanden sich zudem 31 Rezepturen, unter anderem mit Eisenkraut. Für Menschen kann das sogar tödlich sein. Allerdings fehlt dazu jegliche Warnung.

Das Fazit der Forschungen des Studenten mit Unterstützung des Heimatvereins: "Mit Johann Scharnagl lebte vor rund 100 Jahren eine bedeutende Persönlichkeit im Ort." Zwar sei er nur ein einfacher Bauer gewesen, aber ein Mensch, der durch seine Heilkünste eine zentrale Stellung in der Bevölkerung rund um Altenstadt eingenommen habe. "Sein Leben ist ein Stück Oberpfälzer Kultur, der Mythos des Johann Scharnagl wäre beinahe in Vergessenheit geraten."

Das Wunderbüchlein von Johann Baptist Clemens Scharnagl galt als verschollen. Bei den Recherchen zu der Arbeit des Studenten tauchte es in Neustadt/WN auf.
Der Hof Sauernlohe in der Nähe des Weidener Schätzlerbads gehört zur Gemeinde Altenstadt/WN.

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