12.07.2018 - 14:19 Uhr
AmbergOberpfalz

1000 Euro "Kopfgeld": Metzger dringend gesucht

Nach der Schule möchten junge Leute gerne in der IT- oder Medienbranche arbeiten. Verkäuferin hinter einer Wursttheke gehört eher nicht zu den Traumberufen. Deshalb lassen sich die Betriebe jetzt einiges einfallen.

Kopfgeld für Azubis: Heike Lutter zeigt das Wanted-Plakat, mit dem die Metzgerei Englhard auf Azubi-Suche geht. Mit Erfolg. Immer mehr Betriebe in der Region bieten für Lehrlinge zusätzliche Anreize.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

(roa) 538 unbesetzte Lehrstellen konkurrieren in der Stadt und dem Landkreis Amberg-Sulzbach um 172 Schulabgänger, die noch einen Ausbildungsplatz suchen. Das sind im Schnitt 3,12 Stellen für jeden. Kleine Handwerksbetriebe haben es hier eher schwer, einen Anreiz zu bieten. Das ist auch Heike Lutter bewusst, die seit Mai gemeinsam mit ihrer Schwester Sandra Völkl die Metzgerei Englhard in Amberg führt. Mit einem Werbe-Plakat machen sie heuer "Jagd" auf Auszubildende.

In Western-Manier suchen sie per Steckbrief Lehrlinge als Metzger und Verkäufer. Versprochen werden jeweils 1000 Euro Prämie im Monat - die Ausbildungspauschale. "Unser Berufsbild ist für junge Leute erst einmal nicht so ansprechend", sagt Heike Lutter. Auf dem Stundenplan stehen oftmals lange Arbeitszeiten und körperliche Arbeit. "Wenn wir abends rausgehen, riechen wir nach Bratwürschtl. Das ist für den ein oder anderen Herren schon verlockend. Aber für die Damen oft weniger." Geld könne nach Meinung von Lutter durchaus ein Anreiz sein, den Beruf des Metzgers attraktiver zu machen. Die ungewöhnliche Werbe-Methode hatte bereits Erfolg: "Wir werden durch die Aktion womöglich vier Lehrlinge haben." 1000 Euro Vergütung im Monat sind natürlich Anreiz, zuzugreifen. Normalerweise werden im ersten Lehrjahr nur um die 650 Euro gezahlt. Auch die Möglichkeit, per Whats-App Fragen an die Chefin zu stellen, kam gut an. "Warum sollte man den Weg der jungen Menschen nicht mitgehen?", sagt Heike Lutter.

Bayerns Firmen gehen die Lehrlinge aus:

Deutschland & Welt

Sinkende Schulabgängerzahlen und ein zunehmender Trend zu Abitur und Studium sind ein wesentlicher Faktor für weniger Ausbildungsplatzbewerber. "Wir haben auch im Raum Amberg-Sulzbach in wichtigen Produktions- und in vielen Handwerksberufen bereits einen erheblichen Mangel an Fachkräften, der weiter steigen wird", sagt Johann Schmalzl, Geschäftsstellenleiter der Industrie- und Handelskammer (IHK) Amberg-Sulzbach. Gerade mit besonderen Projekten könne man die Chancen eines Ausbildungsbetriebs verbessern. "Warum nicht ein Fahrrad oder Roller bei guten Noten als Prämie anbieten?" Gerade durch solche Zuwendungen kann die Attraktivität eines Berufes gesteigert werden, ist Bernhard Reif, Referent der IHK-Geschäftsstelle, der Meinung. "Wenn Handys oder Tablets privat genutzt werden dürfen oder im Betrieb Gesundheitskurse angeboten werden, ist das schon ein toller Anreiz." Das sieht auch Geschäftsführer Thomas Fischer von Fischer Automobile so. In seinem Autohaus gibt es pro Azubi-Runde vier Autos. Wer sich besonders in die Ausbildung reinkniet und sowohl mit schulischen als auch betrieblichen Leistungen überzeugt, darf ein Jahr lang kostenlos einen Neuwagen fahren. "Die künftigen Azubis sind hart umkämpft", begründet Fischer das Mitarbeiter-Marketing. Die Bäckerei Nußstein wirbt junge Leute per Aushang an den Filialen mit dem Bezahlen des Führerscheins an.

Ausbildungsmesse in Amberg:

Amberg

Rechnerisch geht die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze im Raum Amberg-Sulzbach stetig nach oben. Waren es 2013 noch 80, so ist die Zahl der offenen Stellen 2017 auf 211 gestiegen. "Und heuer werden es wieder mehr sein", so Schmalzl, der vor gut 20 Jahren die Ausbildungsmesse im Amberger Kongresszentrum ins Leben rief. Anfangs mussten die Betriebe noch überzeugt werden. Wenn heuer am Dienstag, 17. Juli, die Pforten geöffnet werden, "hätten wir das ACC dreimal füllen können".

Thomas Fischer könnte heuer locker noch einen Azubi einstellen. Im Vergleich zu Neumarkt gebe es einen erheblichen regionalen Unterschied, was das Interesse an einer Ausbildung betrifft: "Bei unserem Azubi-Infotag in Amberg war deutlich weniger los."

Heike Lutter, selbst Mutter von drei Kindern, appelliert an Eltern: "Wenn Kinder mit Abitur gerne einen Handwerksberuf erlernen möchten, dann sollte man sie auch lassen. Vielleicht ist es für sie ja die Erfüllung."

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp