04.05.2021 - 11:03 Uhr
AmbergOberpfalz

Nach 27 langen Wochen muss auch der Kunstskandal ausfallen

Auf diesen Rekord könnte Achim Hüttner gut und gerne verzichten. 27 lange Wochen waren seine Kunstwerke in der Alten Feuerwache in Amberg ausgestellt. Gesehen hat sie aber fast niemand. Dafür wäre beinahe ein Kunstskandal passiert.

Museumsleiterin Julia Riß und Künstler Achim Hüttner am "Tatort". Von der Fensterscheibe ist die Erklärung zum Bild dahinter verschwunden.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Schon die Vernissage der Ausstellung zum 70. Geburtstag von Achim Hüttner in der Galerie Alte Feuerwache Ende Oktober 2020 stand unter keinem guten Stern. Die zweite Corona-Welle schwappte gerade über das Land, die Freiheiten des vergangenen Sommers zerbröselten schon wieder im Schatten des nahenden Lockdowns. Bereits die Vernissage musste daher im sehr kleinem Kreis laufen. Ohne das sonst übliche sich dicht an dicht drängende Kunstpublikum, das so ein kulturelles Ereignis normalerweise schon sehr zu schätzen weiß. Wein gab es ohnehin nicht zu trinken, der Künstler und sein Publikum waren also ziemlich unglücklich mit den äußeren Umständen.

Nach der Vernissage war Schluss

Nach der Vernissage war dann auch schon gleich wieder Schluss mit Kunst und Kultur, seither beschäftigen wir uns hauptsächlich mit Inzidenzen, Impfstoffen und Corona-Tests. Und so war die Ausstellung mit den Bildern und Skulpturen von Achim Hüttner mit dem wohlklingenden Titel "Kunst ausm Koffer" zwar von außen durch die Fensterscheiben zu sehen, aber nicht von innen zu betrachten. Wer es wollte, der konnte 27 Wochen lang "Kunst durchs Fenster" gucken und sich vorstellen, wie es wäre, drinnen zu sein.

Aber auch das ist jetzt vorbei, der Künstler räumt die Alte Feuerwache und weist darauf hin, man könne ja die dort so lange ausgestellten Dinge trotzdem noch immer käuflich erwerben. Beispielsweise das Bild, das beinahe einen handfesten Kunstskandal provoziert und hervorgebracht hätte. Mit von der Partie waren und sind hier der große Joseph Beuys, ein toter Hase und eine Fensterscheibe. Was sich insofern gut trifft, weil Joseph Beuys mit besagtem toten Hasen im Arm einmal selbst für einen veritablen Kunstskandal gesorgt hat, der übrigens nicht sein einziger blieb.

Das Bild ist keine Badewanne

Einem der bekanntesten Skandale im Kulturbereich fiel aber Joseph Beuys – oder vielmehr eines seiner Kunstwerke – im Jahr 1973 zum Opfer. Zwei Damen fanden in einem Abstellraum eine alte, schmutzige Badewanne voller Fett und Filz. Weil sie ein Behältnis zum Gläserspülen brauchen, machte sie das unappetitliche Ding blitzblank sauber und zerstörten damit ein unersetzliches Werk des großen Joseph Beuys. Aber das nur am Rande. Achim Hüttner jedenfalls nannte sein Bild "Wie Joseph Beuys dem toten Hasen das Amberger Verkehrskonzept erklärt". Das geschah in Anlehnung an die Aktion von Beuys, in der dieser 1965 mit einem toten Hasen durch seine Ausstellung wanderte und ihm diese fast drei Stunden lang unter Ausschluss des wartenden Publikums erklärte. Damals ein wirklich grandioser Skandal, übrigens.

Seinen Erklärtext zum Bild mit Beuys und Hasen aber schrieb Achim Hüttner mit einem Stift außen auf die Fensterscheibe, gegen die er das Bild gelehnt hatte. Das Kunstpublikum konnte sich also von draußen das Bild anschauen und meinen, der Schriftzug wäre mit diesem zu einer künstlerischen Einheit verschmolzen. Nun ist aber ausgerechnet diese Schrift nach 27 langen Wochen verschwunden. "Ein Schelm, wer Böses dabei denkt", sagt Achim Hüttner und vermutet absichtliches Entfernen seiner durchaus systemkritischen Worte. Museumsleiterin Julia Riß hingegen kombiniert eher einen an der Schrift nagenden Zahn der Zeit, ein vielleicht unvorsichtiges Hinwischen eines von draußen Betrachtenden oder die Folgen von Wind und Wetter. Denn Teile der Buchstaben sind sogar nach einem halben Jahr noch zu erkennen.

Im Werkkatalog ist das Bild komplett

Zum richtigen Skandal wird es also nicht ganz reichen, zumal ja Achim Hüttner durch das jetzige Entfernen des Bildes das Gesamtkunstwerk ohnehin zerstören muss. Die Fensterscheibe der Alten Feuerwache kann er ja schlecht ausbauen und mitnehmen. In seinem Werkkatalog ist es zumindest komplett verzeichnet. Und wer das Bild kaufen möchte, kann darauf bestehen, dass der Künstler selbige Schrift wieder darauf anbringt. So bleibt diesem Bild wahrscheinlich das Schicksal der Plastikfliege aus einem Kunstwerk erspart, die vor einigen Jahren im Luftmuseum im Staubsauger der Putzfrau verschwunden ist. Die soll dem Vernehmen nach nie wieder aufgetaucht sein.

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