12.03.2021 - 10:48 Uhr
AmbergOberpfalz

Ärzte und Eltern fordern Rückkehr an Schulen und Kindergärten

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Eine Rückkehr an Schulen und Kindergärten - unabhängig vom Inzidenzwert - fordern zwei Ärzte mit der Initiative "Lobby für Kinder". Unterstützung bekommen sie von 350 Eltern und Kinderärzten auch aus Amberg und Amberg-Sulzbach.

Ein Mann und zwei Kinder werfen Schatten auf eine bunt bemalte Wand einer Kita. Wie wirkt sich der Lockdown auf die Kinder aus? Kinderärzte berichten von Veränderungen.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Die psychischen Probleme von Kindern nehmen zu. Diese Erkenntnis veranlasste eine Kinderärztin aus Nabburg und einen Allgemeinmediziner aus Oberviechtach zu handeln. Sie gründeten die Initiative "Lobby für Kinder" und haben eine zentrale Forderung: Die Schulen und Kindergärten müssen unabhängig vom Inzidenzwert wieder öffnen. Rund 350 Elternbeiräte aus der Region haben sich innerhalb weniger Tage der "Lobby für Kinder" angeschlossen. Darunter auch Kinderärzte und Eltern aus Amberg und Sulzbach-Rosenberg.

Die Initiatoren sind Dr. Regina Schwindler, Kinderärztin und Mutter von drei Kindern, aus Nabburg und Dr. Alexander Ried, Allgemeinarzt in Oberviechtach, Vater von vier Kindern. "Uns fiel auf, dass wir in der letzten Zeit beide in unseren Praxen eine deutliche Zunahme an psychischen Problemen bei Kindern feststellen mussten. Auch bei den eigenen Kindern können wir sehen, was diese lange Zeit ohne Schule oder Kindergarten mit den Kindern macht", erklärte Dr. Ried die Beweggründe für die Aktion. "Und wenn wir Probleme sehen, sind wir gezwungen zu handeln - als Eltern und besonders als Ärzte." Die Kinder in den Grenzregionen seien aktuell besonders betroffen. Die Inzidenzzahlen liegen weit über 100. Eine Aussicht auf Wechselunterricht gibt es nicht. "Während wir Eltern Tag für Tag unserer Arbeit nachgehen dürfen, sowie Baumärkte und Frisöre wieder öffnen dürfen, sind unsere Kinder weiterhin zu Hause. Seit Mitte Dezember letzten Jahres sind Kinder ihrer sozialen Kontakte beraubt und bekommen keine adäquate Bildung", so Dr. Ried. Die Situation schlägt sich auf Körper und Geist nieder. Die Ärzte stellen zunehmend depressive Verstimmungen, Angststörungen, Gewichtszunahmen, Regressionen (das Zurückfallen auf frühere Stufen der kindlichen Entwicklung) sowie allgemeine Entwicklungsverzögerungen in allen Altersgruppe fest.

Zerschnittene Kuscheltiere

Auch Dr. Kristina Abredat hat sich der Initiative angeschlossen. Die Kinderärztin aus Sulzbach-Rosenberg hat festgestellt, dass die Kinder extrem unter der Situation leiden. "Wir machen zurzeit viele Vorsorgeuntersuchungen. Die Patienten kennen wir also sehr gut, da wir sie betreuen, seit sie Babys waren. Viele Familien haben ein tolles Umfeld, Geschwisterkinder, und geraten jetzt trotzdem an ihre Grenzen, je länger dieser Lockdown dauert." Sie erlebt Grundschulkinder, die ihre Kuscheltiere zerschneiden oder Klamotten durch die Gegend pfeffern - "und das bei solchen, die nie verhaltensauffällig waren". Die älteren Kinder haben mit Depressionen zu kämpfen. "Ich habe noch nie in meiner Kinderarztzeit so viele Psychotherapie-Anträge ausgefüllt wie jetzt." Gerade Gymnasialkinder, die differenziert denken, klagen bei Dr. Abredat darüber, dass sie den fehlenden Stoff nie wieder aufholen können. Bei Kindergartenkindern fällt der Medizinerin auf, dass diese ihre Freunde so sehr vermissen. "Und die Förderung fehlt. Wir schreiben auch so viele Schulrückstellungen wie noch nie." Und Dr. Alexander Ried sieht "die Traurigkeit und Resignation in den Augen der Kinder bei der Frage: Wie geht es dir denn?, das tut einem in der Seele weh". Besonders den Kindern im ostbayerischen Raum fehle aufgrund der anhaltend hohen Inzidenzwerte eine langfristige Perspektive. "Wer soll diese Probleme auffangen, wer zahlt die Unterstützung, die in den nächsten Jahren nötig sein wird? Noch viel wichtiger: Wo finden sich all die Therapieplätze hier im ländlichen Raum? Weder Psychologen noch Psychotherapeuten oder Logopäden und Ergotherapeuten wachsen auf den Bäumen. Die Schäden an der „Generation Corona“ überwiegen den Nutzen", adressiert er an die politischen Entscheidungsträger. Auch Dr. Kathrin Dauer, stellvertretende Vorsitzende des gemeinsamen Elternbeirats der Amberger Grundschulen, ist mit im Boot: "Wir stimmen vollständig mit den Forderungen der Initiative überein. Wir fordern eine Rückkehr zum Präsenzunterricht für alle, um die Chancengleichheit und psychische Gesundheit unserer Kinder zu wahren." Ihre Aufforderung an die Entscheidungsträger klingt banal, doch nach einem Jahr Corona-Pandemie ist es vor allem ein Hilferuf: "Die Politik muss ein tragfähiges Konzept vorlegen. Bildung ist systemrelevant."

Als Lehrerin an einer Grundschule in Amberg hat Sabine M. (Name geändert) definitiv ein Problem damit, wenn die Schule tageweise öffnet und wieder schließt, wie es vergangene Woche der Fall war. "Das geht gar nicht. Da kennt sich wirklich keiner mehr aus." Grundsätzlich kämen die Kinder ihrer Klasse mit der Situation weitgehend gut klar, aber auch nur soweit die Eltern souverän unterstützen. "Komplett überfordert sind die Familien, die kaum oder wenig Deutsch sprechen."

Studie mit Gurgel-Tests

In einer Presseinformation der Initiative heißt es: "Corona wird in den nächsten Jahren unser ständiger Begleiter bleiben, denn eine Pandemie dauert in der Regel mindestens drei Jahre. Aufgrund von Mutation des Virus ist es sogar wahrscheinlicher, dass es fünf bis zehn Jahre sind. Wir können unseren Kindern diesen Dauer-Lockdown nicht auf ewig zumuten. Masken, Abstand, Lüften, Lüftungsgeräte, regelmäßige Tests an Bildungsinstitutionen, Impfungen für Lehrer – das alles sind Maßnahmen, die das Infektionsrisiko deutlich minimieren." Dr. Ried nennt als Beispiel eine Studie an Regensburger Schulen, die von Professor Dr. Michael Kabesch, Chefarzt und Klinikleiter der pädiatrischen Pneumologie und Allergologie der Klinik St. Hedwig in Regensburg geleitet wird. Diese Studie namens wicovir (www.we-care.de/wicovir) diene der Früherkennung von Corona-Infektionen an Schulen mittels zwei Mal wöchentlich durchgeführten Gurgel-Tests, welche in sogenannten Pools von bis zu 30 Proben untersucht werden. "Wir müssen diese Möglichkeiten zur Reduktion des Infektionsrisikos nur endlich nutzen", fordert der Allgemeinmediziner. Nicht hilfreich sei dagegen ein „Tag der offenen Schule“ ohne Unterricht in Hotspot-Regionen wie Kultusminister Michael Piazolo verkündet habe. Die Initiative fordert scheinbar selbstverständliches: „Jedes Kind ist gleich viel wert! Behandelt unsere Kinder gleich!“

Initiative aus Amberg: Elternbeiräte schreiben an Politiker

Amberg
Info:

Lobby für Kinder

  • Die Initiative wurde am 8. März in einer Zoom-Konferenz nach einem Aufruf im Neuen Tag gegründet.
  • Ihre Forderungen werden an an Bürgermeister, Landräte und Landtagsabgeordnete gerichtet. "Erste Gesprächstermine gibt es schon. Wir hoffen, mit vielen Funktionsträgern diskutieren zu können", sagt Dr. Alexander Ried.
  • Wer sich "Lobby für Kinder" anschließen will, kann eine E-Mail an LobbyfuerKinder[at]gmx[dot]de schreiben.

Die Traurigkeit und Resignation in den Augen der Kinder bei der Frage: ;Wie geht es dir denn?", das tut einem in der Seele weh.

Dr. Alexander Ried

 

 

Kommentare

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Erich Wein

zu "Ärzte und Eltern fordern Rückkehr an Schulen und Kindergärten"
Irgenwie werde ich das Gefühl nicht los, dass die Initiatoren der (ehrenwerten) Initiative "Lobby" für Kinder" sich in der extrem schwierigen Zeit ein Thema herausgreifen, dem das besondere Mitgefühl der Menschen sicher ist. Um die anscheinend alles dominierenden möglichen psychischen Probleme der Kinder zu verhindern, fordern sie ein uneingeschränktes Öffnen der Kitas, Kindergärten und Schulen. Lehrer und Wissenschaftler warnen ringend davor. Ich bin jetzt total verunsichert: Steht die intakte Psyche unserer Kinder über der "Volksgesundheit"? Sind Kinder nicht in der Lage, derartige schwierige Phasen auch zu verarbeiten, ohne bleibende Schäden zu nehmen? Wir sollten einmal die Generation fragen, die den Krieg als Kinder miterlebt hat und der keine Psychiater, Psychologen, Therapeuten und Kinderärzte und -ärztinnen zur Seite standen. Hilfreich wäre in dieser Situation auch ein Besuch im Flüchtlingslager auf Lesbos. Hier müssen die Kinder mit sehr realistischen Problemen selbst zurecht kommen, dass sie z. B. von Ratten angefressen werden. Vielleicht würde ein wenig mehr Augenmaß die Situation sinnvoll relativieren.

13.03.2021