04.06.2018 - 23:24 Uhr
AmbergOberpfalz

150 Jahre Amberger Zeitung - Zauber der Pressefreiheit

Die Amberger Zeitung ist älter als die Glühbirne. Genau 150 Jahre gibt es Erstere, am 4. Juni 1868 gegründet. Die amüsante zeitliche Einordnung und Anmerkungen zur Pressefreiheit stammen von Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung.

150 Jahre Amberger Zeitung: OB Michael Cerny im Gespräch mit Festredner Heribert Prantl.
von Heike Unger Kontakt Profil

Heribert Prantl hat eine persönliche Verbindung zum Verlag Oberpfalz-Medien/Amberger Zeitung: Der gebürtige Nittenauer war schon mit 15 Lebensjahren freier Mitarbeiter der Redaktionen in Weiden und Schwandorf und absolvierte später, im Zuge seines Studiums, ein Praktikum beim Verlag. Beim Festakt "150 Jahre Amberger Zeitung", der am Montagabend, also genau am Gründungstag, 4. Juni, im Großen Rathaussaal mit Vertretern aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens begangen wurde, hielt Prantl, der seit Januar 2018 das Meinungsressort bei der Süddeutschen Zeitung leitet, die Festrede.
"Die Amberger Volkszeitung hat viel gesehen und viel beschrieben", wie Prantl betonte. Er spannte den zeitlichen Rahmen: Bismarck- und Kaiserreich, Kirchenkampf, zwei Weltkriege, die NS-Verbrechen, den Wiederaufbau des zerstörten Landes, die Industrialisierung, die Globalisierung. Vor drei Jahrzehnte sei die Oberpfalz regelmäßig mit dramatischen Schlagzeilen aufgefallen - "mit einer Winterarbeitslosigkeit von bis zu 46 Prozent noch Ende der achtziger Jahre". Heute spiele die bayerisch-böhmische Grenzregion bei der Beschäftigung in der Champions-League Europas. "In Ostbayern sind etwa viermal weniger Menschen arbeitslos als in Berlin oder in Mecklenburg-Vorpommern." Die AZ sei mit dem Neuen Tag in Weiden "die Kraft der Oberpfalz, das Gesicht der Heimat".

Die Kraft der Provinz

Seine Festrede widmete Prantl dem "Zauber der Pressefreiheit", aber auch den "Gefahren für die Presse in globalisierten Zeiten" - und er betrachtete sie auch als "ein Geburtstagslied" für die AZ, ein Lied mit dem Titel "Die Kraft der Provinz". Prantl nutzte die Gelegenheit für ein Wort des Dankes an Verleger German Vogelsang, bei dem er 1976 als Praktikant seine "ersten journalistischen Schritte" gemacht habe. "Man kann wahrscheinlich sagen, dass ich nie zur Süddeutschen Zeitung gekommen wäre, wenn es nicht Wolfgang Houschka, German Vogelsang und den Neuen Tag gegeben hätte."
Die damals bleischweren Zeiten der Zeitung seien lang vorbei, ihre Arbeitswelt habe sich verändert, "das Digitale hat das Analoge abgelöst" - aber die Zeitung sei immer noch Zeitung. "Und sie ist immer noch gut. Ich glaube sogar, sie ist noch besser geworden." Qualitätsjournalismus sei ein Lebenselixier einer freien Gesellschaft, unterstrich Prantl. Guter Journalismus sei einer, "bei dem die Journalisten wissen, dass sie eine Aufgabe haben" - und dass diese mit einem Grundrecht zu tun hat: "Artikel 5 Grundgesetz, Pressefreiheit." Nur für diesen Beruf gebe es ein spezielles Grundrecht: Das verpflichte zu Sachkunde, Souveränität, Ausdauer, Neugierde, Sorgfalt und Aufklärungsinteresse.

Journalisten und Politiker unter Zugzwang

Das Internet habe einen Echtzeitjournalismus geboren. Dessen "manchmal absurdes Kennzeichen" sei der Live-Ticker, "der auch dann tickert, wenn es eigentlich wenig zu tickern gibt", und der Journalisten und Politiker unter Zugzwang setze. Die Aufdeckung von Skandalen habe oft Krisen zur Folge. Aber nicht diese seien gefährlich, "gefährlich ist das Versagen bei ihrer Aufarbeitung und Bewältigung". Und so sei die Aufdeckung auch nur die halbe Arbeit: Guter Journalismus gehe darüber hinaus, sei "Motor für Veränderungen, die die aufgedeckten Missstände abstellen. Das ist Pressefreiheit."

Gewiss werden immer mehr Menschen die Zeitung auch online lesen; das soll mir recht sein - Hauptsache, sie lesen Zeitung, ob digital oder analog.

Heribert Prantl

Viele sagten schon das Ende der Zeitung voraus. "Das ist ein Schmarren, und der Schmarren wird nicht besser, indem er immer wieder serviert wird. Gewiss werden immer mehr Menschen die Zeitung auch online lesen; das soll mir recht sein - Hauptsache, sie lesen Zeitung, ob digital oder analog. Wenn man auf beiden Schienen fährt, erreicht man das Ziel." Zeitungen in den Zeiten des Internets: Noch nie sei das Bedürfnis nach einem orientierenden, aufklärenden, verlässlich einordnenden, klugen Journalismus so groß gewesen, wie heute: "Guter Journalismus geht in die Tiefe. Das gibt es aber nicht umsonst. Die Zeitung ist, anders als die Schraubenfabrik, systemrelevant für die Demokratie."

Ein Interview mit Ambergs Stadtarchivar Johannes Laschinger

Die Bilder vom Festakt

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