04.07.2019 - 11:26 Uhr
Altenstadt an der WaldnaabOberpfalz

Wallfahrten zur Mutter Anna

Seit 311 Jahren ziehen die Gläubigen zu der Kapelle am Mühlberg. Um 1380 wird in einem Dokument zum ersten Mal von einem Kirchlein berichtet.

Die Tradition der Wallfahrt wird weitergeführt.
von Rainer ChristophProfil

Am letzten Sonntag im Juli führt alljährlich eine Wallfahrt von Altenstadt/WN aus zur Mutter-Anna-Kirche auf dem Mühlberg. Eine Tradition, die 2019 genau 311 Jahre alt ist. Das Gotteshaus, das kirchlich bis heute zur Pfarrei Altenstadt/WN gehört, wurde mit dem Ortsteil Mühlberg bei der Gebietsreform 1964 Neustadt/WN zugeordnet. Durch den Bau und die Eröffnung des Mühlbergtunnels, der die Innenstadt von Neustadt/WN entlasten soll, rückt die barockisierte Kirche mit ihrem wuchtigen Turm, deren heutige Gestalt um 1770 entstanden ist, stärker ins Blickfeld.

Urkundlich erscheint Mühlberg erstmals 1232. Erwähnt wird ein "Muhtbach", ein Meierhof. Bei dem Dokument handelt es sich um eine Verpfändungsurkunde der Altendorfer Grafen mit den Ortenburgern. Um 1380, zur Zeit des Böhmenkönigs Karl IV., wird von einer Kapelle auf dem Berg berichtet, die zur Pfarrei Altenstadt gehörte. Geweiht ist sie dem Heiligen Nikolaus, eine gotische Figur steht heute noch im Hochaltar.

Wichtigstes Bildnis

Im 14. Jahrhundert erhält die Kapelle eine kleine Glocke. Alle Kriegswirren wird sie überleben. Ob es wirklich nur eine Kapelle war, wird in einer Expertise im Jahre 1998 angezweifelt. Bauliche Untersuchungen ergaben, dass die Kirche wesentlich größer gewesen sein muss, als bislang angenommen. Inmitten des Hochaltars steht in einem Glasschrein die Figur der "St. Anna Selbdritt". Die Legende berichtet, dass die Statue einst auf dem danebenliegenden Kleinberg stand. Sie sei jedoch, obwohl man sie stets zurückbrachte, nach jeder Nacht wieder in der kleinen Kapelle am Mühlberg gestanden. So ließ man sie dann nach einiger Zeit auch dort. Heute ist sie das wichtigste Bildnis des Hochaltars.

Nach 1521 erfolgte eine Erweiterung. Die Ortschaft Mühlberg zählte zu jener Zeit sechs Häuser, eine Kirche wird nicht erwähnt. Sicher war die Kapelle so klein, dass sie keine derartige Funktion erfüllte. In den Akten des Bistums taucht erstmals 1526 der Name St. Anna auf.

Der protestantische "Capellan Löw" betreut von Neustadt aus 1610 die Kirche. Drei Jahre später traute er das erste Paar (aus Denkenreuth). Dies blieb jedoch die Ausnahme. Aus einer Gotteshaus-Rechnung der Georgskirche Neustadt/WN des Jahres 1640 ist zu entnehmen, dass es bereits damals Prozessionen nach Mühlberg gibt. Da St. Anna zur damaligen Zeit als Patronin des Herzogtums Sulzbach, aber auch von Fürst Lobkowitz zu Neustadt hoch verehrt wurde, bat letzterer das Ordinariat in Regensburg 1708, das Fest der St. Anna in der gefürsteten Grafschaft Neustadt künftig noch feierlicher zu begehen. Genehmigt wurden eine Vesper am Vorabend des Anna-Tages und ein Amt mit Predigt am Festtage selbst. 1723 waren die Hauptgottesdienste am Patroziniumstag und am Pfingstdienstag, danach wurde sogar noch ein weiterer Feiertag angehängt. Am letzten Tag zog nochmals eine Prozession von Neustadt/WN nach Mühlberg, weitere kamen aus Parkstein und Wurz. Die Beteiligung von Wallfahrern weitete sich ständig aus.

1742 schickte der Altenstädter Pfarrer Hessler einen Bericht über den desolaten Zustand des Kirchleins nach Regensburg und bat um die Genehmigung eines Umbaus. Noch im gleichen Jahr erfolgte dieser durch den Baumeister Johann Mayer aus Neustadt.

