18.01.2019 - 17:02 Uhr
AmbergOberpfalz

Zum 100. Jubiläum des Frauenwahlrechts: „Wir sind nicht präsent genug“

Es ist 100 Jahre her, dass deutsche Frauen zum ersten Mal wählen durften – und gewählt werden konnten. Eine Pionierin der Gleichberechtigung ist die Ambergerin Maria Geiss-Wittmann. Sie zog 1970 als erste Abgeordnete aller Parteien aus der Oberpfalz in den Landtag ein.

Frauen in Deutschland durften bei der Wahl zur deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 zum ersten Mal ihre Stimme abgeben. Diese Frauen stehen in der Schlange vor einem Wahllokal.
von Miriam Wittich Kontakt Profil

Am 19. Januar 1919 bei der Wahl zur deutschen Nationalversammlung durften Frauen erstmals ihre Stimmen abgeben. Dieser noch recht jungen Errungenschaft ging ein langer Kampf voraus. „Ich kann mich noch an die Schilderungen meiner Rektorin erinnern: Deren Mutter war mit die erste Abgeordnete im bayerischen Landtag und hatte heftig für das Wahlrecht der Frauen gekämpft“, erzählt Maria Geiss-Wittmann. „Die Begeisterung dafür war damals sehr groß.“ Eine solche Begeisterung für die Politik müsste heute wieder bei den Frauen wachsen, fordert sie. „Mit meinen 85 Jahren kann ich einen langen Zeitraum überblicken“, sagt die Seniorin. „In den 70er-Jahren gab es eine besondere Aufbruchsstimmung, seitherEsEs hat sich viel getan.“ Doch die Fortschritte dürften nicht darüber hinwegtäuschen, dass Frauen in den meisten Bereichen immer noch unterrepräsentiert seien.

Als Sozialarbeiterin sah Geiss-Wittmann viel Leid. Ihr wurde klar: Manchmal reicht es nicht, in Einzelfällen zu helfen. Es braucht Strukturen. „Die kann man nicht als angestellte Sozialpädagogin aufbauen. Dafür muss man in die Gremien, die das entscheiden.“ Als sie sich Ende der 1960er-Jahre politisch zu engagieren begann, gab es unter anderem noch keinen gesetzlichen Anspruch auf Förderung im Kindergarten und keine Hilfen für Familien. „Wenn Frauen Familie und Beruf in Einklang bringen wollten, waren sie allein gelassen.“ Es gab kein Frauenhaus, keinen Notruf.

Trotz vieler Verbesserungen seien Frauen in Politik, Gewerkschaften, Wirtschaft und Forschung auch heute noch nicht präsent genug. „Führende Persönlichkeiten bestimmen entscheidend die Atmosphäre in einem Betrieb“, sagt die 85-Jährige. „Um das Gesamtbild der Gesellschaft von Mann, Frau, Familie, Alt und Jung abzubilden, brauchen wir Frauen.“ Die stünden den Gruppen der Jungen, Alten, Kranken und Schwachen noch immer näher und brächten andere Erfahrungen ein. „Wenn kaum Frauen in Führungspositionen und Entscheidungsgremien sind, fehlt letztendlich nicht den Frauen etwas, sondern der ganzen Gesellschaft. Wir machen die Welt auch nicht heil, aber wir können ein Stück dazu beitragen, dass man dem Menschen in all seinen Lebensphasen gerechter wird.“

Geiss-Wittmann sagt, sie sei gerne im bayerischen Landtag gewesen. „Auch wenn es nicht leicht war. Dem Konkurrenzkampf und den Problemen muss man sich stellen. Ich war immer überzeugt, dass es richtig und wichtig ist.“ Sie wünscht sich auch heute mehr Frauen in der Politik: „In einer Demokratie zählt nicht immer das beste Argument: Es entscheiden Mehrheiten. Um mitwirken zu können, muss man auch vorhanden sein.“ Dazu müssten Frauen häufiger aus dem Schatten treten. „Männer stellen sich seit Generationen vorne hin und weisen auf ihre Leistungen und Fähigkeiten hin. Frauen sind meist zurückhaltender. Wie man so schön sagt: Jeder große Mann hat eine starke Frau im Rücken. Aus diesem Schatten müssen sie heraustreten.“

Natürlich müssten auch die Toleranz den Frauen gegenüber und das Vertrauen in sie wachsen. „So lange haben wir eine Kanzlerin an der Spitze. Sie hat in der Welt Anerkennung gefunden, mehr als manche Männer. Das ist ein riesiger Fortschritt.“

Info:

Blick zurück: So berichteten die beiden Amberger Lokalzeitungen über die Historische Wahl

Es ist das Jahr 1918, als der Rat der Volksbeauftragten im November verkündet, dass auch Frauen wählen dürfen. Plötzlich war etwa die Hälfte der Bevölkerung eine heftig umworbene Zielgruppe für Parteien im Kampf um Stimmen geworden. Zum ersten Mal traten in der noch jungen Republik die Frauen bei der Wahl der deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 an die Urne. Dieser Tag jährt sich nun zum 100. Mal.

Während in den überregional erscheinenden Zeitungen die Neuigkeit einen hohen Stellenwert genoss, sind die Reaktionen in den damals beiden erscheinenden Lokalzeitungen in der Region mit dem Amberger Tagblatt (AT) und der Amberger Volkszeitung (heute: Amberger Zeitung), eher verhalten.

Zunächst muss jedoch vorangestellt werden, dass sich Zeitungsmacher in dieser Zeit nicht den Prinzipien der Überparteilichkeit und Unabhängigkeit wie heute verpflichtet sahen. Aufrufe wie: „Wähler und Wählerinnen zur deutschen Nationalversammlung! Gebt eure Stimme nicht der Deutschen Volkspartei. Schickt auch in den Reichstag nur die Kandidaten der Bayerischen Volkspartei!“, gedruckt in der Amberger Volkszeitung (AV) in den Tagen vor der Wahl, sind keine Seltenheit. Die Leserschaft dürfte als eher bayerisch-konservativ betrachtet werden. Bei der journalistischen Konkurrenz hingegen hielt man es mit der Deutschen Volkspartei, den Nationalliberalen.

In dem Programm „Was will die deutsch-demokratische Frau in der Politik?“ informiert das AT am 10. Januar seine Leser. Es „fordert für das treue alte Muttergeschlecht des deutschen Volkes in dieser Schöpferstunde volle Mitverantwortung für das wohnliche Glück dieser neuen Heimat, die alle Schichten und Stände mit gleichem Recht umfassen soll. Sie fordert Anerkennung ihrer besonderen Gaben und Aufgaben für die neue Kultur, Gehör für ihre sittlichen und religiösen Ideale im Volksrecht und Volksleben“. Im Übrigen weiß die deutsch-demokratische Frau, „dass ihr die politische Gleichberechtigung nicht im Sonnenschein am Baum deutscher Erkenntnis entgegengereift ist, sondern dass der furchtbare Sturm des Zusammenbruchs und der Revolution ihr dieses Recht in den Schoß geschleudert hat“.

Kurz vor der Wahl der Nationalversammlung wählten die Bayern einen neuen Landtag. Das war für die AV die wohl wichtigere Nachricht in den Wochen vor dem Urnengang, weshalb die Berichterstattung zu dem deutschlandweiten Ereignis erst recht spät einsetzte. Am 18. Januar veröffentlichte die AV einen Aufruf mit dem Titel: „Vergesst nicht, ihr Frauen, vergesst es nicht“. Darin warnt der Autor die weiblichen Wähler davor, für die SPD oder Deutsche Volkspartei zu votieren. „Wenn ihr euren Stimmzettel abgebt, so vergesst nicht, ihr Frauen: Vergesst es nicht, dass durch die rote Herrschaft unser liebes deutsches Vaterland jeden Rest von Ansehen verloren hat.“ Die Sozialdemokraten waren in der Regierungsverantwortung, als die Verhandlungen mit den Alliierten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stattfanden. Doch auch die Nationalliberalen sind laut der Zeitung keine Option für die weiblichen Wähler. „Vergesst dies nicht, ihr Frauen, Mütter, Bräute und Schwestern, dass die Deutsche Volkspartei nur der hellrote Flügel der dunkelroten Sozialdemokratie ist und mit Schuld trägt an der roten Herrschaft.“

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