In einer Pressemitteilung kommt Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus: „Uns überzeugten die Ideen der oberpfälzischen Stadt, die schon vieles an Digitalisierung auf den Weg gebracht hat“, heißt es in einem Schreiben aus München, in dem auch bestätigt wird, dass Amberg Fördergelder erhält. 60.000 Euro überweist der Freistaat heuer und im nächsten Jahr. Den gleichen Betrag steuert die städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaft Gewerbebau laut Geschäftsführer Karlheinz Brandelik bei, um den Handel und die Altstadt nach dem Lockdown zu unterstützen. Hubert Aiwanger findet das gut: „Amberg will noch besser werden, um den lokalen Einzelhandel dank digitaler Medien noch zu stärken. Die Stadt (...) ist ein motivierendes Beispiel für die Zukunft, das hoffentlich viele Nachahmer findet!“
Was denken aber die Einzelhändler und Ladenbetreiber über die Digitalisierung der Einkaufsstadt und die Ideen der Wirtschaftsförderer? Bernhard Jahn, der Inhaber der Porzellangalerie, freut sich, dass nun Geld fließt: „Ich bin felsenfest überzeugt, dass die Wirtschaftsförderung mit dem Geld das Richtige macht.“ Was Jahn jedoch nicht versteht, ist, warum das Ministerium das Geld auf zwei Jahre verteilt und nicht auf einmal: „Dann hätte man jetzt einen richtigen Startschuss.“
„Eigener Marktplatz wäre besser“
Die Idee, einen Online-Marktplatz aufzubauen, findet der Unternehmer ebenfalls gut, wenngleich er auch hier Einwände hat: „Ein eigener Marktplatz wäre mit Sicherheit besser als einer auf Ebay“, denn derart große Unternehmen „wollen immer bei allem mitverdienen“. Jahn sagt auch: „Die 120 000 Euro sind aus meiner Sicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber es ist ein Anfang.“ Dieser Startschuss hätte laut Patrik Dedic schon viel früher fallen müssen: „Das Projekt kommt zehn Jahre zu spät.“ Für den stationären Handel sei der Online-Zug teilweise längst abgefahren, bestimmte Branchen würden einfach verschwinden: „Es gibt in Amberg ja auch keinen mehr, der Pferdekutschen baut.“ Dedic, der den Drucker-Tankwart-Laden aufgebaut hat und betreibt, will aber nicht zu pessimistisch klingen: „Nichts zu tun, wäre auch der falsche Ansatz. Wir müssen jetzt anfangen. Sofort.“
„Das ist eine Null zu wenig“
Der Unternehmer bedauert, dass es sich bei der in den nächsten beiden Jahren verfügbaren Summe „nur“ um 120 000 Euro handelt: „Das ist eine Null zu wenig.“ Was er auch kritisiert: Aus Sicht der Staatsregierung wäre es besser gewesen, nicht nur Geld zu überweisen, sondern auch ein Konzept an die Hand zu geben, das sich woanders bereits bewährt hat: „Das wäre eine wirkliche Förderung.“ Grundsätzlich müsse aber erst der Begriff klar definiert und auch erklärt werden: „Digitalisierung heißt nicht, dass man eine Firma online bringt.“
Das beste Beispiel sei er selbst: „Ich habe keinen Online-Shop, denke aber, dass ich sehr digital bin. Für mich ist Digitalisierung das digitale Auftreten. Sei es die Homepage oder Social Media. Sei es, ein richtiges Kassensystem zu haben.“ Denn das habe Vorteile: „Ich drücke auf einen Knopf und weiß, welcher Tag ist gut, welcher ist schlecht, welche Uhrzeit ist gut, welche nicht. Freitags machen wir um 16 Uhr zu, weil wir zwischen 16 und 18 Uhr fast nichts verkaufen.“ Ohne Digitalisierung würde er das nicht wissen, sagt Dedic: „Da müsste man sonst handschriftlich Buch führen und mitschreiben.“