Prozession aus Böhmen

1770 konnte das Annafest erstmals in der erweiterten Kirche gefeiert werden. Am 11. Mai 1771 begann die Erhöhung des Turmes zu seiner heutigen Form. 317 Gulden kostete die Maßnahme (heutzutage über 5000 Euro). Die Bauarbeiter kamen aus Neustadt. Adam Näger errichtete das Turmdach. Erstmals wurde nun auch eine Prozession aus dem nahen Böhmerland am 30. Juni verzeichnet. Mit der Vergrößerung der Kirche entstand der heutige Hochaltar. Der Künstler des Rokokoaltares ist mit großer Wahrscheinlichkeit der Bildhauer Kurzwart aus Waldthurn.

Die Höhepunkte der Wallfahrt erlebte Mühlberg zwischen 1700 und 1800. Vom Egerland zogen Tausende von Wallfahrern über Fuchsmühl nach Mühlberg und Neustadt, stets zwischen den Festen Peter und Paul und Mariä Heimsuchung. Aus dieser Zeit stammt auch das Mutter-Anna- Lied, das heute noch gesungen wird.

Der bekannte Neustädter Maler Thaddäus Rabusky fasste 1830 den Hochaltar. 1845 musste das Turmdach erneuert werden. Im gleichen Jahr verweigerten die Denkenreuther den Betrag für das Ave-Maria-Läuten in der Mühlbergkirche mit der Begründung, sie "hätten keinen besonderen Nutzen davon". Selbst eine Einigung vor dem Landrichter in Neustadt brachte keinen Erfolg.

Bedenklicher Zustand

1871 erfolgte eine Reparatur des Kirchendaches wegen undichter Stellen. Während des Zweiten Weltkrieges waren 1942 weitere und größere Reparaturmaßnahmen nötig, erneut machte der Dachstuhl Probleme. Die Sorgen endeten nicht. Da die Dachstuhlsanierung von 1942 nicht sachgemäß ausgeführt wurde, befand sich die Kirche 1980 in einem bedenklichen Zustand.

Die Kirchenverwaltung Altenstadt/WN mit dem damaligen Pfarrer Albin Ulrich wurde vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in München zu einem Ortstermin im Juli 1980 gebeten. Der Zustand des Bauwerks machte in mehrfacher Hinsicht eine Restaurierung notwendig: Feuchtigkeit im Mauerwerk, morscher Putz, die Innenausstattung litt stark unter der Feuchtigkeit. Gravierende, ja Substanz gefährdende Bauschäden konnten am Dachstuhl festgestellt werden. Eine Teilrenovierung folgte. 18 Jahre später musste die Kirche erneut um ihre Zukunft bangen. Die Renovierungsarbeiten waren scheinbar wieder nicht sachgemäß ausgeführt worden.

Neuer Glanz

Die Kirchenverwaltung unter der Leitung des heutigen Pfarrer von Herz Jesu in Weiden, Gerhard Pausch, nahm sich des Problems an. Mit großem Mut wurde die Sanierung vorangetrieben. Am 17. Juli 1999 konnte die Mutter-Anna-Kirche mit einem Festgottesdienst im neuen Glanz eröffnet werden. Einen großen Verdienst hatte für den Fortschritt der Renovierungsarbeiten der eigens gebildete Förderkreis "Mutter Anna Kirche" , dem sich viele traditionsbewusste Menschen aus der Umgebung anschlossen.

Alljährlich machen sich die Wallfahrer von der Alten Pfarrkirche in Altenstadt/WN zur Wallfahrt auf. Für den Festgottesdienst schmücken Mesner Franz Gruber aus Denkenreuth, Maria Rupprecht aus Mühlberg und weitere Helfer die Kirche festlich. Der Kirchenchor aus Altenstadt/WN umrahmt die Messe. Am Ende wird mit Inbrunst das alte, eigens komponierte und getextete Mutter-Anna-Lied mit zwölf Strophen gesungen.

Dann geht es hinaus zum Frühschoppen. Die Bewirtung der Gäste und Wallfahrer übernimmt die Feuerwehr Neustadt/WN seit 50 Jahren. Zuvor wechselten sich die beiden Altenstädter Wirte Füssl und Schultes vom "Schwarzen Bären" alljährlich ab. Als sie die Aufgabe nicht mehr stemmen konnten, übernahmen die Floriansjünger. Um alle kirchlichen Vorbereitungen kümmert sich die Pfarrei Altenstadt/WN.

Hintergrund:

Anna Selbdritt

„Anna Selbdritt“ meint die Darstellung der Heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind. „Selbdritt“ ist also kein Name, sondern bedeutet ungefähr so viel wie „zu dritt“. Die bekannte Figurengruppe stammt aus dem Mittelalter und geht zurück auf den sogenannten Annen-Kult.

Darin findet sich der keltische Glaube an die „Anderswelt“ wieder. Wie so vieles wurde auch dieses heidnische Brauchtum auf die christliche Religion übertragen. Aus der dreifachen heidnischen Göttin Danu (auch Anu), die „Großmutter“, schuf der Volksglaube eine „Anna Selbdritt“, die im Neuen Testament nicht erscheint, aber drei Marien geboren haben soll. Als der Kult zu heftig wurde, schritt die katholische Kirche ein. Nun wurde mit kirchlichem Segen aus der „Anna Selbdritt“ die „Heilige Anna Selbtritt“ (in der Bibel ebenfalls nie erwähnt), die leibliche Mutter der Gottesmutter Maria. 1481 nahm Papst Sixtus IV. sie in den Heiligenkalender auf: Der 26. Juli ist ihr Namenstag. Damit resultierte im 15. und 16. Jahrhundert eine regelrechte Blütezeit des Annen-Kultes. Anna wird mit dem Mond und mit dem Silber in Verbindung gebracht, Bergleute in aller Welt benannten ihre Gruben nach der „Mutter des Silbers“. Bekannte und unbekannte Maler und Bildhauer schufen in ganz Europa vielfältige Gemälde und Skulpturengruppen der Heiligen Anna Selbdritt. Eine große Anzahl hat sich bis heute erhalten, viele wurden aufwendig restauriert. Einige wertvolle Exponate finden sich im Diözesanmuseum des Franziskanerklosters in Pilsen.

Anna und Joachim werden erstmals bei Jakobus um 150 nach Christus erwähnt. Dessen Erzählungen sind nicht als offizieller Bestandteil in das Neue Testament aufgenommen worden. Sie gelten als die Eltern der Maria und somit die Großeltern von Jesus. Nach 20-jähriger kinderloser Ehe gebar Anna die Maria. Damit beginnt in der christlichen Kunst bereits im 2. bis 6. Jahrhundert die Darstellung der Mutter Anna. Dargestellt wird sie oft mit einem grünen Mantel und einem roten Kleid. Die Heilige Anna hat als Attribut ein Buch und wird besonders bei den Bergleuten in der christlichen Welt als Schutzheilige verehrt. (cr)

Die Mutter-Anna-Kirche am Mühlberg ist am 28. Juli das Ziel der Wallfahrer.
Das Gnadenbild der Anna Selbtritt am Hochaltar der Mutter-Anna- Kirche. Seit über 300 Jahren kommen die Pilger mit ihren Anliegen und Fürbitten zu ihr.
Das Bildnis der Anna Selbtritt im Museum von Sulzbach Rosenberg.
Mutter-Anna-Lied:

Wenn alljährlich am Sonntag, der dem 26. Juli am nächsten liegt, die Wallfahrer nach Mühlberg ziehen, erklingt seit rund 300 Jahren das „Mutter-Anna-Lied“:

Lass Dir unser kindlich Flehen

Mütterlich zu Herzen gehen,

Steh uns mit Maria bei,

Dass uns Gott barmherzig sei. (Refrain nach jeder Strophe)

1. Mutter Anna, Deine Kinder

Alle, alle, keines minder,

Rufen Dich in ihrer Not,

Um die Fürbitt an bei Gott.

2. Alles, alles, was auf Erden,

Wir den Vater bitten werden,

Trage hin zum Gottesthron,

Jesu, Deiner Tochter Sohn.

3. Alle, die sich Christen nennen,

Lass ihr wahres Herz erkennen,

Weise jedem selbst die Bahn,

Mütterlich zur Tugend an.

4. Nimm Dich an der Kinderseelen,

Die wir Deinem Schutz empfehlen,

Mutter, nimm sie in Gewahr,

Vor Verführung in Gefahr.

5. Hilf von unserm Landsregenten,

Alles Unheil abzuwenden,

Bitt, dass er noch viele Jahr,

Dein Schutz und Hilf erfahr’.

6. Große Strafen, schwere Leiden,

Krieg und Pest und teure Zeiten

Wende ab mit milder Hand

Von dem lieben Vaterland.

7. Ziehet über Felder, Güter

Ein verheerend Ungewitter

Um Erbarmen flehe dann,

Gott in unseren Ängsten an.

8. Dass uns auch die Frucht der Erde,

Gott zur Ehr gedeihlich werde,

Steh, nach Deiner Muttertreu,

Uns durch Deine Fürbitt’ bei.

9. Wenn wir wegen unsrer Sünden

Angst und Herzeleid empfinden,

Sei Du unsre Zuversicht

Und verlass uns Sünder nicht.

10. Dass er uns die Sünd’ verzeihe

Sie zu meiden Gnad verleihe,

Lege Mutter, für uns Dein

Mütterliches Fürwort ein.

11. Wenn wir einst in letzten Zügen,

Mit dem Tode ringend, liegen,

Zeig uns Deine Lieb und Treu,

Steh uns bis ans Ende bei.

12. Bringe uns bei Gott zuwegen,

Dass auch wir erlangen mögen,

Nach vollbrachter Lebenszeit

Einst mit Dir die Seligkeit.

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