"Alleine nicht machbar"
Die Online-Marktplatz-Idee hört sich auch für Rainer Wild vom Crooklyn-Store gut an, denn: „Alleine ist das nicht machbar.“ Sein Laden verfüge zwar über einen Internet-Auftritt, doch dieser habe einen rein informativen Charakter: „Es ist keine Bestellplattform.“ Anstrengungen, Kosten und Nutzen stünden in keiner Relation: „Das ist unheimlich viel Aufwand für ein unbestimmtes Ergebnis.“
Gerade für ein kleineres Geschäft wie das von Rainer Wild wäre es schön, „wenn man seine Produkte platzieren kann, um einfach Präsenz zu zeigen. Welche Marken man im Sortiment hat, zum Beispiel.“ Christiane Hellbach ist keine Einzelhändlerin, aber Professorin an der Weidener Business School der Ostbayerischen Technischen Hochschule. Ihr Lehrgebiet: Handelsmanagement. Sie kennt Amberg von vielen Besuchen und sagt mit Blick auf die „Digitale Einkaufsstadt“: „Die Ziele sind zunächst Frequenz und Verweildauer, um die Umsätze zu erhöhen oder sie überhaupt wieder zu generieren.“ Die Digitalisierung leiste da einen enormen Beitrag: „Weil die meisten Menschen das Handy dabei haben. Das ist nun mal das zentrale Gerät. Das ist auch ein Gerät, über das ich zusätzliche Informationen über den stationären Einzelhandel ablesen kann.“
"Ziele klarer herausarbeiten"
Was der Einzelhandel benötige, seien Kooperationen. In Amberg zum Beispiel von Wirtschaftsförderung, Stadtmarketing, Einzelhandelsverband, Bund der Selbstständigen und Einzelkämpfern: „Es gibt viele Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Die bestehenden Netzwerke müssen noch besser und schlagkräftiger zusammenarbeiten. Da muss ein Bewusstsein her, dass im Grunde alle dasselbe Ziel haben. Das muss noch viel klarer herausgearbeitet werden. Das ist wichtig. Gerade für die Kleinen.“ Und diese Notwendigkeit sei größer als jemals zuvor. Auch das sagt die Professorin: „Es gibt viele Kunden, die ihre Stadt jetzt unterstützen wollen und sagen, dass sie gern in der Innenstadt kaufen möchten.“ Diese neue Bereitschaft müsse genutzt werden. Und zwar jetzt. Beispielsweise auch in Form von Aktionen: „Die Emotionen von Menschen müssen angesprochen werden. Das große Plus des stationären Einzelhandels ist es, ein Erlebnis zu bieten.“
Auch zu den für Amberg angekündigten „Click & Collect“-Boxen, in denen Händler Bestellungen platzieren, die von den Kunden abgeholt werden, wenn es ihnen zeitlich passt, hat Christiane Hellbach eine klare Meinung: „Die Nähe von Parkplätzen ist wichtig. Viele Leute wollen das schnell machen. Darum geht es ja gerade.“ Und die Behälter müssten attraktiv sein: „Sie müssen zu Amberg und zum Stadtbild passen.“ Auf keinen Fall dürften sie aussehen wie die Packstationen von Post oder Amazon: „Hier brauchen wir welche, die vielleicht sogar das Stadtbild in sich tragen.“
„Die Emotionen von Menschen müssen angesprochen werden. Das große Plus des stationären Einzelhandels ist es, ein Erlebnis zu bieten.“
Digitale Einkaufsstädte in Bayern: Amberg ist die Nummer 20
Oberpfalz: Neumarkt
Oberfranken: Coburg, Hof, Forchheim und Ebermannstadt
Unterfranken: Bad Kissingen, Bad Neustadt und Gerolzhofen
Mittelfranken: Gunzenhausen und Nürnberger Land
Schwaben: Günzburg und Sonthofen
Oberbayern: Pfaffenhofen, Moosburg, Traunreut und Rosenheim
Niederbayern: Plattling, Bodenmais und Straubing

















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